Theater der Zeit

Auftritt

Chamäleon Theater: Circus goes Erzähltheater

„BELLO!“ von Cordata F.O.R/ Fabbrica C – Kreation und Interpretation Francesco Sgrò/ Fabbrica C, Choreografie Teresa Noronha Feio, Bühnenbild Francesco Fassone & Jessica Koba, Kostüme Anna Kemp & Agostino Porchietto, Musik Francesco Sgrò & Pino Basile

von Tom Mustroph

Assoziationen: Berlin Theaterkritiken Zirkus Chamäleon Theater

Die italienische Circus Compagnie Fabbrica C verbindet am Chamäleon akrobatische Ensemblekunst mit tänzerischen Elementen und dem Erzählen von Alltagsgeschichten.
Die italienische Circus Compagnie Fabbrica C verbindet am Chamäleon akrobatische Ensemblekunst mit tänzerischen Elementen und dem Erzählen von Alltagsgeschichten.Foto: Chamäleon Berlin

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Schönheit ist Vertrauen und das Zulassen extremer körperlicher Nähe. Zu dieser etwas ungewöhnlichen Definition von Schönheit gelangt die italienische Circus Compagnie Fabbrica C in ihrer forsch „Bello!“ genannten Show im Berliner Chamäleon.

Was sich dort entfaltet, geht über das Verständnis von Schönheit als einer Art Oberflächeneigenschaft weit hinaus. Nicht, dass der Schauwert von „Bello!“ selbst gering wäre. Die Körperskulpturen, zu denen sich die sieben Performerinnen und Performer arrangieren, erinnern mitunter an vielgestaltige Fabelwesen. Die Präzision, mit der sie später den Luftraum erobern, sich zu dreistöckigen Menschenpyramiden konfigurieren, dabei noch auf Händen übereinanderstehen oder sich zu Salti in die Luft werfen, ist beeindruckend.

Die Akrobatinnen und Akrobaten von Fabbrica C entwickeln dabei eine ganz eigene Sprache. Die zeichnet sich zunächst gerade nicht durch wilde, exzentrische Sprünge aus. Vielmehr entwickeln sich die einzelnen Szenen oft aus Momenten der Stille und einem forschenden Spüren der körperlichen Nähe. Dabei entstehen vielarmige und vielbeinige Wesen, die sich auf dem Boden ausbreiten. Die Menschen, aus denen diese Wesen hervorgehen, scheinen sich dabei selbst in Glieder ebendieser Wesen zu verwandeln und die eigene Identität zuliebe eines kollektiven Großwesens aufzugeben.

Später wird die Dimension der Höhe erobert. Aber auch hier, selbst beim Bau der Pyramiden aus Menschenkörpern, werden die Bewegungen noch langsamer geführt, als von anderen Akrobatikprogrammen gewohnt. Diese Slow-Motion-Akrobatik gewinnt dadurch tänzerische und choreografische Qualitäten. Zugleich erfordert sie mehr Kraft, weil nicht so stark die Schwünge genutzt werden können. Das verleiht den Aktionen auch eine besondere Fragilität, ein Hoffen und Bangen im Zuschauerraum, ob die finale Bewegungs- und Skulpturbildungsform denn auch tatsächlich erreicht werde. Natürlich klappt das. Die Künstler können sich aufeinander verlassen. Und gerade dieses Vertrauen aufeinander wird zum wohl kostbarsten Gut dieser Show. Um die besondere Sprache von Fabbrica C zu erlernen, mussten die Akrobatinnen und Akrobaten erst vieles vergessen, was sie an ihren Schulen früher gelernt haben, beschrieb Regisseur Francesco Sgró einmal den langen und ungewöhnlichen Entwicklungsprozess von „Bello!“

Ergänzt und umrahmt werden die akrobatischen Szenen von kleinen Geschichten. Die Berliner Schauspielerin, Sängerin und Tänzerin Judith Shoemaker erzählt von Alltagsbeobachtungen wie dem Stehen in einer Schlange oder dem Bewundern einer Person aus der Ferne. Zuweilen legen sich diese Geschichten wie ein zarter Schleier über das Körpertheater der anderen sechs. Oft genug wird sie auch ganz physisch integriert in das Geschehen, wird Teil der Gruppe bei den choreografischen Elementen und muss einmal sogar hoch auf die Schultern eines der Akrobaten. Mitunter tritt das gesprochene – und in der Übersetzung auch noch an die Rückwand projizierte – Wort in Konkurrenz zu den Aktionen. Man verfolgt das eine und verliert das andere aus dem Sinn.

Es gibt aber auch Momente des perfekten Verschmelzens. Etwa dann, wenn Shoemaker auf der Bühne das Konzept des intimen Raumes zu etablieren versucht. Dieser Sicherheitsabstand von mehr als einer Armlänge ist natürlich ein komischer Kontrast zur bisher gesehenen Nahkörperkunst der zwei Akrobatinnen und vier Akrobaten.

Sgrò, Mitgründer von Fabbrica C und selbst ausgebildeter Zirkusartist, führt in „Bello!“ noch andere Elemente ein wie einen Laufsteg der extravaganten Erscheinungen oder eine Ballettszene in Flamingo-Tutus. Auch der Zuschauerraum wird erobert, die klassische Trennung von Bühne und Publikum aufgelöst. Hier schlägt vermutlich durch, dass Sgrò, der in den Weinbergen des Barolo im Piemont aufgewachsen ist, einst erste Erfahrungen bei Darbietungen auf Dorffesten sowie als Straßenkünstler gesammelt hat. „Bello!“ erkundet auf vielfältige Art, worin alles Schönheit stecken könnte. Exzellente Partnerakrobatik verschmilzt dabei mit Tanz, Körpertheater und Schauspiel zu einer ganz neuen Kunstform. Das Stück war in einer früheren Fassung bereits auf dem Berlin Circus Festival zu sehen und gehörte dort zu den Publikumslieblingen. Für die lange Saison im Chamäleon wurde es ergänzt, in Teilen neu konzipiert und für die spezifische räumliche Situation umgearbeitet. Es ist jetzt die gesamte Frühjahrssaison zu sehen und unterstreicht wieder einmal die Experimentierfreude der Betreiber des schmucken Theaters in den Hackeschen Höfen.

Erschienen am 20.3.2026

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