Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Umkämpfte Vielfalt – Das Theater und die AfD (04/2019)

Anzeige

„Die Freiheit der Kunst ist ein Gradmesser gesellschaftlicher und demokratischer Freiheit. Die Länder bekennen sich dazu, diese Freiheiten zu schützen und zu einem Maßstab ihrer Kulturpolitik zu machen.“ Mit dieser Erklärung setzte Mitte März die neu gegründete Kulturministerkonferenz in Deutschland ein deutliches Zeichen gegen rechts. Denn spätestens seit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag wird die Freiheit der Kunst öffentlich infrage gestellt. Parlamentarische Anfragen, Forderungen nach Subventionskürzungen und Strafanzeigen vonseiten der AfD in den Landes- und Kommunalparlamenten nehmen zu. Ihr Vorwurf: die angebliche Dominanz linker Positionen in der Kulturszene. Besonders in Fragen der Migrationspolitik würden, laut AfD, Künstler als Sprachrohr der Regierung auftreten, finanziert durch Subventionen und staatliche Förderprogramme. Dieser Aussage setzen die Kulturminister ihre Erklärung entgegen: „Nach übereinstimmender Auffassung der Kulturministerkonferenz besteht kein Verstoß gegen das Neutralitätsgebot staatlich finanzierter Einrichtungen, wenn die Verteidigung verfassungsrechtlicher Grundfreiheiten Gegenstand der Aktivitäten ist. Kultureinrichtungen ist die Möglichkeit zu sichern, sich zu gesellschaftlichen oder politischen Problemlagen zu äußern und auch kritisch Stellung zu beziehen. Dies ist durch Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt.“

Trotz solcher Statements, die Initiativen wie Die Vielen mit ihren bundesweiten Glänzenden Demos flankieren, muss und wird die Arbeit an der Aufrechterhaltung zivilgesellschaftlicher Frei­räume im Kleinen, in den Städten und Kommunen, stattfinden. Anja Nioduschewski zeichnet in ­ihrem Einführungstext für unseren Schwerpunkt „Umkämpfte Vielfalt“ eine Landkarte der Konflikte ­zwischen Theatern und AfD und beschreibt Strategien des Umgangs damit. Denn sicher ist: In Bundesländern wie etwa Sachsen ist eine CDU-AfD-Koalition nach den kommenden Landtagswahlen im September nicht mehr auszuschließen. Michael Bartsch war für uns in Dresden unterwegs, um die Konfliktlinien zwischen AfD-Landtagsfraktion und Theatern abzuschreiten. Sein ernüchterndes ­Fazit: Der Kampf um die Kultur in Sachsen ist in vollem Gange. Trotz der aufgeheizten Stimmung sollte die scharfe Analyse der Situation und ihrer Akteure indes nicht aufgegeben werden. Was steckt hinter dem Kulturkonzept der AfD? Hat sie eines? Was wäre im Falle eines von der AfD besetzten Kulturministeriums auf Länderebene zu erwarten? Der renommierte Politikwissenschaftler Claus Leggewie, der mit seinem 1993 erschienenen Buch „Multi Kulti. Spielregeln für die Vielvölkerrepublik“ Maßstäbe in der Diskussion um ein pluralistisches Miteinander setzte, hat für unseren Schwerpunkt den Kulturpolitischen Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion Marc Jongen zum Streit­gespräch gebeten. Was genau stört die AfD an den Spielplänen der Theater? Was konkret steckt hinter der Aussage, Förderkriterien grundlegend hinterfragen zu wollen? Zwei von vielen Fragen, die ­Leggewie beantwortet wissen wollte – jenseits von Parolen und Sprachverdrehungen. An Letzterem arbeitet sich auch das Autor*innenkollektiv Nazis & Goldmund ab. 2016 von Jörg Albrecht, Thomas Arzt, ­Sandra Gugić, Thomas Köck und Gerhild Steinbuch gegründet, betreibt es Kritik und ­ Widerstand mit poetischen Mitteln. Anja Nioduschewski hat mit Thomas Köck über diese Arbeit an der Sprache gesprochen. Zudem veröffentlichen wir als Stückabdruck Texte von ihm, Elfriede Jelinek und Kathrin Röggla, die im Rahmen der Diskursreihe „Die Zukunft des Widerstands“ von Nazis & Goldmund entstanden sind.

Das Theater Ulm unter seinem neuen Intendanten Kay Metzger hat die „Erklärung der Vielen“, der sich deutschlandweit viele Kulturinstitutionen angeschlossen haben, nicht unterzeichnet. Stattdessen hat das Haus eine eigene Stellungnahme gegen jede Form der Ideologisierung abgegeben, die Metzger, so berichtet es Sabine Leucht, differenzierter findet. Künstlerisch ist das Theater mit einem Mix aus globalen und lokalen Themen, darunter eine Uli-Hoeneß-Wurstiade, erfolgreich gestartet. Ebenfalls viel Gutes hat Elisabeth Maier aus dem Zimmertheater Tübingen zu berichten, das sich unter den neuen Intendanten Dieter und Peer Ripberger zu einem Institut für theatrale Zukunftsforschung verwandeln soll. Schauspieler-Avatare treffen auf Marx’ Klassenkampf-Theorie auf einer Reise in die digitale Zukunft.

Einen prominenten Abschied bereitet in diesem Heft Filmregisseur Lars von Trier dem Schauspieler Bruno Ganz, der im März mit 77 Jahren in Zürich verstorben ist. „The House that Jack Built“ heißt von Triers jüngster Film, in dem Ganz den Serienkiller Jack als Anti-Engel in die Hölle geleitet. Als Schauspieler, schreibt Gunnar Decker in seinem Nachruf, sei Bruno Ganz immer beides ge­wesen, halb Engel, halb Teufel. „Die Irritation“, die sein Spiel auslöste, „tragen wir mit uns.“ //

Die Redaktion

teilen:

Neuerscheinungen im Verlag

Theater der Zeit Cover Juni 2026
Theater der Zeit Cover Mai 2026 – Florentina Holzinger

Anzeige