Theater der Zeit

Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Franz Rogowski: Der Schmerz des Boxers (09/2018)

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Grau is’ im Leben alle Theorie – aber entscheidend is’ auf’m Platz.“ Dieses Zitat der BorussiaLegende Alfred „Adi“ Preißler könnte auch ein Leitsatz für das Theater sein. Die Wahrheit liegt auf der Bühne – um noch eine zweite Legende, „König Otto“ (Rehhagel), zu adaptieren. Der russischen Performancegruppe Pussy Riot ist eh jeder öffentliche Ort willkommen. Ihr Auftritt im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft war zweifellos meisterhaft gesetzt. In der 52. Minute flitzten vier Mitglieder der Gruppe, als Polizisten verkleidet, über den Rasen. Ihre Botschaft: Das Russland der Fußballweltmeisterschaft sei nur ein Trugbild. Den himmlischen Polizisten, der den Fans freundlich lächelnd beim Feiern zuschaue, gebe es nur während der WM. Danach herrsche wieder der irdische, der nicht zuschaue, sondern Versammlungen auflöse.

Wie immer jedoch stellt sich die Situation in der nachfolgenden Spielanalyse komplizierter dar. Wie frei lässt es sich in Russland heute als Künstler arbeiten? Dieser Frage sind wir in unserem Schwerpunkt Russland nach der WM nachgegangen. Erik Zielke hat mit dem russischen Regisseur Timofej Kuljabin gesprochen, dessen „Tannhäuser“-Inszenierung in Nowosibirsk 2015 abgesetzt wurde, weil orthodoxe Christen ihre religiösen Gefühle verletzt sahen. Mittlerweile gehört Kuljabin zum Leitungsteam des Nowosibirsker Theaters Rote Fackel und bereitet mit „Nora“ am Schauspielhaus Zürich seine zweite Theaterarbeit im deutschsprachigen Raum vor. Auf die Frage nach der Kunstfreiheit gebe es keine allgemeine Antwort, sagt er. „Wir wissen, dass zahlreiche Behörden bei einzelnen Theatern oder Künstlern besonders scharf zusehen, wie zum Beispiel beim Moskauer Teatr.doc. Es gibt aber genauso Theater und Regisseure, die sich mit aktuellen, brisanten Themen beschäftigen und trotzdem ungestört arbeiten können.“ Tatsächlich war das Moskauer Teatr.doc mit seinen unmittelbar auf politische Skandale reagierenden Dokumentarstücken ein produktiver Unruheherd in der russischen und auch internationalen Szene. Der plötzliche Tod der beiden Leiter Elena Gremina und Michail Ugarov im Mai dieses Jahres stellt die Mitarbeiter nun vor die schwierige Frage: Wie weiter? Regisseur Georg Genoux erinnert daran, was Gremina und Ugarov für das russische Theater geleistet haben. Unruhe dürfte auch das neue Stück des Moskauer Schriftstellers Vladimir Sorokin stiften. „Das weiße Quadrat“ ist „eine drastische Medienkritik“, die „den Kannibalismus der digitalen Welt bloßstellt“, schreibt Gunnar Decker, der den Autor in Berlin traf. Das Stück, das am 17. September als Buch mit Zeichnungen des russischen Künstlers Ivan Razumov im Verlag ciconia ciconia erscheint, ist dem unter Hausarrest stehenden Regisseur Kirill Serebrennikow gewidmet. Wir drucken einen Auszug davon.

„Die Selbstgedrehte in der Hand, Sonnenbrille vor den Augen.“ So beschreibt unser München- Korrespondent Christoph Leibold seine erste Begegnung mit dem Schauspieler Franz Rogowski. Hoch oben über den Dächern der Stadt saßen die beiden Männer und sprachen über die Fähigkeit, sich auf der Bühne dem Moment hinzugeben – expressiv und beiläufig zugleich. Rogowskis Ausstrahlung, schreibt Leibold, sei von geradezu James-Dean-hafter Coolness. Er berühre, so der Filmregisseur Christian Petzold, mit einer „unfassbar schönen Traurigkeit“. Rogowski ist nicht nur das Gesicht des deutschen Films – auch den Münchner Kammerspielen wird er zum Glück erhalten bleiben.

Ein Riot Grrrl ganz anderer Art als die Girls von Pussy Riot ist die Schauspielerin Annett Kruschke. Einst im Gründungsensemble der Berliner Volksbühne unter Frank Castorf gestartet, mischt sie nun auch als Regisseurin das Theater Vorpommern auf. Gunnar Decker hat sie in Greifswald besucht, wo sie unter anderem „Dantons Tod“ inszeniert hat und auch spielt – „eine Stunde solo, alle Rollen, nur sie mit ganzer Wucht“. Eines sei auch beim Besuch von Kruschkes Inszenierung von Clemens J. Setz’ „Vereinte Nationen“ klar: Mit ihr halte ein neues, überwältigend hohes Energielevel Einzug.

Verabschieden müssen wir uns in dieser Ausgabe von dem Bühnenbildner und Mitbegründer des Theaters an der Ruhr Gralf-Edzard Habben. Martin Krumbholz erinnert sich, wie Habbens minimalistische, der Arte povera nahe Bühnen die vielen Hundert Inszenierungen von Roberto Ciulli in Mülheim prägten. Wir haben unser Künstlerinsert dem „leidenschaftlichen Handwerker, Bühnenbauer und Bastler“ gewidmet, ohne den das Theater an der Ruhr, so Krumbholz, nicht mehr dasselbe sein wird. //

Die Redaktion

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