Theater der Zeit

Auftritt

neues theater Halle: Partitur der agralen Enge

„Mutter Vater Rind“ von Kathrin Vieregg (UA) – Regie Evy Schubert, Bühne & Kostüme Konstanze Grotkopp, Dramaturgie Zafer Tursun, Musik Carl-John Hoffmann

von Tom Mustroph

Assoziationen: Theaterkritiken Sachsen-Anhalt Dossier: Neue Dramatik Dossier: Uraufführungen Evy Schubert Neues Theater Halle

Wenn Systemtheorie auf zeitgenössische Dramatik trifft: „Mutter Vater Rind“ von Kathrin Vieregg in der Regie von Evy Schubert am neuen theater Halle.
Wenn Systemtheorie auf zeitgenössische Dramatik trifft: „Mutter Vater Rind“ von Kathrin Vieregg in der Regie von Evy Schubert am neuen theater Halle.Foto: Anna Kolata

Ein überdimensionales Euter hängt an der Decke, auf dem Boden eine mit Kunstfell bezogene rechteckige Plattform, die immer mal wieder über die Bühne bugsiert wird. Die Wände sind mit großen weißen Planen markiert, auf die ein paar grüne Pflanzenelemente aufgetragen sind. „Das ist der Hof“, sagen die vier Protagonisten immer wieder. Das Debütstück „Mutter Vater Rind“ der Autorin und ehemaligen Sozialarbeiterin Kathrin Vieregg ist bemerkenswert dicht, folgt einer kanonartigen experimentellen Sprechanordnung. Neben dem im Titel genannten Elternpaar sind das noch der Großvater und der Sohn, der Shrimp genannt wird. Das ebenfalls im Titel vorkommende Nutztier taucht als Abbild rot leuchtender, saftiger Fleischstücke auf Hemden und Kleidungsstücken auf. Um eine größere Anzahl Rinder und das sie umgebende Arrangement aus Ställen, Melkmaschinen und bäuerlichen Wohn- und Arbeitsstätten geht es dann auch.

Vieregg wendet den Kniff an, dieses Ambiente nicht naturalistisch auszumalen, sondern es in eine experimentelle Anordnung mit Anleihen an die Systemtheorie nach Niklas Luhmann zu überführen. Gut, die Spielregeln, die sie entwickelt, und die Regisseurin Evy Schubert auch teilweise brav aufsagen lässt, muten eher wie eine Vulgärversion des Luhmannschen Theoriegebäudes an. „Die Frage ist nie, was im System passiert. Die Frage ist: wie“, lautet eine davon.

Trotz aller Vereinfachung führt es aber dazu, das bäuerliche Drei-Generationen-System als eine Art Spielarrangement und Konstellation von Machtverhältnissen zu begreifen. Schubert nimmt den Ball auf, lässt das Ensemble Positionen einnehmen, die an Familienaufstellungen erinnern, und nutzt dies als Startpunkt für neue Szenen. Missglückte Umarmungen von Vater (Lukas Coleselli) und Sohn (Franz Blumstock) kommen so zustande. Das Spannungsverhältnis von Großvater (Till Schmidt) und Schwiegertochter (Kinga Schmidt) wird ohne große Worte in Szene gesetzt. Sparsam geht auch Bühnen- und Kostümbildnerin Konstanze Grotkopp mit illustrativen Elementen um. Nur das riesenhafte Euter droht von oben wie ein Zentralgestirn. Es verwandelt sich später in den Fesselballon einer versuchten Ausbruchsszene. Dem herrischen Großvater wird noch ein Kuhschwanz als Peitsche zugestanden. Ansonsten aber ist die Bühne weitgehend leer. Sie funktioniert prächtig als Assoziationsraum für den Hof samt Ställen, die Weite der Felder ringsum und auch die Tiefsee, in die sich Shrimp mitunter träumend hineinflüchtet.

Den Text hat Vieregg als Partitur angeordnet. In vier Spalten sind den Figuren Textfetzen zugewiesen. Die sind mal dialogisch, gelegentlich einander kommentierend und einander paraphrasierend. Immer wieder sorgen sie aber auch für Sprünge und Abbrüche. Schubert nimmt das Arrangement ernst und komponiert mit ihrem Viererensemble daraus eine Art rhythmischen Chorgesang. Konflikte zwischen den Figuren bleiben dennoch sicht- und spürbar, etwa zwischen dem Patron und der von diesem als nicht agraraffin genug eingeschätzten Schwiegertochter. Wieder schlägt Systemtheoretiker Luhmann durch, wenn sich zeigt, wie stark das System Bauernhof die Verhältnisse der dort eingebetteten Akteure bestimmt. Ein wenig mehr Spieltrieb hätte man Vieregg hier gewünscht, etwa in wechselnder Zuordnung von Machtpositionen, einem Zugeständnis abseits archetypischer Verhaltensmuster. So zieht sich fast zwangsläufig auch durch Schuberts Inszenierung leider durch, dass der Opa eher plump-patriarchisch, dessen Sohn folgsam-dümmlich, die Schwiegertochter resolut-aufbegehrend und der Shrimp vor allem weltfremd-träumend in Erscheinung tritt.

Interessant bleibt das musikalische Fließen, Auf- und Abschwellen der Sprache. Vieregg erweist sich als eine vielversprechende neue Stimme in der deutschsprachigen Dramatik. Schubert kreiert ein geeignetes Instrumentarium, um diese Stimme zur Geltung zu bringen. Auch die lange Momente ohne Sprache, die sie sich traut, und die den Raum für Assoziationen öffnen, sind an dieser Inszenierung in der kleinen nt-Kammer bemerkenswert. Was verlangt man mehr von einer Uraufführung?

Erschienen am 23.3.2026

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