Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Safety first – Theater in Zeiten von Corona (05/2020)

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Als Andy Warhols „The Chelsea Girls“ Ende der sechziger Jahre in die Kinos kam, war die Technik des Splitscreens, also die gleichzeitige Darstellung verschiedener Orte und Handlungen auf ­einem Bildschirm, revolutionär. Heute, in Zeiten von Corona, besteht daraus unser Alltag. Oder besser gesagt: der Alltag derjenigen, die über einen Computer und schnelles Internet verfügen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie, heißt es, wirkten wie ein Vergrößerungsglas. Das neoliberale System, das soziale Ungleichheiten potenziert, zeige in der Krise nun sein wahres Ge­sicht. Was für ein Hohn, waren die katastrophalen Zustände doch auch vor der Krise mehr als sichtbar.

In „normalen“ Zeiten waren es die Theater, die die großen Menschheits- und Gesellschafts­fragen auf der Bühne verhandelten. Doch nun sind die Häuser geschlossen – und werden es, so der Stand Ende April, auch noch für längere Zeit bleiben. In unserem Schwerpunkt Theater in Zeiten von Corona beschäftigen wir uns eingehend mit der verstörenden Ambivalenz der derzeitigen Situation. Das Virus hat unsere Welt erschüttert und unser Selbstbild gleich mit. Davon berichten in zwei aufwühlenden Texten der Autor und Regisseur Alexander Eisenach sowie TdZ-Redakteur Gunnar Decker. Eingewoben in die Textur des ewigen Fortschritts, so Decker, sei mit uns nun das passiert, was Rainer Maria Rilke mit dem Vers beschrieben habe: „Da stürzte Gott aus seinem Hinterhalt“, was nichts mit persönlichem Glauben zu tun habe, „sondern mit unseren Weltkoordinaten“. Denn offenbar drehe sich nicht alles immer nur um unsere Selbstoptimierung. Alexander Eisenach geht in seiner berührenden literarischen Selbsterkundung diesem Gedanken nach: „Wir begreifen, dass das Denken über unsere Zukunft bisher im Raum der Uneigentlichkeit stattgefunden hat. Es war übermütiges Kinderspiel, das kein Risiko barg, weil es aufgehoben war im Gefühl der Unveränderlichkeit unserer Rahmenbedingungen. Unser Spiel war nie durchdrungen vom Gefühl der Wirklichkeit. Denn wie sich das anfühlt, Wirklichkeit, das wissen wir erst jetzt.“

Unmittelbar real stellen sich die derzeitigen Nöte auch für viele Künstlerinnen und Künstler dar. Während Bodo Blitz und Thomas Irmer in Freiburg und Sankt Petersburg noch die letzten Geisterpremieren kurz vor dem Shutdown erleben durften, müssen Festivals wie die Passionsspiele Ober­ammergau und Theater der Welt in Düsseldorf nun schmerzhaft umdisponieren. Christoph Leibold und Martin Krumbholz berichten. Mit den finanziellen Hilfsprogrammen für Theaterschaffende in Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigen sich Patrick Wildermann im Gespräch mit Janina Benduski vom LAFT Berlin sowie Margarete Affenzeller und Dominique Spirgi. Das Reformpotenzial des derzeitigen Stillstands erkunden Jakob Hayner in seiner Auseinandersetzung mit ­Simon Strauß’ Sammelband „Spielplan-Änderung!“ sowie Tom Mustroph in seiner Zusammenschau über Tools, Formate und Probleme der digitalen Bühne.

In Zeiten von Splitscreens und virtuellen Körpern tritt einem die radikale Körperkunst einer Florentina Holzinger wie ein Fanal entgegen. Ihre Inszenierungen, schreibt die Tanzwissenschaftlerin Gabriele Brandstetter in ihrem furiosen Text über die österreichische Choreografin und Performerin, sei eine „aufregende Mixtur aus Ballett, Performance Art, Kampfsport, Horror- und Freakshow“. Bis über die Grenzen des Ertragbaren hinaus zeigt sich hier der menschliche (Frauen-)Körper in seiner großen Verletzlichkeit und Stärke, sprich: in allem, was seine Lebendigkeit ausmacht. Wir stellen Florentina Holzinger in unserem Künstlerinsert vor.

„Wenn die Menschen dazu bereit sind, ändern sie sich. Sie tun es nie vorher, und manchmal sterben sie, bevor sie es tun.“ Auch diese Aussage von Andy Warhol passt wunderbar in diese Zeit, in der eben auch die grundsätzlichen Gesellschaftsfragen neu justiert werden. Während TdZ-Kolumnist Ralph Hammerthaler im Splitcreen mit dem Soziologen Stephan Lessenich über die große Verdrängungsleistung unserer Externalisierungsgesellschaft spricht, formuliert der Soziologe Heinz Bude im Gespräch mit Sabine Leucht die Idee für ein neues Zeitalter nach dem Neoliberalismus. Wie aus unserem Singularity-Chor wieder eine gesellschaftsverändernde Kraft werden könnte, reflektieren der Autor Thomas Köck, der Komponist Ole Hübner und der Regisseur Michael von zur Mühlen im Gespräch mit Dorte Lena Eilers. Köcks Libretto zu ihrem Musiktheaterprojekt „opera, opera, opera! revenants & revolutions“ drucken wir in dieser Ausgabe, die mit ihren 64 Seiten coronabedingt zwar etwas ­schlanker, dafür aber umso hoffnungsvoller ist. „gut komm“, heißt es in „opera, opera, opera!“ in der letzten Szene, „wir gehen weiter.“

Zum Schluss noch eine Meldung in eigener Sache: Mit dem Mai-Heft wechselt Anja Nioduschewski aus der Redaktion wieder in die freie Autorentätigkeit. Wir danken ihr herzlich für ihre Arbeit. //

Die Redaktion

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