Auftritt
Schauspiel Wuppertal: Erkundungen aus der Komfortzone
„Home sweet home“ von Hannah Frauenrath und Ensemble (UA) – Inszenierung Hannah Frauenrath, Bühne & Kostüme Hanga Balla, Polly Stephan
von Stefan Keim
Assoziationen: Theaterkritiken Nordrhein-Westfalen Dossier: Uraufführungen Hannah Frauenrath Wuppertaler Bühnen

„Und es begab sich“, klingt es aus den Lautsprechern, „dass der Mensch lebte in einem Hause.“ Auf der Bühne des Theaters im Engelsgarten liegen weiße, eckige Elemente, stilisierte Häuschen, eins erinnert an eine kleine Pyramide. In der Mitte steht ein Tisch mit Stühlen, darüber schwebt ein Dach, das von einem überdimensionierten Puppenhaus stammen könnte. Assoziationsreich beginnt die Stückentwicklung „Home sweet home“, mit der sich das Schauspiel Wuppertal dem Zuhause widmet.
Das Thema ist sowohl allgemein anschlussfähig – die meisten Menschen kommen aus einem Zuhause, haben sogar aktuell eins oder eben nicht – als auch gesellschaftlich relevant. Auch im übertragenen Sinne ist der Verlust von Heimat nicht nur für Geflüchtete ein großes Thema. Oft ist zu hören, dass sich Menschen durch die Wandlung ihres Lebensumfeldes nicht mehr zu Hause fühlen. Eine Emotion, die durch rechte Parteien befeuert und benutzt wird.
Das Ensemble betritt die Bühne in farbigen Schlafanzügen. Zur Morgenstimmung aus Edvard Griegs „Peer Gynt“-Suite decken sie den Tisch, die ausholenden Bewegungen wirken wie ein sanft parodiertes klassisches Ballett. Die zentrale Szene des Abends ist der Besuch eines erwachsenen Kindes bei den Eltern. Silvia Munzón López spielt den Vater, Konstantin Rickert die Mutter, Stefan Walz das geschlechtlich nicht definierte Kind. Der Text entwickelt hier einige Komik, weil ständig gesagte und gedachte Sätze wechseln, und manchmal nicht gleich klar ist, ob die Worte wirklich gefallen sind. Das Kind erlebt – kaum angekommen – die sich ständig wiederholenden Ehedialoge, die ihm schon immer auf die Nerven gingen. Zum Beispiel subkutane Aggressionen darüber, ob Vater das Brot auch dünn genug schneidet. Die Oberfläche ist freundlich, darunter lauern Enttäuschungen, Eitelkeiten, Genervtheit.
Das ist eine klassische Komödiensituation, die an einem Punkt etwas Tiefgang bekommt. Da bricht aus Stefan Walz die Frustration heraus, immer wieder nach Hause kommen zu wollen, eine Besserung zu erhoffen, und dann so schnell wie möglich wieder weg zu wollen. Aber ganz lossagen kann sich das Kind nicht, weil es immer Kind bleibt, so lange die Eltern leben. Das ist allerdings der einzige Moment, in dem „Home sweet home“ etwas Spannung entwickelt. Die manchmal giftige Komfortzone Zuhause zu erkunden, wäre höchst interessant. Doch das funktioniert nicht, wenn die Spielenden – zu denen noch Celine Hambach gehört – in ihren eigenen Komfortzonen bleiben, ein bisschen spielen, ein bisschen tanzen, ein bisschen singen. Alles ein bisschen, alles nett, leidlich unterhaltsam und nach 75 Minuten vorbei.
Hier zeigt sich ein Problem, das vielen Stückentwicklungen innewohnt: Es wird zusammengetragen, erzählt und diskutiert – eine gute, ja spannende Probenzeit. Aber wenn die Verdichtung nicht gelingt, wenn man sich nicht herausfordert und an Schmerzgrenzen geht, bleiben die Ergebnisse oft beliebig. So diskutieren die vier, ob die Einrichtung der frisch bezogenen Wohnung nach drei Tagen schon etwas darüber aussagt, wie lange jemand bleiben wird. Und ob die Auswahl der Zimmerpflanzen etwas über den Charakter der Bewohner:innen erkennen lässt. Die Aufführung jedenfalls deutet darauf hin, dass das Schauspiel Wuppertal diesmal von Flachwurzlern bewohnt wird. Sie halten sich aneinander fest, bilden ein ordentliches Netzwerk, bohren aber nicht in die Tiefe.
Erschienen am 13.4.2026





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