Theater der Zeit

Auftritt

Theater für Niedersachsen: Es bleibt nur Schreien

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ von Ayla Yeginer, in Kooperation mit der Universität Hildesheim (UA) – Regie Ayla Yeginer, Bühne und Kostüm Anna Siegrot

von Björn Stöckemann

Assoziationen: Niedersachsen Theaterkritiken Ayla Yeginer TfN • Theater für Niedersachsen

Ayla Yeginer hat sich mit Studierenden auf den Weg gemacht: In monatelanger Recherche zu Missbrauchsfällen in der Kirche wurden Unmengen an Material gesichtet und zahlreiche Interviews geführt – mit Betroffenen, Betroffeneninitiativen und Vertreter_innern der Kirche. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert" am TfN Hildesheim.
Ayla Yeginer hat sich mit Studierenden auf den Weg gemacht: In monatelanger Recherche zu Missbrauchsfällen in der Kirche wurden Unmengen an Material gesichtet und zahlreiche Interviews geführt – mit Betroffenen, Betroffeneninitiativen und Vertreter_innern der Kirche. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert" am TfN Hildesheim. Foto: Jochen Quast

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Content Note: Der Text thematisiert sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen teils explizit.

Schreien ist vermutlich die angemessene Reaktion. Denn was das Theater für Niedersachsen (tfn) in Hildesheim zeigt ab sofort in „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ auf die Bühne bringt, ist kaum zu ertragen. Hausregisseurin Ayla Yeginer hat das Schauspiel über Missbrauch in der Kirche mit Studierenden der Universität Hildesheim entwickelt. Über zwei Semester hat das Team mit Betroffenen gesprochen, Bücher und Artikel gelesen, Exkursionen unternommen. Neben Ensemble-Mitgliedern des tfn steht mit Karl Haucke auch ein Betroffener selbst auf der Bühne. Eingangs berichtet er von seinen Erlebnissen, liest aus seinem Tagebuch, daraufhin referiert das Ensemble über Studien und Reaktionen von evangelischer und katholischer Kirche. Wie gesagt: Man möchte schreien – und aus Martin Schwartengräber bricht es dann hinaus.

Es ist ein einstudierter Wutanfall des Schauspielers. Immer wieder greift „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ zu theatralen Elementen. Mal blamieren sich zwei Geistliche in einer Quizshow bei Jörg Palaver, dann stänkern sich Petrus und der Teufel am Telefon an, wer die ganzen Kirchenleute nehmen soll, oder brüllt ein Sohn seine Mutter am Grab des Hildesheimer Bischof Heinrich Maria Janssen an, dass dessen Gebeine doch nicht in den Dom gehören. Der Großteil des Stückes besteht jedoch aus authentischen Texten.

Die Darstellenden des tfn erzählen vom Schicksal der Mädchen und Jungen, welche über Jahrzehnte in der Kirche Missbrauch an Körper, Geist und Seele erlitten haben. In den Berichten, die aus Gesprächen mit Betroffenen entstanden sind, erzählen Kinder, dass sie den Geschmack von Sperma kennen. Wie Polizisten sie in ihre kirchlichen Heime zurückgebracht haben, wo sie zur Strafe für die Anzeige geprügelt und eingesperrt werden. Vom entwürdigenden Gang durch die kirchliche Bürokratie, um eine Anerkennung des Leids zu erhalten. 1000 Euro. Kein Schmerzensgeld, das wäre ja ein Eingeständnis von Schuld, erklärt eine Kirchenmitarbeiterin. War es nicht vielleicht sogar homoerotische Prostitution? Mit 16 gilt man schließlich nicht mehr als Kind – und es gab ja Geschenke! Auch solche Gespräche gehören zum Schicksal und Leidensweg eines Betroffenen.

Wie gesagt: Schreien ist wohl die einzige Reaktionen, die noch angemessen scheint. Wut, Verzweiflung, grimmiger Humor. Inszenatorischen Kniffe wie ein Wutanfälle oder das Telefonat zwischen Himmel und Hölle, die „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ einstreut, machen die Masse an Gräuel überhaupt nur irgendwie erträglich. Es lässt sich darüber streiten, ob dieses Thema erträglich (gemacht) sein darf. Genauso darf man geteilter Meinung darüber sein, wie gelungen die Kabinettstückchen sind. Immerhin bleibt zumindest das Lachen im Halse stecken. Denn das Theaterstück beschönigt kaum. In die Pause schlurft das Premierenpublikum entsprechend mit gesenkten Blicken und hängenden Schultern. Dass Regisseurin Yeginer im Vorfeld erzählt hat, dass man „manches“ einem Publikum auch nicht zumuten könne, lässt die Nackenhaare zu Berge stehen.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ ist ein wütendes Stück. Wie Schauspieler Schwartengräber brüllen oder giften immer wieder Ensemble-Mitglieder (es spielen sonst noch: Nina Carolin, Paul Hofmann, Manuel Klein, Simone Mende, Linda Riebau und Daniele Veterale) in den Zuschauerraum. Das Stück bezieht klar Stellung zu den Vorgängen in der Kirche, zum gesellschaftlichen Umgang damit, aber auch zu sich selbst. Ist die Theaterbühne überhaupt der richtige Ort, um darüber aufzuklären? Dürfen Leidensgeschichten Vorlagen für Spielszenen beziehungsweise verdichtete Monologe sein? Vielleicht ist ein Theaterabend aber auch die einzige Möglichkeit, die noch bleibt, um den Menschen das Grauen mitten in der Gesellschaft begreiflich zu machen. Zwei Stunden und 20 Minuten holen tfn-Ensemble und Stück das Ausmaß der Schande vor Augen – angefangen bei Küssen auf den Mund bis zu den Heimkindern, an denen die Pharmaindustrie ihre Medikamente testet.

Statt zwischen Promitratsch und Sportergebnisse zu verschwinden, reiht sich am Ende des Stückes Berichte von Betroffenen an eine graue Marmorwand, welche wie eine Anklagemauer auf der Bühne emporragt (Bühne und Kostüm: Anna Siegrot). Das Licht erlischt, die Zettel schimmern in der Dunkelheit und durchs Publikum gehen Wut, Verzweiflung, Ratlosigkeit. Das Premierenpublikum in Hildesheim, das nach der ersten Hälfte noch wie betäubt wirkt, reißt es am Ende von den Sitzen. Es bleibt zu hoffen, dass der Applaus nicht genauso verhallt, wie das Geklatsche fürs Pflegepersonal während der Corona-Pandemie. Denn „Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert“ macht vor allem eins klar: Nichts tun, kann keine Option mehr sein.

Erschienen am 27.3.2024

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