Auftritt
Schauspiel Stuttgart: Party mit Schlammschlacht
„Sommersonnenwende“ von Roland Schimmelpfennig (UA) – Regie Daniela Löffner, Bühne Claudia Kalinski, Kostüme Katja Strohschneider, Komposition Matthias Erhard
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Ein Gartenfest bei Albert und Isabel. Eine laue Sommernacht, es duftet nach Rosmarin, die halbe Stadt ist gekommen. Und was gibt es? Streit. Denn ohne Einladung tauchen ungeliebte Verwandte auf: Isabels Bruder Victor mit Frau Patrizia. Die beiden Paare mögen sich nicht. Es geht ums Geld, was sonst. Isabel bekam zwar Haus und Grund zugesprochen, doch ihr Bruder Victor erbte das ganze Vermögen samt väterlichem Schlachtereibetrieb. Victor und Patrizia verachten die Gastgeber als „Zecken“ und würden sich gern Isabels Besitz auch noch unter den Nagel reißen. Denn Albert und Isabel haben Amina adoptiert, ein fünfjähriges Mädchen aus dem Ausland. Sollte das Kind Haus samt Garten erben? Für Victor und Patrizia wäre das „Diebstahl“, mehr noch, „eine Kriegserklärung“. Kein Wunder, dass die beiden später der Kleinen makabrerweise ein langes Messer schenken. Überhaupt, Victor ist diffus neurechts drauf und klammert sich an Tautologien: „Familie ist Familie, Tradition ist Tradition.“ Albert dagegen, vom Selbstbild her innovativer Essayist, verachtet seinerseits die ungebetenen Gäste, betrachtet sie als „Schweine“, auch mit Blick auf deren Fleischfabrik. Egal, vorneherum begrüßt man sich erstmal mit scheinheiligem „Hey“ und verzwungenen Küsschen. Klar, diese Freundlichkeitsfassade bröckelt bald. Zu sehr brodelt es unter der dünnen zivilisatorischen Decke. Und in den privaten Streitpunkten bilden sich gesellschaftliche Konfliktlinien ab.
So startet Roland Schimmelpfennigs neues Stück „Sommersonnenwende“, das mit „Wintersonnenwende“ (2015) sowie „Tag und Nacht“ (September 2026) eine Trilogie bilden soll. Daniela Löffners Regie deutet den Text als kontrollierte Eskalation einer Gartenparty, als Geschwisterzwist, der auf zunächst leerer Bühne beginnt und in eine seltsame Schlammschlacht ausartet: Am Ende haben sich bei Löffner die beiden Paare, durchaus werkgetreu, nach und nach eingesaut, sprich: mit Gartenerde beschmiert, mit Wasser und Wein überschüttet. Aber nicht in Form eines brüllintensiven Exzesses, sondern eher langsam, gleitend, fast spielerisch. Ein „Sommernachtstraum“-Update? Vielleicht, denn Schimmelpfennig erweist sich in seinem gefühlt fünfzigsten Bühnenstück erneut als textlicher Feinmechaniker im Erzählen vieldeutig schillernder Geschichten. Lauernde Konflikte werden in abbrechenden Sätzen oft nur angedeutet – um Echoräume ins Fantastische, ins Surreale hinein auszuloten.
So switchen die vier Darstellenden ständig zwischen Spiel und Kommentar, bauen Zeitsprünge vor oder zurück mit ein. Löffner geht textnah antinaturalistisch vor. Der Garten und die anderen Gäste bleiben unsichtbar – bis auf ein paar Schuhe und Pakete mit Blumenerde. Über allem schwebt ein Bühnenhimmel voller Scheinwerfer. Die Spielenden übernehmen in fliegendem Wechsel auch die Rollen der Kinder und Haustiere. Wenn also Ex-Burgtheater-Mime Rainer Galke, der seinen Albert als Mister Progressiv im lässigen Leinenanzug anlegt, unvermittelt zu einer dementen Findlings-Katze mutiert und grässliche Laute von sich gibt, dann kommt das als bizarre Komik mit Gruselfaktor rüber. „Warum bringt ihr sie nicht einfach um?“, höhnt Marco Massafra als mitleidloser Schlachtereiboss Victor im weißen Freizeitlook – und verwandelt sich flugs in Victors Hund, der Leute umstößt und feucht schlabbernd ableckt.
In Löffners Regie balanciert das Ensemble raffiniert zwischen Witz, böser Stichelei und blankem Hass. Isabel (Katharina Hauter) verfällt angesichts der Sprüche ihres Bruders Victor in genervte Hilflosigkeit („Was soll ich machen, soll ich ihm den Kopf abschneiden oder was?“) und setzt weiter auf Minimal-Verständigung. Patrizia dagegen, die Fleischbällchen aus der Fabrik mitgebracht hat, agiert bei Christiane Roßbach als scharfzüngige Giftspritze. Sie denkt – Tschechows „Kirschgarten“ und Rietzschels „Girschkarten“ lassen grüßen – extra laut über eine profitable Bebauung von Isabels Garten nach („Das sind Milliarden“), findet, dass Isabels Adoptivtochter Amina mit dem Abzählreim „A ram sam sam“ Erwachsene „terrorisiert“, und bedauert empört: „Du kannst ja nicht sagen: (...) ich schick dich gleich dahin zurück, wo du herkommst.“
So weit, so erschreckend. Schimmelpfennig, der sich jüngst in seinem Antikenprojekt „Anthropolis“ mit blutigen Mythen beschäftigte, verhandelt in „Sommersonnenwende“ eine Menge an schwelenden Themen – Gewalt, Neue Rechte, Rassismus inklusive. Löffners Regie verdichtet diese Melange aus Familienzoff und Gesellschaftsporträt ganz allmählich auf zunehmend matschiger Bühne zum kollektiven Trip ins Dunkle, Wilde, Archaische. Gut, das Ganze mäandert vielleicht ein bisschen zu viel, wenn auch noch Friedrich, das unsichtbare Kind des Schlachterpaars, erwartbar als kleines Horrorwesen beschrieben wird. Oder wenn obendrein von einem kolonialistischen Großwildjäger-Opa geraunt wird, der grausige Trophäen sammelte. Ob die Knochen, die der Hund apportiert, direkt aus Großvaters Grab stammen? Kurz, ein paar klischeeverdächtige Themenanrisse weniger hätten dem fabulierfreudigen Plot gutgetan.
Familienschlachtfest à la Vinterberg, Nobelboulevard-Gemetzel à la Reza? Jein, denn Löffner zeigt, präzise austariert, Schimmelpfennigs ganz eigene stilistische Signatur. Der hintergründigen Regie und dem famosen Ensemble gelingt es vorzüglich, das Entgleisen der Party, den Bruch mit der Zivilisation, das drohende Gewaltpotenzial als schleichenden Verwandlungsprozess abzubilden und die Abgründe in surrealen Traumbildern aufscheinen zu lassen. Schon anfangs ahnt Victor: „Dies sind die Nächte, in denen die alten Geister zu uns kommen.“ Löffner lässt beide Paare nach und nach in einen Zustand des Sich-Verlierens driften. Neunzig Minuten später, nach vielen Verletzungen und Erinnerungen, inmitten unlösbarer Konflikte, liegen alle verdreckt und erschöpft auf der zugemüllten Bühne. Nach derlei Katharsis liegt fast etwas Versöhnliches in der Luft, wenn Patrizia suchend resümiert: „Es wäre so schön, wenn wir – aber ihr wisst ja, wie das ist, es ist einfach immer schwierig, bei euch ist es ja nicht anders, ich hoffe, das ändert sich irgendwann mal.“ Dann schweigen alle traurig – und summen gemeinsam nochmal ein leises „A ram sam sam“.
Erschienen am 12.6.2026



















