Gespräch
„Puppen&Stifte“ – Erinnerungen an die Zukunft?
Jörg Lehmann im Gespräch mit Mathias Becker und John von Düffel
von Jörg Lehmann, John von Düffel und Mathias Becker
Erschienen in: Puppe50 – Fünf Jahrzehnte Puppenspielkunst an der HfS Ernst Busch Berlin (12/2023)

Jörg Lehmann: Lieber Mathias, lieber John, schön, dass ihr bereit seid, mit mir ein wenig in der Vergangenheit zu graben. Eine kleine Vorrede zur Einordnung: „WAS WAR?“ heißt dieses Kapitel – und die Kollaborationen unter der Überschrift „Puppen&Stifte“ waren ohne Zweifel wichtige, inspirierende Momente in der jüngeren Geschichte unseres Studiengangs. Zwischen 2012 und 2017 vernetzten sich Studierende der Puppenspielkunst – ungefragt – wiederholt mit Studierenden des Studiengangs Szenisches Schreiben der UdK Berlin. Daraus entstanden – neben der Erfahrung der künstlerischen Begegnung und der gemeinsamen Probenarbeit – beeindruckende theatrale Ereignisse. Mit dem jetzigen zeitlichen Abstand betrachtet vielleicht auch Experimente mit neuen künstlerischen Strategien gemeinsamer Theaterarbeit.
Es gab 2012 eine erste Bandenbildung, die rein aus einer studentischen Initiative entstanden ist. Dann 2013 eine zweite, zu der John und ich eingeladen wurden, wo wir uns auf ein für alle Gruppen verbindliches Thema geeinigt haben: Georg Büchner. Und eine dritte, bei der 2017 Texte von Studierenden der UdK Ausgangspunkt und die Grundlage der Probenarbeit für drei reguläre Szenenstudien zu Beginn des 3. Studienjahres in der Puppe waren.
Für mich persönlich ist „Puppen&Stifte“ eine sehr intensive Erinnerung, die immer mal wieder anklopft und mit Nachdruck in die akademische Routine hineinruft: Zugabe! Vielleicht wieder unter dem wunderbaren Titel „Puppen&Stifte“, für den Mathias die Rechte hat?
John von Düffel: Der Titel ist tatsächlich so etwas wie ein Programm – zumindest aus Sicht der Schreibenden. Die meisten jungen Autor:innen, die bei uns an der UdK im Studiengang Szenisches Schreiben studieren, kommen vom Literarischen, von einem sprachkünstlerischen Verständnis her. Ihr Medium ist das Wort, das Poetische, die Unschärfe, die Abstraktion, und geradezu prototypisch ist in den ersten Semestern die Berührungsangst mit dem Konkreten: einer handfesten Situation, einem klaren Konflikt und dem Spiel mit einer Geschichte. „Stifte“ dagegen ist sehr konkret, ein fasslicher Ausdruck des Schreibens – und die „Puppen“, anders als Schauspieler, sind konkret und dinglich. Mit ihnen kann man sich nicht in Befindlichkeiten und endlose Introspektionen flüchten.
JL: Ein Gedanke, den ich vor dem Hintergrund aktueller Diskurse sehr faszinierend finde. Aber noch einmal in die Geschichte: Wie erinnert ihr den Beginn von „Puppen&Stifte“? Das ist jetzt alles über zehn Jahre her.
JvD: Meine Erinnerung ist zugegebenermaßen etwas schemenhaft. Die erste Kooperationsrunde fand gleich mit dem ersten Jahrgang statt, den ich als Studiengangsleiter betreut habe, mit Jakob Nolte, Michel Decar, Katja Brunner, Konstantin Küspert, Bonn Park, Sascha Hargesheimer und und und. Es ist also sehr lange her. Woran ich mich aber sehr genau erinnere, ist die Befreiung von der ewigen Ressourcenfrage, die sowohl die Autor:innen als auch ich in der Mitverantwortung als eine besondere Freiheit erlebt haben. Schreibt ein Namenloser ein Theaterstück für Schauspieler:innen, wird er meist ein Kammerspiel schreiben: ein Set, wenige Personen, studiobühnentauglich. Die Zensur der Ressourcen und der Produktionsbedingungen haben alle als Schere im Kopf. Beim Theater der Puppen und Dinge hingegen ist erstmal alles möglich, die Grundprämisse der Fantasie ist eine viel freiere … Das hat den Autor:innen damals richtig die Köpfe geöffnet.
JL: Mathias, die Idee entstand bei euch, bei den Studierenden, der Puppe?
Mathias Becker: Ja, richtig. Ich glaube, es gab eine Wohngemeinschaft mit Studierenden der HfS und der UdK. Aus den Begegnungen bei Theaterbesuchen oder Partys ist dann die Idee entstanden, zusammen zu arbeiten. Das Problem war nur, dass der Stundenplan der HfS kaum Lücken ließ, um sich zu begegnen. Ich erinnere mich, dass wir uns sehr stark dafür engagierten und uns den Platz für eine Begegnung erkämpften. Wir sind dann mit unserem Jahrgang und einigen Taschen voller Puppen in die UdK gegangen. Dort saßen wir dann schüchtern den anderen Studierenden gegenüber, in der Mitte standen Kaffee und Kuchen. Irgendwann fingen wir einfach an, verschiedene Puppenarten zu zeigen, es war eine Art Crashkurs in Figurentheater. Daraufhin sind wir ins Gespräch gekommen und haben uns wieder verabredet. Die interessierten Autor:innen schickten dann Texte rum. Alles war sehr unorganisiert und chaotisch, was, denke ich, eine gute Voraussetzung war, um sich zu begegnen. Was ich an der Situation besonders fand, war, dass unsere Klasse und die Studierenden der UdK extrem offen waren. Alle waren bereit, etwas zu teilen, ohne genau zu wissen, wohin das führen würde.
JL: John, dieser Gedanke ging dann weiter in Form einer Einladung an euch, es gab ein erstes Treffen?
JvD: Das gab es. Und es gab anfangs auch eine gewisse Scheu oder gar Fremdheit. Der Erfahrungshorizont mancher Autor:innen mit der Puppe hat teilweise nicht weit über die Augsburger Puppenkiste hinausgereicht. Umso schöner war es zu erleben, wie schnell der Funke der neuen Möglichkeit übergesprungen ist und sich Teams gebildet haben, die dann guerillaartig weiter zusammengearbeitet haben. Das lief so autonom und unterm Radar – jedenfalls von meiner Seite –, dass ich eigentlich nur ganz am Anfang und am Ende bei den Präsentationen dabei war.
JL: Die Puppe braucht die Stifte, da wir nicht wie etwa im Schauspiel einfach ins Bücherregal greifen können. Das Fach „Dramatik für Figurentheater“ ist dort sehr übersichtlich. Aber gibt es über diese nüchterne Tatsache hinaus Beweggründe, was hat euch damals angetrieben, den Kontakt zu den Studierenden der UdK, zu den angehenden Autorinnen und Autoren herzustellen?
MB: Im Puppenspielstudium waren wir zeitlich sehr eingespannt und hatten kaum Gegengenheit, andere Kunststudierende kennen zu lernen. Die einzige Erfahrung einer Kollaboration entstand mit den Regiestudierenden der HfS. Einige dieser Erfahrungen waren unbefriedigend und brachten uns dazu, viel über die Position der Regie nachzudenken. Ich glaube, diesen Aspekt haben wir mit einigen Studierenden der UdK geteilt. In der Begegnung „Puppen&Stifte“ verbündeten wir uns, um das Gelernte, also in diesem Fall eine gegebene Struktur des Theaters mit Regie, Dramaturgie, Autor:in zu hinterfragen und selbst eine Form der Produktion zu finden. Ohne klassische Regie, sondern nur zwischen Puppenspieler:innen und Autor:innen wollten wir ausprobieren, wie ein Stück entstehen kann.
JL: Alles Formen der Selbstermächtigung von Spielenden, als die Begriffe dafür noch gar nicht erfunden waren. John, es gab ja schon Erfahrungen in der Kooperation mit der Abteilung Regie der Ernst Busch, richtig?
JvD: Ja, wir haben mit dem Regiestudiengang der Ernst Busch eine lange Tradition der Kooperation in Form der Reihe „bat-Werkstatt Neue Stücke“, die noch von meinen Vorgängern ins Leben gerufen wurde. Dass junge Autor:innen schreiben, junge Regiestudierende inszenieren und Schauspielstudierende (meist der dritte Jahrgang Schauspiel UdK) spielen, liegt ja auch nahe. Das Problem, mit dem wir allseits immer zu tun hatten, ist dabei nur: Wie schnell sich die bestehenden arbeitsteiligen und hierarchischen Strukturen der Auswahl, der Konzeption, der künstlerischen Entscheidung, der Probenhoheit usf. vom Profi- bzw. Stadttheater in den studentischen Arbeitszusammenhängen reproduzieren. Mit diesen Mustern der Macht hatten wir bei „Puppen&Stifte“ wenig bis gar nicht zu kämpfen. Vielleicht, weil die Bereiche der künstlerischen Expertise und des Ausdrucks so verschieden sind, dass es nicht zu den üblichen Konflikten kommt, vielleicht aber auch, weil sie sich ganz anders begegnen und die Räume der Zusammenarbeit nicht schon so besetzt sind.
JL: Was wäre heute der Impuls für eine solche Vernetzung? Mathias, du arbeitest neben anderen Projekten seit vielen Jahren mit dem Theaterkollektiv manufaktor zusammen, in dem mehrere der damals an „Puppen&Stifte“ maßgeblich Beteiligten weiterhin mit dir Theater entwerfen und machen.
MB: Aus der Perspektive einer Person, die im Kollektiv Theater macht, glaube ich, dass das große Potenzial dieser Begegnung auch heute noch in dem undefinierten Raum zwischen Text und Spiel liegt. „Puppen&Stifte“ ermöglicht einen Raum mit weniger Hierarchie, mit weniger klassischer Aufgabenverteilung. Dieser Raum bietet erst einmal die Chance, Dinge gemeinsam auszuhandeln. Zumindest haben wir diesen Raum damals
so genutzt.
JL: John, wir haben einen Romantitel aus 1968 dem Gespräch vorangestellt. Was wäre aus deiner Sicht eine Zukunft für „Puppen&Stifte“?
JvD: Die große Chance, um nicht zu sagen, meine Sehnsucht für eine weitere Zusammenarbeit wäre, dass diese Kombination und Kooperation aus Autor:innensicht einen Ausweg aus der autofiktionalen Falle bietet. Dass die Berechtigung eines Schreibstandpunkts, einer Perspektive im Hinblick auf Herkunft, Erfahrung, Privilegien und Prägungen befragt wird, ist eine völlig legitime und wichtige Entwicklung. Aber die Beschränkung auf das Autofiktionale lässt auch Horizonte des Spielerischen und der freien Erfindung zusammenschrumpfen. Viele haben Angst vor der Grenzüberschreitung und haben beim Schreiben die Grenzen ihrer Legitimation im Kopf. Eine Entgrenzung durch die Puppe und das Theater der Dinge wäre ein fälliger Kopföffner für die Autor:innen.
JL: Lieber Mathias, wie passen Stifte in die künstlerische Strategie von Stückentwicklungen, die ja im Theater der Dinge häufig praktiziert wird und auch bei manufaktor eine Konstante der Arbeit ist?
MB: Ich denke, da gibt es keine allgemeingültige Antwort. Autor:innen müssen genauso wie Figurenspieler:innen erst mal ihre Bedürfnisse besprechen und dann zusammenkommen. Auch damals schon waren manche Autor:innen sehr daran interessiert, zusammen mit den Spieler:innen zu proben. Andere Autor:innen hingegen wollten lieber den Text abgeben und wenig mit dem Probenprozess zu tun haben. Es braucht eine große Offenheit auf beiden Seiten und die Übereinkunft, dass beide Ausdrucksweisen im künstlerischen Produktionsprozess mit der gleichen Aufmerksamkeit bedacht werden.
JL: John, zum Schluss noch eine Frage an dich: Du leitest ja nicht nur den Studiengang Szenisches Schreiben, sondern bist auch selbst Autor, Dramatiker. Was können Stifte von der Puppe lernen?
JvD: In einem Satz: eine Fantasie der zweiten oder dritten Art, jenseits von Selbstdarstellung und Selbstbehauptung.


















