Auftritt
Stadttheater Gießen: Boulevardesk mit Migrationshintergrund
„Das Opferfest“ von Ibrahim Amir – Regie Tanju Girişken, Bühne Turgut Kocaman, Kostüme Lisa Chiara Kohler
Assoziationen: Theaterkritiken Hessen Tanju Girişken Stadttheater Gießen

Als sich der junge Mann in der Mitte von Reihe 7 nach wenigen Minuten höflich, aber lautstark zu Wort meldet, beginnt um ihn herum schnell das Murren: Da ist einer, der stört. Der sich nicht an die Regeln hält. Er komme aus Syrien, sagt der Mann (was stimmt). Und er habe keine Lust, sich auf der Bühne sein eigenes Schicksal von Krieg und Flucht vorspielen zu lassen (was irgendwie auch stimmt). „Gehören Sie dazu?“, fragt ein Zuschauer. „Nein“, antwortet der Mann. Was dann doch gelogen ist. Jedenfalls, solange der Zuschauer das Stück gemeint hat.
Dara Lalo, so heißt der junge Mann aus Reihe 7, kam 2016 als 18-Jähriger nach Deutschland, lernte Deutsch und die Schauspielkunst. In der Inszenierung von Ibrahim Amirs „Das Opferfest“ am Gießener Stadttheater ist er der unbestrittene Star. Um ihn dreht sich alles, auch wenn er erst einmal aus der Tiefe des Raums auf die Bühne klettern muss. Er erklärt dem maximal unarabischen Ensemble, was es zu tun hat. Korrigiert Körperhaltungen und die Aussprache arabischer Wörter, greift in die Handlung ein, spielt mit den Schauspieler:innen wie mit Puppen. Und das alles mit einem wuschelköpfigen Charme, einem strahlenden Staunen, das er auch beim Schlussapplaus nicht verliert. Als könne er selbst nicht glauben, was da gerade passiert.
„Das Opferfest“ ist so etwas wie eine boulevardeske Tragikomödie mit Migrationshintergrund. Rashid (Roman Kurtz) und Sara (Carolin Weber) sind mit ihren drei Kindern aus dem syrischen Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet. Jetzt, Jahre später, wollen sie zum Opferfest – dem höchsten muslimischen Feiertag – ihre Familie um sich scharen. Und es geschieht, was bei Familienfesten, zumindest wenn sie Bühne oder Leinwand erreichen, immer geschieht. Wohlgehütete Geheimnisse (Scheidung, Schwangerschaft) kommen ans Licht. Tabus (der Suizidversuch eines Sohns) werden ausgesprochen. Konflikte brechen aus. Wobei diese Familie, wie bekanntlich jede, auf ihre eigene Weise unglücklich ist: ringend um Religion, traditionelle Werte und den Platz in einer Gesellschaft, die das Willkommen weitgehend aus ihrem Wortschatz gestrichen hat.
Uraufgeführt wurde das jüngste Stück des in Wien lebenden Syrers Ibrahim Amir bereits vor fünf Jahren in Köln, unter freiem Himmel während der Corona-Pandemie. Seitdem wurde es nicht mehr gespielt, bis jetzt, bis zur Inszenierung von Tanju Girişken in Gießen. Und Girişken hat eine kluge Veränderung vorgenommen, indem er Korrektiv und Kommentar – vom Autor ausgelagert an drei Puppen – in Person von Dara Lalo mitten ins Geschehen geholt hat. Der „Quotenmigrant“, wie es einmal so böse wie zutreffend heißt, als shakespeare’scher Puck, als Dreh- und Angelpunkt, als Taktgeber. Als der, um den es hier eigentlich geht.
Lalo bringt die Aufgekratztheit mit, die man der Inszenierung auch sonst manchmal wünschen würde. Von einem „Museum der Migration“ träumt er eingangs. Die von Turgut Kocaman gestaltete Guckkastenbühne mit ihren hohen, fast fensterlosen weißen Wänden, die gelegentlich als Projektionsfläche für illustrierende Zeichnungen dienen, lässt deshalb an ein Ausstellungshaus denken. Ausgestellt werden darin aber Karikaturen, die ohne jede Scheu mit Klischees spielen.
Da ist der Sohn Walid (Levent Kelleli), der sein Leben mit Drogen und Gewalt vor die Wand gesetzt hat, keinen Bock auf Arbeit hat und in seinem grünen Jogginganzug jetzt den besonders strenggläubigen Muslim gibt. Da ist Max (sehr schön streberhaft: Max Koltai), der deutsche Freund von Tochter Ranya (Izabella Radić), der seine Doktorarbeit über den Zusammenhang zwischen Migration und Schmerzempfinden schreibt und der syrischen Familie immerzu ihre Welt erklären will. Als Veganer findet er, dass man Fleisch allenfalls dann essen sollte, wenn man das Tier selbst getötet hat. Was ihn mit Walid verbindet, der seinem Vater vorwirft, den Widder fürs Opferfest nicht traditionsgemäß im Garten geschlachtet, sondern einfach beim Metzger gekauft zu haben.
Und da ist der Nachbar Jörg, der sich für den Sohn eines Geflüchteten hält, weil sich sein Nazi-Vater 1945 nach Damaskus abgesetzt hat. In seiner deutschnationalen Sehnsucht nach Disziplin und Ordnung schätzt er ausgerechnet den autoritär-muslimischen Walid (und wäre als passionierter Jäger außerdem gerne beim Schlachten dabei). Pascal Thomas, der den sehr beigefarbenen Rentner spielt, mutiert bei seinem ersten Auftritt durch das bloße Aufsetzen einer Schiebermütze und wenige kleine Änderungen der Körperhaltung zum 86-Jährigen. Mit hessischem Zungenschlag wird er zum Publikumsliebling.
Bizarre Allianzen, wechselnde Frontlinien, pointierte Dialoge: „Das Opferfest“ bietet eigentlich alles, was es für schnelles Boulevardtheater braucht. Und in Gießen auch den einen oder anderen hübschen Running Gag. Wie das Ensemble bei sexistischen oder rassistischen Beleidigungen konsequent den Text vergisst und die bösen Worte der Souffleurin überlässt. Oder wie mangels eines echten Babys ein zusammengeknüllter Mantel als Neugeborenes von Sohn Hasan (Ben Janssen) herumgereicht wird, stellvertretendes Greinen inklusive. Doch immer mal wieder geht der Inszenierung von Tanju Girişken das Tempo aus, gerät das Spiel um die Festtafel statisch.
Am Ende wird der gedeckte Tisch, der die ganze Zeit quer stand wie ein Riegel, längs gedreht. Es nehmen alle daran Platz, auch Dara Lalo. Ein Bild des harmonischen Zusammenlebens, trotz alledem. Die Gretchenfrage der Integration, die im Stück einmal wie beiläufig aufgeworfen wird, aber bleibt unbeantwortet: Was nützt es, weltoffen zu sein, wenn die Welt ihrerseits nicht offen ist?
Erschienen am 5.5.2026





















