Theater der Zeit

Staatstheater Karlsruhe: Stille der Ausbeutung

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ von Aki Kaurismäki, Bühnenfassung Adrian Figueroa und Bastian Boß – Regie Adrian Figueroa, Bühne Nina Peller, Kostüme Malena Modéer, Musik Ketan und Vivan Bhatti, Video Benjamin Krieg

von Elisabeth Maier

Assoziationen: Theaterkritiken Baden-Württemberg Adrian Figueroa Badisches Staatstheater Karlsruhe

 Wie zerstören kapitalistische Strukturen Leben? „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ von Aki Kaurismäki in einer Bühnenfassung und Inszenierung von Adrian Figueroa am Badischen Staatstheater in Karlsruhe.
Wie zerstören kapitalistische Strukturen Leben? „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ von Aki Kaurismäki in einer Bühnenfassung und Inszenierung von Adrian Figueroa am Badischen Staatstheater in Karlsruhe.Foto: Felix Grünschloß

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Schweigen höhlt die Arbeiterin Iris von innen aus. Im Wohnzimmer ihrer Mutter und des Stiefvaters strahlt nur das kitschige Muster der Apfel- und Blütentapete Wärme aus. Statt mit der Tochter zu sprechen, besprüht sie ihre Grünpflanze. Der Mann döst vor dem flirrenden Fernsehbild. So bringt Regisseur Adrian Figueroa Aki Kaurismäkis Filmdrama „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ fast ohne Worte auf die Bühne des Staatstheaters Karlsruhe.

Mit der Wahl von Kati Outinen als Hauptdarstellerin brach der finnische Filmkünstler Kaurismäki schon 1990 radikal mit den Seh- und Wahrnehmungsweisen des Publikums. Die unerträgliche Stille, die eine Frau zur Mörderin macht, zeigte er in der Filmvorlage brillant. Hans Christian Andersens Märchen „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ hat Kaurismäki zu dem Film inspiriert, der kapitalistische Arbeitsstrukturen in ihrer ganzen Brutalität zeigt.

Mittels seiner Bühnensprache macht Figueroa die unerträgliche Langsamkeit zur Triebfeder der Dramaturgie. Die inneren Kämpfe der Frau, die im Film durch Detailaufnahmen und kraftvolle Bildsymbolik eingefangen wurden, vermittelt die Inszenierung jedoch zu oberflächlich. Der kritische Blick, den Kaurismäki auf die existenziellen Kämpfe der Arbeitenden warf, kommt in Figueroas ästhetisch sehr überzeugendem Konzept zu kurz.

Die Kälte, mit der Hauptdarstellerin Lucie Emons ihre Figur porträtiert, befremdet. Tag für Tag betritt sie die Fabrik, die Bühnenbildnerin Nina Peller mit einem riesigen, runden Fließband nachgebildet hat. Im Zentrum steht die Stechuhr, die den Takt vorgibt. Ohne die geringste mimische Veränderung steckt Emons die Karte ein und beginnt mit der Arbeit. Viel zu schnell bewegt sich das Band, lässt ihr kaum Zeit, die Streichholzschachteln zu sortieren. Danach geht sie heim, bügelt die Wäsche der Eltern, die am sozialen Abgrund leben. Pellers Simultanbühne, die sich drehen lässt, ermöglicht schnelle Bildwechsel.

In diesem Hamsterrad gelingt der Schauspielerin das Kunststück, zu analysieren, was Lieblosigkeit und Ignoranz mit Iris machen. Mit biederen Rollkragenpullis malt Kostümbildnerin Malena Modéer das Bild einer „grauen Maus“. Dass dieses stille Mädchen mit den fahlblonden Haaren Menschen, die sie verletzt haben, mit Rattengift tötet, glaubt man da kaum. Dabei interpretiert Emons die Figur anders, als im Film. Unter der harten Fassade lässt sie so viel Sinnlichkeit zu, dass ihre Figur daran fast zu zerbrechen scheint. Den fast aussichtslosen Balanceakt meistert die Schauspielerin grandios.

Iris’ Fall beginnt damit, dass sie sich ein rosarotes Tanzkleid kauft. Damit geht sie auf den Dancefloor. Benjamin Kriegs überlebensgroße Videos zeigen diese Traumwelt schön. In der Disco trifft sie den eiskalten Frauenhelden Aarne, der sie als Zeitvertreib missbraucht. Als er merkt, in welch ärmlichen Verhältnissen Iris lebt, lässt er sie fallen. Trotz ihrer Schwangerschaft gibt es für ihn kein Zurück. Matthias Pieper versucht gar nicht erst, an diesem unsympathischen Menschen etwas Positives zu finden. Die wenigen Sätze, die er mit Iris redet, klingen hart und kalt. Regisseur Figueroa lässt die Akteur:innen nur in den seltenen Momenten sprechen, in denen der Konflikt eskaliert. Das verleiht der Sprache ein erdrückendes Gewicht.

Dieses Potenzial schöpft Timo Tank als Stiefvater am bemerkenswertesten aus. Er besucht Iris, die nach dem aussichtslosen Kampf um Arne ihr Kind verloren hat. Seine Stimme klingt wie dumpfe Schläge auf Metall, als er ihr mitteilt, dass er und ihre Mutter sie aus der Wohnung werfen. Dieses toxische Elternhaus sorgt für Schock-Momente. In der eineinhalbstündigen Vorstellung dürfen die beiden brillanten Charakterschauspieler ihr Potenzial jedoch nur bedingt entfalten. Zu sehr reduziert sie die Regie. Eine Randfigur bleibt auch der hilflose Bruder Simo, den Hadeer Hando liebevoll, aber machtlos interpretiert.

Figueroas Regie setzt auf starke ästhetische Mittel. Iris‘ geplatzte Lebensträume, das Gefängnis im Elternhaus und das Ausgeliefertsein an die Fabrik – das zeigt die Inszenierung in großen Theaterbildern. Düster und kalt hämmert die Bühnenmusik von Ketan und Vivan Bhatti im Hintergrund. Es ist eine hässliche Melodie. Wie kapitalistische Strukturen Leben zerstören, zeigt die Theateradaption stark. Konsequent zu den Existenzkämpfen der Figuren vorzudringen, hätte die dichte Produktion noch überzeugender gemacht.

Erschienen am 20.2.2026

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