Theater der Zeit

Theater ist gemeinsames Atmen

Über das Studium der Puppenspielkunst (eins)

von Enikő Mária Szász

Erschienen in: Puppe50 – Fünf Jahrzehnte Puppenspielkunst an der HfS Ernst Busch Berlin (12/2023)

„Die lustige Grille“, Ensemblediplom Enikő Mária Szász, Cosima Krupskin, Leitung Pierre Schäfer.
„Die lustige Grille“, Ensemblediplom Enikő Mária Szász, Cosima Krupskin, Leitung Pierre Schäfer.Foto: Barbara Braun / MuTphoto

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„Die Puppe ist die Verherrlichung unseres schöpferischen Instinkts, die Be­to­nung unserer Unendlichkeit, ein barbarischer Selbsttrost, eine Verspottung des Todes.“ (Dezső Kosztolányi)

Das Zitat des ungarischen Schriftstellers Dezső Kosztolányi beschreibt die Ori­ginalität des Puppen- und Figurentheaters oder des Theaters der Dinge auf treffende Weise. Die ständige Suche nach dem Sinn des Lebens, der ständige Kampf mit unserer Existenz, die Suche nach Antworten, der Wunsch, diese seltsame, komische, unerklärliche Welt, die uns umgibt, zu erklären.

In den letzten Jahren unseres Studiums ist viel passiert, in der Welt, aber auch in unserem Beruf. Das hat sich oft aufeinander ausgewirkt, und dadurch haben wir, die Gestalter der Szene, uns auch verändert. In diesem Veränderungsprozess wurde und wird oft über den Begriff Puppentheater diskutiert, und die Szene hat sich in gewisser Weise auf „Theater der Dinge“ als Sammelbegriff geeinigt. Aber was genau ist das Theater der Dinge und warum studiert man es? Auf solche Fragen antworte ich meistens mit dem obigen Zitat oder etwas Ähnliches in meinen eigenen unbeholfenen Worten. Das Zitat hängt an der Wand des Budapester Puppentheaters, das ich in meinem bisherigen irdischen Leben oft besucht habe.

Ein kleines Mädchen rennt durch das Foyer des Budapester Puppentheaters. Es ist der erste Weihnachtstag , sie läuft direkt zur Vitrine und begrüßt den Nussknacker, der gleich auf die Bühne geht. „Toi, toi, toi“, sagt das kleine Mädchen, „viel Spaß!“, zwinkert der Nussknacker.

Ich sage oft, dass ich diesen Beruf nicht gewählt habe, sondern dass der Beruf mich gewählt hat. Als ich mich konkret entschied, Theater der Dinge zu studieren, suchte ich nach einem Ort, nach Menschen, nach einer Institution, die meine Leidenschaft auf ähnliche Weise interpretieren. Obwohl ich noch völlig verloren war, wusste ich schon mit den ersten Atemzügen in der Zinnowitzer Straße: Ich habe diesen Ort gefunden. Während unseres Studiums fühlte ich mich immer geführt, hatte aber auch genügend Freiraum, um meine eigene künstlerische, puppige Stimme und Funktion zu finden. So kurz nach dem Ende meiner Zeit an der „Ernst Busch“ sehe ich mich als Bote. Ein Bote zwischen unserem urmenschlichen Gefühl, unseren Grundfragen, unserer Unendlichkeit und der zeitgenössischen Gesellschaft, unserer Gemeinschaft und unserem gegenwärtigen irdischen Dasein.

Ein kleines Mädchen rennt durch das Foyer der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Links rascheln die riesigen Baufolien an den Wänden der noch unfertigen Mensa. Der Beton ist grau und sauber. Man hört die neuen Namen, die sie lernt, in dem Echo widerhallen. Die Umzugskisten bilden noch ein Grundmotiv, die frische Farbe riecht noch nach etwas Halbfertigem. Genau wie wir.

Ein Teil des 45. Studiengangs für zeitgenössische Puppenspielkunst zu sein, war nicht nur deshalb so besonders, weil ich mit den großartigsten Menschen zusammen studiert habe (Colin Danderski, Linda Fülle, Cosima Krupskin, Johanna Kunze, Keumbyl Lim, Janna Mohr, Moritz Schönbrodt, Gabriel Tauber), sondern auch, weil wir diese Reise zusammen an dem neuen Standort der Schule begonnen haben, nämlich in der Zinnowitzer Straße 11. 

Die Dozierenden, die Mitarbeiter, die neuen Studierenden, die alten Studierenden, die alten Spinde, die neuen Spinde, die Wände, die Möbel, die Requisiten, die Scheinwerfer, die Kostüme im Fundus, die Puppen im Fundus, der verschwitzte Akrobatikteppich, die Lieblingsheißklebepistole von Ingo Mewes, die Schauspieler, die Choreografen, die Regieleute, die Dramaturgie, ach ja, und die Puppenspieler. Sie waren alle da, bereit zu entdecken, was dieser neue Ort, den wir hier zwischen Ost und West, im Herzen von Europa, miteinander teilen, mit uns als Gemeinschaft macht.

In diesen Jahren und auf dieser neuen Reise war das Aufregendste für die Abteilung Zeitgenössische Puppenspielkunst, zu beobachten wie unsere Kollegen aus den anderen theatralen und künstlerischen Bereichen die „Puppe“, das Theater der Dinge, entdecken. Das stetig wachsende Interesse, die Begeisterung und Neugier für alle möglichen Verschmelzungen von Theaterformen, die Entdeckungslust, Neues zu wagen, hat unsere Szene in letzter Zeit geprägt und eine neue Richtung in der zeitgenössischen darstellenden Kunst aufgezeigt.

Ein kleines Mädchen tanzt über die Bühne des bat-Studiotheaters.
Um es herum Künstlerinnen des Bewegungstheaters und achthundert Backsteine aus Schaumstoff.
Sie bauen Figuren, sie bauen Geschichten, sie bauen Mauern ab.

Körper und Ding,

Mensch und Puppe,

Haut und Material treffen sich.

Es entstehen Raum und Luft.

Diese große Familie der zeitgenössischen Puppenspielkunst ist ständig in Bewe­gung. Ikonische Dozierende gehen in den Ruhestand, Studierende kommen und gehen, ehemalige Studierende kehren zurück, um zu unterrichten. Kollegen streiten und /oder verlieben sich, ziehen in ein anderes Land, gründen Kollektive, leben, schaffen, reisen, weinen, lachen zusammen. Aber man sagt nie Lebewohl. Teil der HfS gewesen zu sein, gibt unserer Gemeinschaft ein starkes Fundament.

Eine Hochschule zu besuchen, vor allem so eine kleine, besondere Hochschule und ihre besondere Abteilung, bedeutet immer, dass individuelle Geschichten aufeinandertreffen. Individuen mit unterschiedlichen Hintergründen und inneren Welten kommen hier an und bilden ein „Zusammen“, das Theater ausmacht. Viel Senf aus vielen Richtungen in einer großen Schüssel. Das wird lecker, keine Frage.

Ein kleines Mädchen hat eine Idee.
Ein anderes kleines Mädchen hat auch eine Idee. Zwei kleine Mädchen
haben eine Idee. Mehrere kleine Mädchen haben mehrere Ideen. Die Idee hat ein kleines Mädchen.
Oder mehrere. Sie teilen die Ideen.
ie kleinen Mädchen machen eine Konferenz mit den Ideen.
Eine Idee verliebt sich in die andere. Sie haben eine Zukunft.

Ein halbes Jahrhundert ist seit der Gründung der Abteilung vergangen und wir stehen vor der Aufgabe, sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsfeld die Balance zwischen Tradition und Innovation zu finden. Wir müssen das „was war“ gut kennen, das „was ist“ nach unserem besten Wissen gestalten und das „was wird“ planen, erforschen und wagen.

Das Fest Puppe50 im Sommer 2022 wurde genau mit diesem Ziel organisiert. Tief durchatmen und schauen „WAS WAR? WAS IST? WAS WIRD?“. Diese Veranstaltung wurde hochschulübergreifend entwickelt und hat gezeigt, welche Kraft es hat, wenn man gemeinsam für ein Ziel arbeitet und eine Vision hat. Das Jubiläumsfestival war in erster Linie eine Geburtstagsfeier der Abteilung. Ein Rückblick auf die nostalgischen alten Zeiten, ein Showcase der Aktualitäten und ein Ausdruck des Wunsches, wie man sich die Zukunft vorstellt. Es war aber noch viel mehr, nämlich ein erstes Beispiel dafür, was passiert, wenn die Zinnowitzer Straße 11 gemeinsam agiert. Dieses Festival hat eine Richtung aufgezeigt, nämlich dass der Schlüssel zur Ausbildung in den verschiedenen darstellenden Künsten der Austausch ist. Austausch zwischen Dozierenden und Studierenden, zwischen Meistern und Lehrlingen, zwischen verschiedenen Genres, Traditionen, Gewohnheiten und Ideen. 
Ein kreatives Miteinander.

Ein kleines Mädchen legt den Briefumschlag des ersten Studiengangs Zeitgenössische Puppenspielkunst in die Zeitkapsel. Es ist der letzte Tag des Festivals Puppe50 im Jahre 2022.
Eine kleine Zeitkapsel in der Zeitkapsel. Die fünfzig Jahre Puppenspielkunst an der „Ernst Busch“ in einer Kiste. Die Dinge machen zwanzig Jahre Pause, niemand sagt Lebewohl.
Es ist der letzte Tag des Jubiläums und morgen beginnt die Zukunft.
Das kleine Mädchen fragt den Inhalt „Seid ihr bereit?“, die Dinge nicken eifrig und sie verschließt die Zeitkapsel. Es wird dunkel.

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