Theater der Zeit

Auftritt

Schauspiel Stuttgart: Schlacht am Kuhstall

„Farm der Tiere“ von George Orwell – Regie Oliver Frljić, Bühne Igor Pauška, Kostüme Pia Maria Mackert, Choreografie Andrea Krolo

von Otto Paul Burkhardt

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Oliver Frljić Schauspiel Stuttgart

Gábor Biedermann, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder, Valentin Richter, Julian Lehr, Hannah Müller und Felix Jordan in „Farm der Tiere“ in der Regie von Oliver Frljić am Schauspiel Stuttgart. Foto Björn Klein
Gábor Biedermann, Mina Pecik, Karl Leven Schroeder, Valentin Richter, Julian Lehr, Hannah Müller und Felix Jordan in „Farm der Tiere“ in der Regie von Oliver Frljić am Schauspiel StuttgartFoto: Björn Klein

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Ein paar Schweine lassen sich johlend in einer abgewrackten Mercedeskarosse zu lärmenden Marschklängen über die Bühne kutschieren – gezogen wird das Ganze von Arbeitspferden, die sich völlig verausgaben und alsbald zur immer langsamer werdenden, grässlich abschmierenden Musik zusammenbrechen: eine ziemlich bizarre Siegesfeier. Mit solch wuchtigen Bildern erzählt Oliver Frljić derzeit am Schauspiel Stuttgart George Orwells 1944 entstandenen, 1945 veröffentlichten Jahrhunderttext „Farm der Tiere“. Der handelt davon, wie schnell sich Freiheitsideen ins Gegenteil verwandeln können. Denn eben noch haben sich alle Tiere gemeinsam von ihren Unterdrückern, den Menschen, befreit und sich gegenseitig Gleichheit untereinander geschworen. Doch schon nach kurzer Zeit scheren ausgerechnet die Schweine aus, sichern sich Privilegien, schaffen Abstimmungen ab und übernehmen die Macht.

Orwells Fabel gilt als Schlüsselroman über die Russische Revolution und deren Pervertierung im Stalin-Terror. Mr. Jones steht für Zar Nikolaus II., die Schlacht am Kuhstall für den russischen Bürgerkrieg und so weiter – zu jeder Figur, zu jeder Aktion lässt sich ein einst real existierendes historisches Äquivalent finden. Kurz, „Farm der Tiere“, ein Stück Weltliteratur, enthält viel politische Brisanz: zensiert von den Briten aus Rücksicht auf die zeitweise alliierte Sowjetunion, verboten im Ostblock und umgemodelt von der CIA zu antikommunistischer Propaganda. Zeichentrickfilme gibt es dazu, ein Videospiel, sogar eine Oper. Beliebt ist die Orwell-Fabel auch im Theater, gerne mit Schweinerüssel-Masken, mit Grunzen und Wiehern, als Ferkelei, als Dystopie in einer Putenmastanlage, als Popmusical, als Jugendprojekt. 

Was macht Frljić damit? Erstmal grundsätzlich: Er aktualisiert Orwell nicht und liefert auch keine erwartbaren Putin- oder sonstwelche Verweise auf die Gegenwart. Nein, seine Bearbeitung erzählt den Orwell-Text unentschlüsselt, reduziert die Figurenvielfalt und treibt die eh schon tierfabelhaft verfremdeten Szenarien vollends ins Groteske. So ermöglicht er zwei Lesarten. Wer will, kann alles wie gehabt minutiös dechiffrieren – Schneeball als Trotzki, Napoleon als Stalin, sogar die Windmühle als Metapher für Industrialisierung und so weiter. Doch genauso gut lässt sich die Geschichte losgelöst von ihrer strengen historischen Fixierung erleben, als nun universell gültige Parabel – über den Zerfall von Utopien und den Aufstieg korrumpierter Machteliten. Gut, debattieren ließe sich darüber, warum Frljić unter anderem die Orwell’sche Hitler-Figur Mr. Frederick gestrichen hat. Doch so konnte er die Tierfabel wohl besser aus der geschichtlichen Festlegung befreien und ihre zeitlose Relevanz aufzeigen. 

Vorher gab’s eine Triggerwarnung wegen des Sujets „Mord“ und des dabei verwendeten Kunstbluts – auch Ohrstöpsel lagen bereit. Tatsächlich lässt es Frljić durchaus krachen, ab und zu dröhnt Brutalst-Rock aus dem Off. Aber auch US-Hymnen für und gegen Sklaverei klingen an, Anmutungen an „Hush little Baby“, an Arien von Donizetti oder an Edwin Starrs Antikriegs-Song „War“ – eine Soundtrack-Auswahl, die zwar die Atmosphäre kräftig auflädt, sich aber oft nur vage mit dem Verhandelten korrelieren lässt. Optisch wirbelt das Ganze wie ein turbulentes Kostümfest vorüber – mit rosa Schweinebäuchen, opulenten Hühner-Federkleidern und braun-muskulösen Pferde-Looks. Wobei hier keine liebenswert verniedlichten Geschöpfe gezeigt werden, auch keine Charakterklischees wie dumm blökend, sondern Tiere auch mit teils menschlichen Attributen.

Frljić erzählt die Orwell’sche Allegorie auf die Revolution und die folgende Erosion der eben errungenen Freiheiten mit einer gewissen lakonischen Bitterkeit, die aber auch empathische, tragikomische und unterhaltende Aspekte zulässt. Old Mayor (Boris Burgstaller), eine Art Marx-Lenin-Geist, steigt bei Frljić nach einem vehementen Plädoyer für die Unabhängigkeit der Tiere zufrieden in den Sarg, den er vorher eigenhändig mit dem Staubsauger gereinigt hat. Und die sieben „animalistischen“ Tier-Gebote aus der Frühzeit der Revolution („Alle Tiere sind gleich …“) werden mit viel Pomp, Gesang und Tamtam auf einem Riesen-Plakat wie unveräußerliche Wahrheiten verewigt – um wenig später bereits von der neuen Herrscherschicht, den Schweinen, wieder relativiert und verfälscht zu werden („ … aber manche sind gleicher“). Napoleon alias Stalin wirkt bei Julian Lehr zunächst unauffällig, gleichsam wie ein ganz normales Schwein – bevor er sich zum neuen Zaren, zum grausamen Diktator entwickelt und seinen Rivalen Schneeball alias Trotzki, bei Valentin Richter ein glänzender Rhetor, vertreiben und liquidieren lässt. Auch in der Zuspitzung der Machtkämpfe auf die Parolen „Drei-Tage-Woche“ versus „Volle Krippe“ hält sich die Regie an Orwells Original. Die Einengung erkämpfter Freiräume wird von Quieker – Hannah Müller als knallharte Propaganda-Beauftragte – gnadenlos schöngeredet.

Freilich zeigt Frljić auch, wie die Tiere als scheinbar mündige, emanzipierte Subjekte in Verzweiflung und Not zu manipulierbaren Objekten werden – und hilflos zwischen schreihalsigen Demagogen hin und her rennen. Dass die Regie bei der Kehrtwende Napoleons zurück zum Handel mit feindlichen Farmen eine riesige Freiheitsstatue aufbauen lässt, gehört zu den weniger zwingenden, wenngleich spektakulären Bildeinfällen dieser Inszenierung. Mehr Dringlichkeit entwickelt die Schilderung des unterdrückten Widerstands der Hühner-Fraktion um ihren Repräsentanten (Karl Leven Schroeder). Der Versuch, das Ganze kurz vor Schluss mit buzzwords wie „Kindermörder“ und „Völkermord“ doch noch an heutige Debatten anzudocken, wirkt eher aufgesetzt. 

Vom düsteren Original-Finale, in dem Tiere und Menschen wieder fatal verwechselbar werden, weicht Frljić jedoch deutlich ab. Denn ähnlich wie eine spätere Verfilmung zeigt er einen zweiten Aufstand der Tiere – allerdings verfremdet und surreal in Zeitlupe: Napoleon wird beseitigt. Und die Fackel der umgestürzten Freiheitsstatue wird zum Grill umfunktioniert – für Bratwürste aus der flugs eingerichteten, tiereigenen Schweine-Schlachterei. Darüber lässt sich lange nachdenken. Auf jeden Fall: ein nur scheinbar absurder Schluss, bei dem Hoffnung und Horror dicht beieinander liegen.

In Stuttgart hat sich Frljić, seit 2022 Ko-Leiter am Gorki-Theater, bereits seit 2018 unter Intendant Burkhard C. Kosminski mit Klassiker-Inszenierungen wie „Romeo und Julia“ oder „Schuld und Sühne“ ein gewisses Standing beim Publikum erarbeitet – mit einer überraschend ungewöhnlichen Bildersprache, in der immer wieder wildes Denken aufblitzt. Auch jetzt, bei „Farm der Tiere“, fährt Frljić so einiges auf, erneut spektakulär und ideenreich, wenn auch mit Abstrichen. Klar, es gibt stärkere Arbeiten von ihm. Dennoch, die Gefahrenzonen des viel gespielten Bühnenhits – fabulierende Betulichkeit, schultheatriger Tier-Karneval, redundante Aktualisierungen – werden elegant umschifft. Was bleibt? Eine eigenwillige Inszenierung, irgendwo zwischen dystopischer Satire und abgründiger Farce.

Erschienen am 3.5.2024

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