Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Schauspiel Leipzig – Martin Linzer Theaterpreis 2017 (06/2017)

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Wir sind die Roboter“. An diesen berühmten Song der Elektro-Pop-Band Kraftwerk muss man denken, wann man in Enrico Lübbes neuester Inszenierung „Die Maßnahme / Die Perser“ einem Chor aus rot-blau uniformierten, gesichtslosen Einheitsmenschen gegenübersitzt. Sind dies Avatare der modernen Arbeitswelt? Oder verweisen sie in ihrer Farbgebung auf die großen Jugendorganisationen der DDR, auf Junge Pioniere und FDJ? Enrico Lübbe jedenfalls ist mit Bert Brechts und Hanns Eislers „Die Maßnahme“, die er mit Aischylos’ „Persern“ koppelt, ein großer, nachdenklicher Abend über das Verhältnis von Mensch und Masse im Spannungsfeld einer alles unterordnenden Ideologie gelungen. Eine Inszenierung, die in einer ganzen Reihe bemerkenswerter Arbeiten steht, die in den vergangenen fünf Jahren unter Lübbes Intendanz am Schauspiel Leipzig entstanden sind. Grund genug, sie auf besondere Art und Weise zu würdigen. Erstmalig vergibt Theater der Zeit in diesem Jahr eine Auszeichnung für herausragende künstlerische Leistungen eines Ensembles im deutschsprachigen Raum. Der Preis ist dem langjährigen TdZ-Kritiker Martin Linzer gewidmet, der 57 Jahre lang für Theater der Zeit mit „intellektueller Wachheit und Noblesse“ Theaterkritiken schrieb, und wird durch einen jährlich wechselnden Alleinjuror vergeben. In diesem Jahr ist dies TdZ-Verlagsleiter Harald Müller. In diesem Sinne freuen wir uns, den Martin Linzer Theaterpreis 2017 an das Schauspiel Leipzig zu überreichen, dem wir in diesem Heft neben einem Interview mit Enrico Lübbe zwei Porträts über die beiden Leipziger Hausregisseure Claudia Bauer und Philipp Preuss widmen. Herzlichen Glückwunsch!

„Wir fahr’n fahr’n fahr’n auf der Autobahn“. Diese Zeile aus einem weiteren Kraftwerk-Klassiker könnte der Soundtrack zu unserem zweiten großen Schwerpunkt in diesem Heft sein. Viele Kilometer haben unsere Korrespondenten hinter sich gebracht, um das Theaterland Baden-Württemberg zu vermessen. Anlässlich der Baden-Württembergischen Theatertage, die vom 30. Juni bis 9. Juli in Ulm stattfinden werden, haben wir Elisabeth Maier, Otto Paul Burkhardt, Björn Hayer und Bodo Blitz in die Metropolen und kleinen Städte, an den Bodensee und auf die Schwäbische Alb geschickt, um die theatrale Kartografie dieses drittgrößten Bundeslands vom kleinsten Stadttheater der Republik in Aalen bis zum größten Mehrspartenhaus in Mannheim zu erkunden.

„Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. Der Titel von Ilija Trojanows Roman klingt gewollt zynisch angesichts der derzeitigen globalen Verwerfungen. Marie Rötzer, neue Intendantin am Landestheater Niederösterreich, setzte nach dem von Sandy Lopičić inszenierten Auftakt der ersten Spielzeit gleich noch einen obendrauf: In Michel Decars „Schere Faust Papier“ twittern Politiker ihren Leichtsinn in die Welt. Das Landestheater habe sich, wie Margarete Affenzeller berichtet, in den letzten Jahren neben Graz und Linz zur drittwichtigsten Bühne außerhalb Wiens entfaltet.

Im Nachbarland Schweiz errichtet der Musiker Elia Rediger derweil eine fiktive Stadt ohne Namen, einen weißen Fleck, vergessen von der internationalen Gemeinschaft und gerade deshalb mit dem Potenzial, ein neues Miteinander zu kreieren. „Oh Boyoma – 387 Strophen über eine Stadt ohne Namen“ heißt sein Stück, das am 2. Juni am Konzert Theater Bern im Rahmen des Stück Labors Basel Premiere hat. Rediger hat begleitend dazu eine großformatige Postkarte entworfen, die diesem Heft beiliegt. Außerdem erscheint in der digitalen Theatermusik-Edition von Hook Music – dem Label von Theater der Zeitdie Musik aus „Oh Boyoma“. Download und Streaming bei iTunes, Spotify und allen anderen Online-Musikdiensten.

Während Elia Rediger in der Fiktion nach Zukunftsentwürfen sucht, tobt in Halle die Realität der Ebenen. Nachdem das neue Opernteam aus Florian Lutz, Veit Güssow und Michael von zur Mühlen mit einem ästhetisch radikalen Programm sehr erfolgreich gestartet ist, schlägt nun die Mitteldeutsche Zeitung reißerisch Alarm. Ein „Millionenloch“ von 1,5 Millionen Euro soll im Etat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) klaffen, die MZ macht vor allem die Oper dafür verantwortlich. Sämtliche Zahlen sind vonseiten der TOOH bislang nicht bestätigt. Ist das Alarmismus oder Alarm?

Mit dieser Diskussion um gute Kunst und medialen Rumor verabschiedet sich die Redaktion von Theater der Zeit in die Sommerpause. Das Arbeitsbuch „Heart of the City II. Recherchen zum Stadttheater der Zukunft“ erscheint am 1. Juli. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern einen erholsamen Sommer. //

Die Redaktion

 

PDF-Download des Posters "Oh Boyoma" von Elia Rediger (Konzert Theater Bern) – 15 MB

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