Theater der Zeit

Auftritt

Ballhaus Prinzenallee: Städte wie Narben

„Dennis“ // from skin(head) to bone – von und mit Lukas David Schmidt, Bühne & Mali Dönmez, Sound Daan Elsing

von Iven Yorick Fenker

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken

Wenn die Realität härter ist, als jede Fiktion: „Dennis“ // from skin(head) to bone von und mit Lukas David Schmidt am Ballhaus Prinzenallee.
Wenn die Realität härter ist, als jede Fiktion: „Dennis“ // from skin(head) to bone von und mit Lukas David Schmidt am Ballhaus Prinzenallee.Foto: Dominik Maringer

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Er steht auf einem Podest im Bühnensaal im Ballhaus Prinzenallee: Dennis – gespielt von Lukas David Schmidt. Es ist sein Abend, der von Dennis und von Schmidt, der für die Inszenierung, den Text und dafür verantwortlich ist, dass das Publikum dieser Monolog-lastigen Solo-Show gebannt folgt. Schmidt erzählt mit der Biografie seiner Figur Dennis die Geschichte eines Individuums. Eine Biografie, die für viele steht. Es ist die Geschichte von Frustration, Aggression und den Versprechungen von Ideologie und der Ausübung von Gewalt. Dennis ist erst Punk, dann Skinhead, dann Neonazi – zwischen den Jahrhunderten. Er radikalisiert sich in einem Land, das es nicht mehr gibt, der Deutschen Demokratischen Republik. Seine Vorstellungen gehen in der Bundesrepublik ebenso wenig auf wie die versprochenen blühenden Landschaften. Der Abend beginnt am Ende des 20. Jahrhunderts und endet in der Zukunft. Dazwischen Mölln, Solingen, Hoyerswerda und so weiter. „Städte wie Narben“, wie Schmidt sagt. „Einzelne zu Massen.“

Dennis, also Schmidt, trägt die Uniform der Schlägertypen der Baseballschlägerjahre: schwarze Springerstiefel aus Leder, eine dunkle Cargohose, mit roten Hosenträgern, weißes Shirt. Schwarz, Weiß, Rot, die Insignien der Deutschnationalen. Zudem hängt von der Decke, von einem Scheinwerfer angestrahlt: die Bomberjacke. Typ MA-1, für US-amerikanische Kampfpiloten entwickelt, wurde sie von unterschiedlichen Subkulturen als Distinktionssignal benutzt und hat im Spätkapitalismus an politischer Bedeutung verloren. Sie betont den Körper und stellt Schmidts Figur aus, dessen Erscheinungsbild erst vervollständigt wird, nachdem die Jacke aus dem Bühnenhimmel hinabgelassen wird. Was für eine schöne Szene. Gruselig, wie ästhetisch wirkungsvoll Nazis früher gekleidet waren, aber man hat sie besser erkannt, vermeintlich. Ein einfaches und ungleich wirkungsvolles Bild, wie so viele in diesem Abend.

Die Bühne und das Licht, beides von Mali Dönmez, sind reduziert. Gerade aber im Zusammenspiel gelingen eindringliche Momente voller Theatermagie. Ein simpler Lichtwechsel wirkt wie eine tatsächliche Wende, aber Schmidt hängt das Publikum sowieso an den Lippen. Er schafft es, über den ganzen Abend die Spannung zu halten. Er gibt Gesangseinlagen. Ein Highlight ist seine Interpretation von „Durch den Monsum“ von Tokio Hotel. Schmerz, Verletzlichkeit der Figur werden hier ebenso offenbar, wie das eindringliche Zeitkolorit. Schmidt bedient sich mehrere Ebenen des Humors. So mischt er immer mal wieder einen einfachen Gag in seine Erzählungen, aber schafft es auch die Lächerlichkeit der Überzeugungen seiner Figur auszustellen, ohne die Brutalitäten zu verharmlosen, die dummen Ideen folgen.

Der Text, der Monolog, hat eine Spannweite wie ein Entwicklungsroman, fließt wie gute Prosa und ist gleichzeitig so dicht, wie ein dramatischer Text sein sollte. Auch schwingt er sich zu einigen poetischen Ausflügen auf, die rührend sind, jedoch Geschmackssache. Worum geht es dem Text? Die Geschichte von Dennis geht durch die Jahre, zwischen der ostdeutschen Provinz, Sauftouren und Dorfdisco-Schlägereien und ostdeutschen Städten und auch dort gibt es auf die Fresse, immer wieder Gewalt. Auch weiter im Osten, in Polen richtet sich die Gewalt gegen alle, die nicht sind, wie Dennis. Dabei ist Dennis sich seiner selbst nicht sicher. Überzeugungen sind fragil – wie Mauern. Auch wenn es weh tut, wenn man gegen sie läuft.

Dass die Realität oft härter ist als die Fiktion, zeigen die Fotos des Fotografen Ludwig Rauch aus der Ausstellung „Nazis in Deutschland“. Sie zeigen 90er-Faschos, ästhetisch inszeniert vor Plattenbauten. Sie werden projiziert, wie die Videoaufnahmen der Ausschreitungen in Chemnitz im Jahr 2018, das Schmidt mittlerweile in seinen Erzählungen erreicht hat und noch immer Brutalitäten, Frust, Hass und Rassismus. Während in den Videos die Faschisten der jüngeren Vergangenheit zu sehen sind, dieser könnte Dennis heißen oder dieser, läuft Polarkreis 18 – „Allein, Allein“, was zu einer heftigen Wirkung führt. Und dann geht es Schmidt in seinem Monolog um einen Satz, auf den Abend hinauszuwollen scheint: „Wir sind mehr“. Es geht um die Konzerte, die auf die Krawalle in Chemnitz folgten und jetzt befinden wir uns, laut Schmidts Erzählung, in der Zukunft: 2033, Bundestagswahl und wir wählen die AfD aus dem Parlament. Das ist schön, zu schön, um wahr zu sein und wer ist eigentlich wir? Das Publikum jedenfalls gibt Standing Ovation. Der Abend verspricht ein Happy End.

Erschienen am 13.4.2026

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