Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Jammer und Glorie – Der Regisseur Krzysztof Warlikowski (12/2014)
Als Krzysztof Warlikowski im Juli 2013 im Warschauer Nowy Teatr sein „Kabaret Warszawski“ aufführte, ein Stück, in dem er Künstler als Ausgeschlossene darstellt, die in den Untergrund gedrängt werden, hielt die Kritik dies für eine hysterische Überzeichnung. „Ein Jahr später“, so berichtet unsere Polenkorrespondentin Anna R. Burzynska, „verbreiten die Presseagenturen Bilder, auf denen eine aggressive Menschenmenge das Nowy Teatr belagert.“ Beschimpfungen, tätliche Angriffe, Morddrohungen – die Situation im Nachbarland Polen ist heikel. Zunehmend sehen sich bildende Künstler, Theaterleute und Intellektuelle Anfeindungen von rechtsgerichteten, nationalistischen und/oder katholischen Gruppierungen ausgesetzt. Woher kommen diese Aggressionen, die einen, wie Jan Klata, Intendant des Narodowy Stary Teatr in Krakau, im Gespräch mit Thomas Irmer schildert, mitunter völlig willkürlich, ja zufällig treffen?
In unserem Polen-Schwerpunkt versuchen wir zu ergründen, welch fatale gesellschaftspolitische Dynamik das Land ergriffen hat, die einen Großteil der Bevölkerung immer stärker nach rechts driften lässt, während sich die Kunstszene immer weiter nach links bewegt. Lange taten sich Künstler schwer, auf die Anfeindungen zu reagieren. Erst nach der Absage von Rodrigo Garcías „Golgota Picnic“ beim diesjährigen Malta Festival in Poznań, bei dem Anna Volkland für uns vor Ort war, kam es zu landesweiten Gegenaktionen. Am besten habe Krystian Lupa, schreibt Anna R. Burzyńska, die Situation auf den Punkt gebracht: „Niemand betreibt aggressive Blasphemie, niemand dringt mit antichristlichen Symbolen in Kirchen ein (…). Warum, woher diese Passion (…)? Vielleicht ist unsere innere Leere der Grund (…)? Wenn es in dir nichts gibt, musst du dir einen Feind suchen, um jemand zu sein.“
„Wer von sich sagt, er wisse die Wahrheit, lügt.“ Dies ist einer der Sätze, um die die Arbeit des in Berlin lebenden bulgarischen Regisseurs und Autors Ivan Panteleev kreist. Mit „Warten auf Godot“, einer Inszenierung, die ursprünglich der im Oktober 2013 verstorbene Dimiter Gotscheff übernehmen sollte, hat er kürzlich am Deutschen Theater Berlin einen denkwürdigen Abend gestaltet. Eine Feier der inneren Leere, in der ein Gedanke den anderen jagt, ein ständiges Grübeln in Paradoxen. „Ja, Wladimir und Estragon sind ohnmächtig. Das ist richtig. Aber ihre Ohnmacht macht sie erst frei. Frei zu sein bedeutet nicht, alle Möglichkeiten zu haben. Frei zu sein bedeutet, den Raum des Möglichen zu durchqueren, um für das Unmögliche bereit zu sein“, erklärt der Regisseur in dem Porträt von Gunnar Decker.
Von Ohnmacht handelt auch „Pfisters Mühle“, eine Erzählung von Wilhelm Raabe, die als erster Umweltroman der deutschen Literatur gilt. Der Autor berichtet darin von einer neu errichteten Zuckerfabrik, die mit ihren Abwässern einen Fluss in eine stinkende, schleimige Kloake verwandelt. Armin Petras hat diesen Roman am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne gebracht und sich dafür einen der derzeit wohl radikalsten Bühnenbildner geholt – der eigentlich gar kein Bühnenbildner ist: Martin Eder. Der bildende Künstler und Musiker, dem wir in diesem Heft unser Künstlerinsert widmen, hat für „Pfisters Mühle“ einen gigantischen Abflusskanal kreiert, so Otto Paul Burkhardt, „ein riesiges schwarzes, gähnendes Loch“ von rund acht Metern Durchmesser, das wiederum Teil einer 18 Meter hohen Betonwand ist – „trostlos, abgeranzt, verwittert“. Die Idylle, sagt Eder, sei ein zentrales Thema hier. Vor allem aber: der Horror der Idylle.
Verabschieden müssen wir uns von einer Jahrhundertgestalt des europäischen Theaters: Juri Ljubimow, Gründer des Moskauer Taganka-Theaters, der im Oktober 97-jährig verstarb. Friedrich Dieckmann erinnert an diesen großen Regisseur, dessen Theater „lustvoll und hartnäckig“ vom „Widerstand gegen eine gesellschaftliche Verelendung inspiriert war“. Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern ein besinnliches Fest und einen guten Start ins neue Jahr. //
Die Redaktion


















