Theater der Zeit

I. EINLEITUNG

5. Bemerkungen zur Vorgehensweise

5.1 Wege spinnen

von Charlotte Wegen

Erschienen in: Recherchen 163: Der Faden der Ariadne und das Netz von Mahagonny im Spiegel von Mythos und Religion – Eine Untersuchung der Opernwerke Ariadne auf Naxos und Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny (05/2022)

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Um die eingangs dargestellte Kernthese dieser Arbeit näherhin entfalten zu können, wird die hier vorliegende Arbeit wie folgt vorgehen: Beide Opernwerke sollen je einzeln und für sich betrachtet sein und sich so gegenseitig – und unter Verzicht eines schulischen Vergleichs – erhellen. Zunächst wird Ariadne auf ihre besondere Gestik und Metaphorik hin untersucht werden. Dabei gliedert sich das ihr gewidmete Kapitel »Faden der Ariadne« in mehrere Untersuchungsabschnitte: So wird der erste Abschnitt die textimmanenten Merkmale des Librettos beleuchten. Dabei soll analysiert werden, wie der Text als Text funktioniert. Es wird zu erkennen sein, dass die Dynamik der Oper in Wirklichkeit fernab von jeder expliziten kulturpessimistischen Auseinandersetzung eine absolute Form der Statik bezeichnet.

Die Verschiebung der Rhetorik der Affekte zu einer Psychologie der Leidenschaften, die nach der Entstehung von Empfindungen aus der Eigenheit der Person und deren Stellenwert für die Begründung von Handeln fragt, hat auch für Ariadne zur Folge, »daß die durch den mythischen oder ständischen Typus festgelegte ›Rolle‹ durch den ›Charakter‹ ersetzt wird«.157 In dem Sinne, wie der durch Motive definierte Seelenzustand erst dadurch dramatisch wird, »daß er sich im zielgerichteten Handeln entlädt und auf Widerstand stößt«, in dem Sinne also, wie die Handlung sich in Spiel und Gegenspiel entfaltet, muss »die Statik des Ariadne-Komplexes für undramatisch« gehalten werden.158 Die Analyse umfasst beide einaktigen Elemente von Ariadne in ihrer chronologischen Reihenfolge: Vorspiel und Oper, in dieser Abfolge sollen sie beschrieben stehen. Den Ausgangspunkt des zweiten Teils bildet der Ariadne-Topos der griechischen Mythologie und damit die literarisierte Erzählung von Ariadne und Theseus: Anhand ihres Mythologems, dem Faden der Ariadne, welcher Theseus durch das Labyrinth geleitete und mit dessen Hilfe er den Minotauros tötete, soll die Dialektik von Mythos und Aufklärung, und damit die Verschränkung von Kultur, Kunst und Ökonomie aufgezeigt werden. Mittels des mythischen Stoffes wird so auf eine bereits vormoderne Auseinandersetzung mit einer mythisch verstandenen Natur verwiesen, die elementare Vorformen einer aufgeklärten Naturbeherrschung erkennbar macht und die in einer modernen Welt der Verdinglichung, der Vergesellschaftung und der Entfremdung gipfelt. Vor diesem Hintergrund erscheint es klar, dass sich eine moderne Transformation des ja sui generis unabgeschlossenen, offenen, ursprungslosen Mythos gerade anhand jener Elemente und Aspekte ausgestaltet. In diesem Problemfeld, das unter Bezugnahme abendländischer Philosophieliteratur erörtert werden soll, wird sich schließlich auch das Konfliktfeld der Kulturproduktion ergeben und den dritten Untersuchungsabschnitt eröffnen. In diesem sollen weniger die Mechanis- men moderner Vergesellschaftung diskutiert werden, vielmehr wird jener Abschnitt, der zugleich den Schluss der Untersuchung von Ariadne bildet, das Überschüssige, die subversive Kraft, die jeder Kulturleistung als Produkt menschlicher Tätigkeit innewohnt, in den Blick nehmen. Es bleibt also zu erörtern, wie ein Ausweg aus der Maschinerie der Kulturproduktion möglich sein könnte.

Im Anschluss an die Analyse von Ariadne soll die Oper Mahagonny und die Dynamik ihres Textes untersucht werden. Ihre Struktur wird dabei folgende Gestalt annehmen: Im ersten Untersuchungsabschnitt sollen anhand einzelner Szenen jene Momente auskristallisiert werden, in denen eine bessere Welt in Mahagonny aufscheint und damit jedwede Theorie, die von einem Mahagonny als verräumlichte Verdichtung allen menschlichen Übels ausgeht, widerlegt sein. Im zweiten Kapitel werden dann diejenigen Augenblicke aufgezeigt, die dieses Aufblitzen solcher Momente, in denen eine andere Welt gedacht wird, als bloße Andeutungen, als verschwindende Ahnungen offenbaren; nicht aber, um daraus einen pessimistische Deutung zu gestalten, sondern um das subversive Potential des Werkes zu betonen. In der Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von utopischen und dystopischen Elementen, die das Oszillierende des Textes manifestieren, wird sich dann auch die Frage abzeichnen, wie das Scheitern von Mahagonny zu beurteilen ist. Der dritte Untersuchungsabschnitt soll also erörtern, inwiefern Mahagonnys Aufstieg und Fall materialistisch oder ideengeschichtlich zu bewerten ist und damit die kapitalistische Dimension in Mahagonny implizieren. Dabei wird die Perspektive, die den »Kapitalismus als Religion« vertritt, den Abschluss der Analyse bilden: Sie ist dabei weniger dem Gedanken gewidmet, dass »die Schreckensrhetorik der christlichen Eschatologie […] in der ganz diesseitig gewordenen Mahagonny-Welt ihren Adressaten verloren«159 hat, vielmehr ist diese Welt in ihrer kapitalistischen Ausformung strukturell religiös. Das Scheitern von Mahagonny, an dessen Ende der »behauptete Traum-Ort der Glückseligkeit hinter seiner Glitzerfassade als dauernder Höllen-Raum der Verdammnis sichtbar« geworden ist und bei dem eine andere Welt ganz einfach nicht mehr verfügbar scheint160, wird dabei das Ende von allem, die Apokalypse völliger Immanenz beschreiben. Gerade diesem Ende als dem Ende von Geschichte ist eine subversive Kraft eingeschrieben, die zwar aus dem Scheitern des Menschen keinen Ausweg mehr weiß, allerdings die Wege vorher vor Augen führt, die der Mensch hätte beschreiten können, um sein eigenes Scheitern zu verhindern.

157 Thomé, Horst: »Ariadne bei Paul Ernst und Hugo von Hofmannsthal. Konzepte der Metatragik nach 1900«, in: ders.: Paul Ernst. Außenseiter und Zeitgenosse, Würzburg 2002, S. 37 – 60, hier: S. 38.

158 Vgl. ebd.

159 Eke, Norbert Otto: Wort/Spiele: Drama – Film – Literatur (= Philologische Studien und Quellen 203), Berlin 2007, S. 75.

160 Vgl. ebd.

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