Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Lilith Stangenberg: Kunst ist Bekenntnis (12/2019)
Wenn man einen Themenschwerpunkt über die digitale Revolution im Theater macht, muss man zunächst einmal über Ochsenfrösche reden. Mit Jürgen Schmidhuber, einem der führenden Forscher zu künstlicher Intelligenz (KI) und Vater des Deep Learning, also selbstlernender KI. Aus Sicht einer zukünftigen, also sehr schlauen KI, so Schmidhuber, werde der Homo sapiens nur ein evolutionärer Zwischenschritt sein. Konflikte zwischen Mensch und KI entkräftet er: Zum Beispiel seien wir ja auch viel klüger als Ochsenfrösche, quasi unsere evolutionäre Vorstufe; dennoch würden wir nicht versuchen, Ochsenfrösche systematisch auszurotten. Warum also sollte eine KI uns vernichten wollen? Langfristig indes werde der Mensch, ähnlich wie die Ochsenfrösche, die ja keine wichtigen Entscheidungsträger mehr seien, keine große Rolle mehr spielen. So nachzulesen in einem Beitrag in der ZEIT – und schwups, springt beim Menschen die Fantasie an, produziert Zukunftsszenarien, wahlweise dystopisch oder utopisch.
Momentan müssen KIs aber noch sehr viel lernen, angeleitet von den Menschen. Unser Dezember-Schwerpunkt Theater und Digitalität zeigt anhand zweier Beiträge, was KI heute so kann. Zum einen hat das Virtual-Reality-Kollektiv CyberRäuber für unser Cover-Foto eine KI den Manga-Zeichenstil von Katsuhiro Otomo auf ein Bild der Schauspielerin Lilith Stangenberg anwenden lassen, die Gunnar Decker in dieser Ausgabe porträtiert: als eine Künstlerin, die sich nach dem kompromisslosen Ausdruck sehnt und nach dem Ende der Castorf-Volksbühne zwischen Film und Theater ihr künstlerisches Zuhause sucht. Zum anderen haben wir anstelle des für unseren Stückabdruck üblichen Autorengesprächs die Dramatikerin Martina Clavadetscher gebeten, dem neuralen Netzwerk GPT-2 der CyberRäuber Fragen zu ihrem im Heft abgedruckten Stück „Frau Ada denkt Unerhörtes“ zu stellen – das Stück verlängert das Leben der real existierenden Computerpionierin Ada Lovelace in einer wilden KI-Spekulation über deren Tod hinaus. Die CyberRäuber selbst stellt Tom Mustroph in unserem Künstlerinsert vor. Sie sind auf deutschen Bühnen Pioniere eines Theaters der virtuellen Realität. Auf ihren hyperstages verbinden sie digitale Technologien mit konventionellem Theater.
Dass es ein großes Missverständnis sei, Digitalität im Theater als bloßen Einsatz von innovativen Digitaltechniken zu verstehen, darauf verweist Anja Nioduschewski in ihrem Beitrag „Der Code als Kultur“. Denn die Digitalisierung, die sich als radikale Revolution unserer gesamten Lebensweise erweist, zeitige neuartige (zwischen)menschliche, soziale und politische Konflikte, die auf den Bühnen verhandelt werden müssten. In seinem künstlerischen Selbstverständnis müsse das Theater die digitalen Technologien hacken und kreativ umwidmen. Dazu braucht es Expertise. Die von Regisseur und Intendant Kay Voges neu gegründete Akademie für Theater und Digitalität soll sie liefern. Wir sprachen mit ihm über seine digitale Agenda, die Akademie und das Theater als Ort der Medienmündigkeit. Für den Theaterwissenschaftler Ulf Otto entscheidet sich das Schicksal des Theaters im Digitalen keineswegs in der virtuellen Realität oder mittels Robotik, sondern vielmehr mit der Frage nach der Repräsentation: als Vielfalt von Positionen und Stimmen im und über das Theater. In seinem Essay hält aber auch er fest: „Sinn zu machen (oder zu finden), ohne dass Algorithmen in der einen oder anderen Weise daran beteiligt wären, geht nicht mehr.“ Die Regisseurin Susanne Kennedy macht in ihren Inszenierungen den Modus des Menschen in diesem synthetischen Sein des digitalen Zeitalters erfahrbar. Thomas Oberender zeigt anhand ihrer Arbeiten wie sich unser Verständnis vom Körper, von Wirklichkeit oder Narration völlig verändert und hybrider darstellt.
Ganz ohne Digitales eröffnet Andreas Beck seine erste Spielzeit als Intendant des Münchner Residenztheaters, doch auch hier lautet das Motto „Was ist der Mensch?“. Christoph Leibold hat sich die ersten Produktionen angesehen, unter anderem die Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“ – fast eine Antwort auf diese Frage. Am Schauspiel Hannover wiederum startete Sonja Anders als neue Intendantin. Hier erfüllt sich Ulf Ottos Anspruch an Vielfalt im Theater. Dorte Lena Eilers war bei diesem Neustart dabei und stellte fest, dass die Institutionskritik der vergangenen Jahre hier programmatisch umgesetzt wurde: vom Critical-Whiteness-Workshop bis zur 360-Grad-Stelle für mehr Diversität. Alles richtig gemacht?! Hat Peter Handke zweifelsohne nicht. Dennoch muss Josef Bierbichler in seiner Kolumne das schriftstellernde Subjekt, gegen das das Feuilleton anlässlich des Nobelpreises zum Angriff blies, verteidigen. Richtig will und soll die Kunst nämlich nichtsmachen. Genau das würdigt Thomas Irmer an der Arbeit des Teatr Polski in Poznań, das entgegen der von der PiS-Regierung erwünschten nationalen Kunst mehr politische Komplexität auf die Bühne bringt. //
















