Auftritt
Staatsoper Stuttgart: Klangarchiv der Sehnsüchte
„Station Paradiso“, Mixtape-Oper von Sara Glojnarić (UA) – Musikalische Leitung Peter Rundel, Regie Anika Rutkofsky, Bühne Christina Schmitt, Kostüme Adrian Stapf, Video Manuela Hartel, Choreografie Janine Grellscheid, Licht Volker von Schwanenflügel, Dramaturgie Julia Schmitt, Johanna Mangold
Assoziationen: Baden-Württemberg Theaterkritiken Musiktheater Dossier: Uraufführungen Anika Rutkofsky Staatsoper Stuttgart

Busbahnhof Stuttgart. Nachts. Menschen warten. Bald werden sie einsteigen und eine Reise antreten, nach Italien, ins ehemalige Jugoslawien, in die Türkei. Teils nach Napoli, teils auf der alten Europastraße 5 über Belgrad nach Ankara. Auf der „Gastarbeiterroute“, auf dem Weg nach Hause, in die Vergangenheit. An der fiktiven Haltestelle, wo die Reise beginnt und endet, prangt in Leuchtschrift „Station Paradiso“, ein Name, in dem eine ganze Menge Literatur- und Geistesgeschichte mitvibriert. „Station Paradiso“ heißt auch das rund zweistündige Musiktheaterprojekt der kroatischen Komponistin Sara Glojnarić, die ihr Werk als „Mixtape-Oper über die Sehnsucht nach Zuhause“ spezifiziert. Sicher, es geht um Migration, um das Leben zwischen zwei Welten, um die Suche nach Zugehörigkeit zwischen dem Daheim und der schwäbischen Diaspora, um unterschiedliche Integrationserfahrungen auch der Folgegenerationen. Aber es geht auch um den Soundtrack der Arbeitsmigranten, um ihre Lieder, um deren Funktion als Speicher von Erinnerung. Die Uraufführung ging in der Staatsoper Stuttgart über die Bühne, gerade mal ein paar Schritte weit weg vom baden-württembergischen Landtag, in dem ein paar Tage später Cem Özdemir, Sohn türkischer Gastarbeiter, zum Ministerpräsidenten gekürt wurde. Die Oper zur Wahl? Nein, aber die Koinzidenz ist bemerkenswert.
Apropos Mixtape: Die initiale Idee zum Ganzen war eine von der Komponistin im Stuttgarter Stadtmuseum entdeckte Audiokassette mit der Aufschrift „Canzone di Napoli 76“. Eine Großmutter sang darauf, offenbar bei einer Familienfeier, Lieder – als persönliche Botschaft an ihre in Deutschland arbeitenden Sprösslinge. Als Vorstudie zur Oper führte Sara Glojnarić 27 Interviews, befragte Menschen mit migrantischen Wurzeln, darunter auch Ensemblemitglieder, nach ihren Familiengeschichten, nach Musikstücken als Träger von Erfahrungen. Die serbische Autorin Tanja Šljivar formte aus diesem Oral-History-Material das Libretto, verdichtete es zu Porträts, zu Figuren, die eine Reise durch Raum und Zeit gehen.
Dokumentarisches Musiktheater? Nein, das Ganze führt in andere, surreale Bereiche. Und die Regie von Anika Rutkofsky verstärkt diese libretto-immanente Tendenz. So gibt Goran Jurić den Busfahrer zunächst als dämonischen Archivar, der in einer Art Unterwelt-Hades Tonbänder seiner Passagiere sammelt, als Zeremonienmeister, als DJ mit schwarzen Engelsflügeln aus dunkel funkelndem Bandsalat. Wenn er mit mächtigem Bass die Reisenden in den Bus holt, wird er zum antiken Fährmann, der Seelen in eine andere Welt leitet, nach Hause, vom Wach- in den Traumzustand, in innere Landschaften. Und er macht klar: Ein Ticket bekommt, wer einen Song mitbringt, „ein Lied – ein Fahrschein“. Tatsächlich blitzen sie dann auch kurz auf, die Lieder aus migrantischen Klangpools – Erinnerungsspeicher der jeweiligen Communitys wie Pino Daniele oder Gianna Nannini, Orhan Gencebay und Oliver Dragojević. Die Gefahr, dass das alles zur folklorehaften Playlist mit ESC-Touch wird, kommt gar nicht erst auf, da die Songs bruchstückhaft und verfremdet aufscheinen.
In Rutkofskys Regie sind die Reisenden in einem sehnsuchtsblauen Fantasy-Nachtbus unterwegs, der sich zuweilen wunderlich sanft um die eigene Achse dreht und alsbald, für die Italien- und für die Südosteuropa-Route, in zwei Längshälften spaltet. Auf diesem Trip nach Hause werden Erfahrungen, Befindlichkeiten und Geschichten erzählt, etwa die vom türkischen Vater (Matthias Klink), der in sich gekehrt Gencebay-Melodien zupft und seine eigene Tochter (Fanie Antonelou) nur noch erkennt, wenn sie sich per Klebe-Schnurrbart in den von ihm bevorzugten Sohn verwandelt. Oder die von der süditalienischen Mutter (Stine Marie Fischer) und ihrer selbstbewussten Tochter (Martina Mikelić), die sich per „Song Battle“ zoffen. Und die vom „Yugo“-Vater (Andrew Bogard), der mit beharrlicher Jugoslawien-Nostalgie seine Tochter (Diana Haller) dauernervt, sodass die sich den Ärger exzessiv-rockig aus dem Leib tanzen muss. Eher melancholisch gefärbte Geschichten, die intergenerationell weitergereichte Konflikte und Traumata verhandeln.
Wenn das Libretto dann doch dokumentarisch Entwicklungen wie etwa die „Anwerbevereinbarungen“ von Arbeitsmigranten seit den 1950er Jahren im Zeitraffer skizziert, lässt Rutkofsky die Wirtschaftswunder-Kanzler Konrad Adenauer und Ludwig Erhard als Masken über die Bühne steppen – auch Jugoslawiens Ex-Präsident Tito geistert im roten Glitzeroutfit durchs Bild.
Und die Musik? Sara Glojnarić, Orchester-Preisträgerin der Donaueschinger Musiktage und mit unorthodoxen Settings zum Szene-Star avanciert, lässt das emotionale Potenzial der Songs zwar kurz aufleuchten, wahrt dennoch Distanz durch Fragmentierung. Es dominieren suggestive, oft flächig kreisende Minimal-Loops, aber auch arienhafte Gesänge in hohen Registern sowie Passagen mit E-Gitarre und Schlagzeug. In den immersiv im Raum schwebenden, elektronischen Surroundsounds geht der Klang des Staatsorchesters unter Peter Rundel etwas unter.
Am Ende geht die Fahrt zurück nach Stuttgart. Die süditalienische Tochter kommentiert: „Na super, wir sind also wieder da … in diesem postmigrantischen Deutschland.“ Vom alten „Paradies“ zurück ins neue? Happy End als Stadtteilfest? Die Rückkehrenden singen im Chor: „Diese Stadt strahlt Versprechen aus. Diese Stadt existiert in Geschichten und Liedern.“ Was bleibt? Der Versuch, einen von der Hochkultur trotz vieler Bekenntnisse vernachlässigten Bereich der Stadt Stuttgart, in der 2023 48,8 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund hatten, auch im Musiktheater hör- und sichtbar zu machen. Und der Versuch, mit poetischem Duktus die Geschichte der Gastarbeiter-Generationen, die den Reichtum dieser Stadt mitaufgebaut haben, zu thematisieren. Gut, manches Erzählte wirkt vage und auf Konsens bedacht – als Folge einer nötigen Distanz, um kitschverdächtige Stereotype zu vermeiden. Dennoch gelingt eine Art Fantasy-Roadtrip über die Zerrissenheit zwischen Diaspora und Daheim, auch zwischen verschiedenen Lebensweisen. Und eine Oper über Musik der Erinnerung.
Erschienen am 18.5.2026



















