Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Auftreten und leuchten – Gisela Höhne und das Theater RambaZamba (04/2014)

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Der Tod holte Fritz Marquardt im März, nicht auf einem schneebedeckten Feld, wie er gehofft hatte, sondern im Bett. Damit verschwand einer der ungewöhnlichsten Regisseure seiner Zeit aus dem Leben. Einer, der stets zu signalisieren wusste, dass seine Heimat unten ist. „Wie Fritz aus dem Auto ausstieg, von Zadek an der Tür begrüßt wurde und ihn dessen Blick traf: ‚Der Blick des Großbauern auf den Kleinbauern‘“, so erinnert sich Stephan Suschke an die erste Begegnung der Ko-Intendanten des Berliner Ensembles.

Das Aprilheft gruppiert sich um die Arbeit mit geistig behinderten Schauspielern im Theater. Äußerer Anlass ist die Verleihung des Caroline-Neuber-Preises 2014 an Gisela Höhne, die 1991 zusammen mit Klaus Erforth das Theater RambaZamba gründete. Martin Linzer porträtiert die Prinzipalin und befürwortet ihr Credo, sich dem auf allem lastenden Erklärungsdruck zu entziehen, denn erst mit der „Verweigerung rationeller, akademischer und widerspruchsloser Maßstäbe“ entsteht die „Behauptung authentischer Kunstäußerungen“. In dieser Spur macht Thomas Thieme deutlich, warum er als Juror des Berliner Theatertreffens den Alfred-Kerr-Darstellerpreis an die HORA-Schauspielerin Julia Häusermann verlieh: „Ich bin anlässlich meiner Entscheidung gefragt worden, ob ich die Selbstvergessenheit, von der ich in der Julia-Häusermann-Laudatio spreche, wichtiger fände als zielgerichtetes, ‚gebautes‘ Spiel. Direkte Frage, direkte Antwort: Ja. In der Selbstvergessenheit liegt die Kraft, im Grenzbereich des Kontrollverlustes liegen die richtigen theatralen Wirkungen, bei jedem Schauspieler der Welt.“ Ralph Hammerthaler verlängert diesen Gedanken mit einem Probenbesuch bei Monster Truck und einem Treffen mit den Leitern des Theaters Thikwa Nicole Hummel und Gerd Hartmann. Auch sie betonen das Moment des Echten: „Künstler wie die Downies bringen ihre Eigenart mit, die sich nie ganz im Spiel verflüssigt.“ Marcel Bugiel resümiert in seinem Überblicksessay: „In gewisser Weise erscheinen ‚geistig behinderte‘ Schauspieler bezogen auf den regulären Theaterbetrieb wie eine Art V-Effekt, der uns scheinbar Selbstverständliches auf einmal wie von außen betrachten lässt.“ Auch für Theater der Zeit neues Terrain.

Renate Klett befragte im Kontext unseres Inserts den gelernten Heilpädagogen Alain Platel, der ein Buch über Fernand Deligny, einen Pädagogen, der mit Autisten arbeitete, zu seiner Bibel erklärte. „Als ich auf ihn stieß, während meines Studiums der Heilpädagogik, interessierte er mich sofort, eben weil er so radikal war.“ Radikal trat auch die Wooster Group während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London als Gast der Royal Shakespeare Company auf, um gemeinsam „Troilus und Cressida“ zu produzieren. Angeführt von Mark Ravenhill spielten die Engländer ungehobelte griechische Schläger, trugen die Amerikaner Indianerkostüme und befeuerten den postkolonialen Diskurs. Doch erst jetzt, in der Neuadaption der Produktion in New York, entwickelte sich diese Arbeit zu einem irren Ritt durch die Kulturgeschichte.

Der postkoloniale Diskurs ist immer auch ein Diskurs der Schuld, der heute keineswegs mehr selbstverständlich ist, meint Bernd Stegemann, der in der Schuld das Zukunftsthema Nummer eins sieht. „Das versucht der Neoliberalismus komplett auszublenden, weil er uns zu Konsumenten macht. Wir konsumieren, ohne zu bedenken, dass das alles Schuldverhältnisse sind, in denen wir uns bewegen.“ Um Schuldfragen geht es bekanntlich auch in „König Lear“. Gunnar Decker befragte Starschauspieler Klaus Maria Brandauer zu dessen Lear am Burgtheater und zu seiner viel zu wenig wahrgenommenen Kinorolle als kommunistischer Psychoanalytiker Wilhelm Reich.

Vielleicht nicht revolutions-, so doch reformfreudig zeigen sich Marie Bues und Martina Grohmann als neue Leiterinnen des Theaters Rampe in Stuttgart, die aus dem Tummelplatz neuer Stücke ein Projekttheater nach dem Vorbild des Berliner HAU machen wollen. Zu dieser Liga zählt auch das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main, dessen neuer Leiter Matthias Pees von einer „Relevanz in Bezug auf soziale Realitäten“ träumt und nebenher „das unbedingte große Kunstereignis“ sucht. Davon schwärmten in alter Zeit einmal die ersten Häuser aller Republiken. Doch die haben anscheinend schon alle viere von sich gestreckt. Warum eigentlich? //

Die Redaktion

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