Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Playtime! – Der Theatermacher Herbert Fritsch (05/2017)
„Playtime!“ lautet das Motto für den Mai. Es darf gespielt werden – auch wenn es langsam schon auf das Ende der Spielzeit zugeht. Beim Berliner Theatertreffen werden die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der Saison präsentiert. Zum insgesamt siebten Mal als Regisseur ist Herbert Fritsch eingeladen. Seine Stücke verkörpern das reine Theaterspiel, bringen Wort- und Sprachspiele, Artistik, Glanz und Fantasie auf die Bühne – sehr zur Freude der Kritik und des Publikums. Gunnar Decker porträtiert Herbert Fritsch und zeigt, wie der Theatermacher, der sich mit „Pfusch“ von der Berliner Volksbühne verabschiedet hat, einen Blick auf die menschliche Komödie wirft – vom Ende her. Ebenso spielfreudig wie Fritsch ist Ingo Günther, der als Bühnenmusiker bei zahlreichen Fritsch- Produktionen mitgearbeitet hat – und beim erwähnten „Pfusch“ die Achtelkaskaden der Klaviere komponiert und dirigiert hat. Unser Kolumnist Ralph Hammerthaler zeigt Ingo Günther als Dompteur der Töne. Eine Kompilation mit Musik von Ingo Günther aus den Inszenierungen von Herbert Fritsch bildet auch den Auftakt der digitalen Theatermusik-Edition von Hook Music, dem Label von Theater der Zeit. Download und Streaming der Bühnenmusik sind bei allen üblichen Anbietern möglich. Zum zweiten Mal zum Theatertreffen eingeladen ist der Regisseur Simon Stone. Seine Neubearbeitungen von Henrik Ibsen und Anton Tschechow weisen verblüffende Parallelen zum elisabethanischen Theater auf, wie Christoph Leibold feststellt. Simon Stone – der Shakespeare unserer Tage? Stone geht es um eine Öffnung des Theaters für das Populäre, um ein Theater für alle.
Was ist eigentlich aus Christoph Schlingensiefs Operndorf in Laongo geworden? Laongo liegt in Burkina Faso. Von dort berichtet Renate Klett, die sowohl das Operndorf als auch die Tanztriennale Danse l’Afrique danse! besucht hat. Dorte Lena Eilers porträtiert im Kunstinsert den aus Burkina Faso stammenden und in Berlin lebenden Architekten Francis Kéré, der Schlingensiefs Operndorf geplant hat und auch für die Volksbühne unter der neuen Intendanz von Chris Dercon an einem mobilen Rundtheater für die Spielstätte im ehemaligen Flughafen Tempelhof arbeitet. Kéré ist ein Architekt für Visionen, für das utopische Etwas. Was aus dem utopischen Etwas der Oper geworden ist und was aus ihr werden soll, fragt Michael von zur Mühlen. Der Trend zum Regietheater in der Oper reagierte auf einen Missstand, das Ausbleiben zeitgenössischer Produktion, ist aber selbst an ein Ende gekommen. Nun muss sich die Oper verändern – und sich auf ihre eigentliche Kraft besinnen: gesellschaftliche Affektzustände erfahrbar zu machen. Wie das funktionieren kann, zeigt von zur Mühlens Inszenierung der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill, die Jakob Hayner gesehen hat.
Was sind die Orte der Globalisierung? Diese Frage begleitet das Gespräch von Natalie Fingerhut mit den Kuratoren des Festivals Theater der Welt 2017 in Hamburg, Joachim Lux, Sandra Küpper, Amelie Deuflhard und András Siebold. Es geht um den Hamburger Hafen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Stadttheater und freier Szene sowie die Chancen eines weiten Theaterbegriffs. Im zwölften Beitrag unserer Reihe zum Neuen Realismus fragt die Literaturwissenschaftlerin Jette Gindner nach dem Zusammenhang von Krise und Kunst. Nach 2008 habe sich aufgrund der gesellschaftlichen Krisenerfahrungen eine neue Debatte über die Möglichkeit realistischer Kunst entwickelt. Um Krisenerfahrung geht es auch bei Lukas Bärfuss. Der Schweizer Dramatiker spricht mit Judith Gerstenberg über den Neoliberalismus als permanente Bedrohung und den daraus entstehenden Konformismus – und über sein neuestes Stück „Frau Schmitz“, das wir in diesem Heft abdrucken. Wir gratulieren außerdem Friedrich Dieckmann, der Theater der Zeit seit Jahrzehnten begleitet, herzlich zum 80. Geburtstag. //
Die Redaktion

















