Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Chor-Zeit – Zur Wiederentdeckung einer Theaterform (04/2006)
Oberflächenreize Die Bilder skandierender Demonstranten in ihrem Zorn über die dänischen Mohammed-Karikaturen prägen das Bild, das der Westen derzeit vom Iran vermittelt bekommt. Die politische Führung des Landes sucht momentan offensichtlich den internationalen Konflikt, um von inneren Problemen abzulenken. Gleichzeitig verstellt die Fokussierung der Medienberichterstattung auf solche Oberflächenreize den Blick auf die inneren, kulturellen Verhältnisse des Landes. Im Internationalen Forum der Berlinale lief in diesem Jahr ein iranischer Film, der ganz beiläufig ein origineller Beitrag zum diesjährigen Beckett-Jubiläum war und als Sinnbild für menschliches Scheitern auch auf den anhaltenden Karikaturenstreit hin gelesen werden kann: Eine Lösung der Situation scheint nicht möglich. „Men at Work" von Mani Haghighi ist gleichzeitig über jede drastische Sozialkritik erhaben. Der Filmstoff ist ein Beckett'sches Endspiel, angesiedelt in dem an Teheran angrenzenden Gebirge. Vier Freunde, Männer aus der bürgerlichen iranischen Oberschicht, treffen auf der Rückfahrt vom gemeinsamen Skiurlaub auf einen markanten Felsen in der Landschaft, den sie sogleich zu „stürzen" versuchen. Der Fels wird sich im Zuge der kraftstrotzenden Bemühungen nicht einen Millimeter bewegen.
Im Schatten der globalisierten Karikaturendebatte ist in Deutschland ein kleiner Kulturkampf ausgebrochen. Und auch hier geht es um die Grenzen der Abbildbarkeit. So drastisch auf seine körperlichen Grundbedürfnisse heruntergebrochen wie in Jürgen Goschs Düsseldorfer Inszenierung des „Macbeth" darf der Mensch nicht nur nach Meinung der Bildzeitung nicht gezeigt werden. So eindimensional grausam wie in den Inszenierungen von Thomas Langhoff oder Luc Bondy der Botho Strauß'schen „Schändung" dürften Bühnenfiguren nicht walten. Wie der Karikaturenstreit ist auch der Kulturstreit mediengemacht. Die Heftigkeit allerdings, mit der über die angemessene Abbildung von Welt auf der Bühne gestritten wird, zeigt das Unbehagen an, das angesichts der Realität, in der wir nun mal leben, aufkommen kann. TdZ geht in diesem Heft mit mehreren Beiträgen auf die laufenden Diskussionen ein: Wir lassen den Karikaturenstreit von einem iranischen Standpunkt aus diskutieren. Auf den erneut entflammten Streit um das Regietheater geht Dirk Pilz in seinem Kommentar ein. Der Schauspieler und Schriftsteller Josef Bierbichler fragt sich schließlich, anknüpfend an die Reaktion des Kritikers Gerhard Stadelmaier auf eine Konfrontation mit Schauspieler Thomas Lawinky während der Premiere von „Das große Massakerspiel" am schauspielfrankfurt, welche Rolle die Theaterkritik für Künstler heute spielen kann. Auf die Rolle der FAZ bzw. der Bürgermeisterin von Frankfurt/M. in diesem Fall kommt Elisabeth Schweeger zu sprechen. TdZ hat mit der Intendantin des schauspielfrankfurt ein Interview geführt, über die Grenzen der Kunst und die Konsequenzen für das schauspielfrankfurt.
Der britische Dramatiker Edward Bond hat in seinem Stück „Wer da?" eine Welt entworfen, in der die Regierung ein allgemeines Bilderverbot verordnet hat. Die Bürger werden ihrer Erinnerungsfähigkeit, ihrer Vergangenheit, ihrer kulturellen Identität beraubt - TdZ druckt das Stück in dieser Ausgabe ab. Nicht zuletzt veröffentlichen wir einen exklusiven Beitrag von Jon Fosse zu Samuel Beckett, dessen 100. Geburtstag wir in diesem Monat feiern, und nehmen mit unserem Schwerpunkt ein Phänomen in Augenschein:
Der Chor feiert auf zeitgenössischen Bühnen eine Renaissance. TdZ entwirft in diesem Heft eine Typologie heutiger Chorformen und diskutiert unterschiedliche Begriffe von Chor mit den Regisseuren Nora Somaini und Theodoros Terzopoulos. Im Verlag Theater der Zeit wird in diesem Monat ein großangelegtes Buch, herausgegeben von Frank M. Raddatz, über die Arbeiten des griechischen Regisseurs erscheinen. Dessen Attis-Theater in Athen feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag.
Eine anregende Lektüre wünscht Ihre Redaktion
















