Theater der Zeit

Essay

Zeitgenössisch für wen? Über Gatekeeping und Zugang im Zirkus

Das Circus-Dance-Festival positioniert sich als internationales Format, das die zeitgenössische Szene in Deutschland stärken will. Doch was bedeutet das genau? Eine kritische Analyse des Festivals und des zeitgenössischen Zirkus.

von Tana Onochie

Assoziationen: Zirkus Dossier: Labor Kulturjournalismus

Wer bekommt Zugang zum zeitgenössischen Zirkus, wer ist ausgeschlossen? „Les Voyages“ von Collectif XY.
Wer bekommt Zugang zum zeitgenössischen Zirkus, wer ist ausgeschlossen? „Les Voyages“ von Collectif XY. Foto: Samuel Buton

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Ich bin eine Schwarze queere Zirkusartistin. In meiner künstlerischen Arbeit bewege ich mich ständig in von Weißsein dominierten Räumen, Räume, die von strukturellen Ausschlüssen, intransparenten Auswahlprozessen und anderen Formen des Gatekeepings geprägt sind, einige subtil, andere ganz offen. Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit und patriarchale Machtstrukturen – all das beeinflusst, ob und wie ich Zugang zu Bühnen, Netzwerken und Förderstrukturen bekomme. Es wirkt sich auch darauf aus, wie meine Kunst wahrgenommen, bewertet und kontextualisiert wird. 

Viele Künstler:innen of Color kennen diese Dynamiken: Ich werden angefragt für rassismuskritische Workshops, für dramaturgische Perspektiven oder um „Diversität“ sichtbar zu machen. Und versteht mich nicht falsch: Ich beschäftige mich gerne mit diesen Themen. Komisch fühle ich mich aber, wenn ich das Gefühl bekomme, meine künstlerische Praxis wird darauf reduziert. Wenn ich primär dann eingeladen werde, wenn meine Identität politisch verwertbar erscheint.

 

Offen ist der Zirkus nur für die, die die Codes kennen

„Zeitgenössisch“ steht für mich eigentlich für Offenheit, Experiment und Zugänglichkeit. Doch wer ist gemeint, wenn wir „zeitgenössisch“ sagen? Und vielleicht noch wichtiger: Wer fühlt sich tatsächlich angesprochen?

Auf den ersten Blick gibt sich die Szene sehr gerne progressiv, divers und durchlässig. Zeitgenössischer Zirkus grenzt sich bewusst vom „klassischen“ ab: keine festen Rollenbilder, keine traditionellen Familienstrukturen. Stattdessen stehen kollektive, interdisziplinäre Arbeiten sowie politische Themen im Vordergrund – auch beim Circus-Dance-Festival. Doch diese Selbstbeschreibung verdeckt oft: Auch hier gelten bestimmte Codes. Wer diese Codes nicht kennt oder nicht bedienen kann, bleibt außen vor. In vielen Fällen sind das ästhetische, soziale und ökonomische Codes, die auf weiße Vorherrschaft und koloniale Kontinuitäten zurückzuführen sind.

 

Wer kann sich das leisten?

Der Zugang beginnt nicht erst auf der Bühne, sondern viel früher: bei der Ausbildung. Die zunehmende Akademisierung des Zirkus will vermeintliche Qualitätsstandards schaffen, doch das bringt neue Hürden mit sich. Private Schulen, unbezahlte Vollzeitausbildungen, prekäre Lebensbedingungen – wer kann sich das leisten? Wer hat die finanziellen Ressourcen oder familiäre Unterstützung, um mehrere Jahre in eine unsichere künstlerische Laufbahn zu investieren?

Hier zeigt sich also: So offen wie gerne behauptet ist die Szene gar nicht. Stattdessen schließt sie an vielen Stellen Menschen konkret aus. Auch in der künstlerischen Praxis: Netzwerke, informelle Empfehlungen und ästhetische Normen entscheiden darüber, wer sichtbar wird, auf Bühnen, bei Förderungen, auf Festivals.

Dieses Gatekeeping zeigt sich selten offen, oft ist es viel subtiler: Wer darf kuratorische Entscheidungen treffen? Wer über Förderungen entscheiden – und wer bekommt sie am Ende? Wessen Körper und Geschichten werden für „lesbar“, „interessant“ oder „relevant“ befunden? Ausschlüsse erscheinen dabei oft zufällig, sind aber strukturell verankert.

Rassismus, Klassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit prägen auch die zeitgenössischen Darstellenden Künste. Was als neutral oder universell gilt, ist häufig eine weiße, westlich geprägte Perspektive. Andere Körper, andere Biografien werden markiert, eingeordnet, reduziert, oder gar nicht erst eingeladen.

 

Für wen ist dieses Festival gemacht?

Gleichzeitig verschärfen finanzielle Kürzungen die Situation. Wegfallende Förderungen und steigende Ticketpreise machen Kunst weniger zugänglich, nicht nur für Kunstschaffende, sondern auch für das Publikum. Die Frage, wer teilnehmen kann, stellt sich also auf beiden Seiten: auf der Bühne und im Zuschauerraum.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage erneut: Für wen ist dieses Festival gemacht? Wer wird mitgedacht und wer nicht? Und was bedeutet es wirklich, eine „zeitgenössische Szene“ zu stärken, wenn zentrale Zugänge weiterhin ungleich verteilt sind?

Ein Blick auf die konkrete Ausrichtung des Festivals macht diese Fragen greifbarer: Welche Künstler:innen werden eingeladen? Welche Perspektiven sind sichtbar und welche fehlen? Wie divers ist das Programm tatsächlich, nicht nur in Bezug auf Themen, sondern auf die Körper, Biografien und künstlerischen Sprachen, die auf der Bühne stehen?

Durch die Kooperation mit der Initiative feministischer Zirkus wird ein erster Schritt unternommen, bestehende Gatekeeping-Strukturen aufzubrechen. Die Initiative setzt sich gezielt dafür ein, Künstlerinnen jenseits etablierter und oft unausgesprochener Qualitätsmaßstäbe zu fördern. Dass das Circus-Dance-Festival hierfür Raum schafft, eröffnet auch mir eine Möglichkeit, Teil dieses Programms zu sein, mit einer Arbeit, die unter anderen Umständen vermutlich nicht eingeladen worden wäre.

Für mich ist das eine wichtige Chance und gleichzeitig mit gemischten Gefühlen verbunden. Denn während sich für mich eine Tür öffnet, bleiben viele andere weiterhin verschlossen. Deshalb bleibt am Ende die Frage: Wie konsequent ist der Anspruch, eine vielfältige und zugängliche Szene zu stärken, tatsächlich umgesetzt? Wie zeitgenössisch ist der Zirkus wirklich?

 

Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt „Zirkus im Gespräch“ des CircusDanceFestivals entstanden. 

Erschienen am 20.5.2026

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