Theater der Zeit

Magazin

Spielen? Schuften!

Zum Tod des Schauspielers Sven Lehmann

von Gunnar Decker

Erschienen in: Theater der Zeit: Aleksandar Denic: Realität des Absurden – Bühnen für Castorf in Berlin und Bayreuth (06/2013)

„Ich habe zu früh Tag gemacht, der Morgen war so schön.“ Diese Sätze wird Prinz von Guastalla immer wieder hervorstoßen. Bodenlos verwundert darüber, wie ein einziger Blick ihn so verwunden konnte – jener von Emilia Galotti am Morgen in der Kirche. Seitdem taumelt er durch den Tag wie von Fieberstößen vorangetrieben, und nur ein Gedanke im Kopf: Emilia! Ist es ein Fall von bedingungsloser Liebe oder blinde Besitzgier, die ihn treibt? Sven Lehmann taucht aus dem einen auf, nur um ins andere zu stürzen. So sieht man seinen Prinzen, der zum Mörder und Entführer wird, so fasziniert und mitleidig an wie jemanden, den unerwartet das Schicksal getroffen hat, aus dem hellen Tag in die dunkle Nacht gestoßen zu werden. Zu früh! Zu eilig! Mit der Rolle des Prinzen in Michael Thalheimers erster großer Inszenierung 2001 am Deutschen Theater Berlin spielte sich Sven Lehmann ganz nach vorn.

Wenn man ihn sah, dann sah man die leibhaftige Dualität von Geist und Fleisch – immer im diskursiven Kampf um jene Harmonie, die nicht zu ihm kam. Stattdessen: lauter Ekstasen bis in höchste Kunsträume hinein und plötzliche Abstürze in mauligen Alltagstrott. Sein Spiel war voll dreckiger Schönheit, seine Stimme rau und doch zu jener...

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