Theater der Zeit

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Auftritt

Theater Freiburg: Reise zum Zivilisationsbruch

„Europa“ von Lars von Trier und Niels Vørsel – Musikalische Leitung Artem Lonhinov & Johannes Knapp, Regie Mart Van Berckel, Bühne & Lichtdesign Vera Selhorst, Kostüme Elke von Sivers, Sounddesigner Mauro Casarini

von Georg Rudiger

Assoziationen: Theaterkritiken Musiktheater Baden-Württemberg Theater Freiburg

Ein düsterer, musikdramatischer „Europa“-Abend nach Lars von Trier in der Regie von Mart van Berckel erzählt am Theater Freiburg mit starkem Ensemble und spätromantischer Musik von Schuldverdrängung – und einem von rechts bedrohten Europa.
Ein düsterer, musikdramatischer „Europa“-Abend nach Lars von Trier in der Regie von Mart van Berckel erzählt am Theater Freiburg mit starkem Ensemble und spätromantischer Musik von Schuldverdrängung – und einem von rechts bedrohten Europa.Foto: Eike Walkenhorst

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„Die Häuser sollen nicht brennen, Bomber sollt man nicht kennen“, singt Jakob Kunath mit schlichter Stimme ganz am Ende, und begleitet sich auf der leeren Bühne selbst dazu stockend am Klavier. „Die Mütter sollen nicht weinen, Keiner soll müssen töten einen.“ Der düstere, zweistündige Abend „Europa“ nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier aus dem Jahr 1991 endet am Theater Freiburg mit einem Hauch von Hoffnung, mit einem Wunsch nach besseren Zeiten, den Bertolt Brecht in diesem Lied „Bitten der Kinder“ von Paul Dessau in einfache Verse gebracht hat. Die spartenübergreifende Stückentwicklung des niederländischen Regisseurs Mart van Berckel ist jene Form von Theater, die dem neuen Freiburger Intendanten Felix Rothenhäusler und seinem Dramaturgen Franz-Erdmann Meyer-Herder besonders am Herzen liegt. Im Gegensatz zum zielgerichteten, kontinuierlich Spannung aufbauenden Film mäandert die „musikdramatische Selbstbetrachtung“ auf der offenen Bühne. Auch die ausgewählte Musik von Richard Wagner bis Hanns Eisler, von Gustav Mahler bis György Ligeti öffnet eher einen weiten emotionalen Raum, als eine Szene dramatisch zu verstärken. Aber das hervorragende Ensemble aus den Sparten Schauspiel und Musiktheater knüpft die losen Stränge immer wieder zusammen. Und entwickelt eine enorme Präsenz, die für die theatralische Wirkung dieser Produktion unabdingbar ist.   

 

Im Oktober 1945 kommt der deutschstämmige Amerikaner Leopold Kessler nach Deutschland, um gegenüber den Besiegten Freundlichkeit zu zeigen und die Welt so ein bisschen besser zu machen. Sein Onkel verschafft ihm eine Stelle als Schlafwagenschaffner. Leopold wird aber nach und nach von nationalsozialistischen – Werwölfen genannten – Widerstandsgruppen instrumentalisiert, ehe er selbst ein Bombenattentat verübt und dabei ums Leben kommt. Selbst seine Geliebte Katharina, Tochter des Eisenbahnunternehmers Hartmann, entpuppt sich als Werwolf. Der im Film omnipräsente Zug ist auf der Theaterbühne (Text: Lars von Trier und Niels Vorsel in der Übersetzung von Ulrike Syha) nur zu hören (Sounddesign: Mauro Casarini). Fahrbare Wände sind mal Schachbrett, mal Fachwerkhaus (Bühne und Licht: Vera Selhorst). Bis auf Leopold Kessler, dem Jakob Kunath mit seinem kantablen Bariton Wärme und Empathie verleiht, und die großartige Altistin Anja Jung als Erzählerin (und tiefschürfende Interpretin von Mahler-Liedern) tragen alle Figuren weiße Kontaktlinsen. Dieser Gesellschaft ist nicht zu trauen. Im Film ist es der 1.-Klasse-Schlafwagen, der an glanzvolle Zeiten erinnert – auf der Theaterbühne erzählen die spätromantischen Klänge, die vom Philharmonischen Orchester Freiburg unter der Leitung von Artem Lonhinov veredelt werden, von tiefen Gefühlen und wie in „Nur eine Waffe taugt“ aus Wagners „Parsifal“ auch mal vom heiligen Gral. Roberto Gionfriddo (Colonel Alexander Harris) singt die Arie und die zahlreichen Lieder von Hanns Eisler mit dramatischem, auch wendig-lakonischem Tenor und dichtem Brusthaar. Warum die Figur der Katharina gedoppelt ist, erschließt sich dramaturgisch kaum. Aber die Schauspielerin Stefanie Mrachacz und die Sopranistin Inga Schäfer, die nicht nur mit Richard Strauss‘ Lied „Morgen!“ betört, potenzieren als perfekt getimtes Duo die Attraktivität Katharinas. Und können sich für Leopold auf diese Weise küssend und singend aufteilen. Inga Schäfer darf auch noch den größten theatralischen Moment des Abends genießen, wenn sie in einem riesigen Brautkleid (Kostüme: Elke von Sivers) zu „The Unanswered Question“ von Charles Ives aus der Unterbühne hochgefahren wird. Die mühelos zwischen den Rollen springenden, ungemein präzise sprechenden Henry Mayer (u. a. Onkel Kessler), Urs Peter Halter (Max und Larry Hartmann, Prüfer) mit verstörenden schwarzen Latexhandschuhen und die glatzköpfige Emma Petzet (Pater, Sekretärin) halten die Intensität des Abends hoch. Und wenn sich das Ensemble zur Gruppe zusammenfindet und die Texte im Chor spricht, dann wird es noch eindringlicher auf der halbdunklen, nebelumwaberten Bühne. 

 

Den Bezug zum heutigen, von rechtsradikalen Kräften bedrohten Europa bringt Regisseur Mart van Berckel nicht konkret. Auf Videosequenzen verzichtet er völlig. Auch textlich bleibt er ganz bei der Vorlage. Aber im Verdrängen der Schuld, dem Schwelgen in der Vergangenheit und der kühlen Empathielosigkeit, die man aus dem leeren, unheimlichen Blick der Protagonisten lesen kann, kommt das Heute durchaus näher. Europa in Gefahr!

Erschienen am 28.4.2026

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