Zum Lesebuch
von Kurt Pothen
Erschienen in: Marcel Cremer und die Agora – Ein Lesebuch zum Theater der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens (04/2020)
1987 war ich 17 Jahre alt und hatte mich mit Leib und Seele dem Kampfsport verschrieben. Als künftiger Dan-Träger wurde ich als möglicher Leiter einer der neuen Hap-Ki-Do-Schulen gehandelt, die an vielen Orten Belgiens entstanden. Für mich, einen Landjungen aus Ostbelgien, versprach diese Perspektive eine Aufwertung des Selbstgefühls, die Erfahrung eigener Wirksamkeit und einen Ort, an dem ich wahrgenommen werden könnte – jenseits der biografischen Schablonen meiner Herkunft. Zu der Zeit war ich mit Petra verbunden, meiner ersten großen Liebe. Fast gönnerhaft gab ich ihrem Wunsch nach, mit ihr ein Theaterstück des AGORA Theaters zu besuchen. Während sie diese Einladung formulierte, erinnerte ich mich an meine früheren Schuljahre. Besuche von Aufführungen des AGORA Theaters waren für Schüler in Ostbelgien zu dieser Zeit keine Seltenheit. In meinen Erinnerungen saß ich während der Vorstellungen in den letzten Reihen und spielte Skat mit meinen Freunden. Bis die Veranstaltung endlich vorbei war.
Als wir die Turnhalle betraten, in der das Theaterstück spielen sollte, fühlte ich mich zuerst wie zu Hause. Sport – das kannte ich. Trotzdem war ich irritiert: Theater braucht doch eine Bühne? Hier gab es nur einen links und rechts von Stuhlreihen umgebenen Steg. Der Aufbau erinnerte mich an eine Modenschau. Doch...