Einleitung
von Valerie Eichmann, Geza Georg Adasz und Stefanie Fischer
Erschienen in: Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater – Studien zur Situation 2017–2022 (04/2024)

Jedes Jahr gibt der Deutsche Bühnenverein die Theaterstatistik mit zentralen Wirtschaftsdaten der öffentlich geförderten Theater, Orchester und Festspiele heraus. Hierin sind alle öffentlichen Theaterunternehmen, Spielstätten und Theaterfestivals mit unterschiedlichen Betriebskennzahlen wie Kartenverkäufe, Produktionen, gespielte Vorstellungen, etc. in vergleichbarer Weise gelistet. Diese Auswertung erscheint seit Jahrzehnten konstant und ist ein wichtiges Instrument der kulturpolitischen Lobbyarbeit. Die Freien Theater mit ihren fluiden und multidimensionalen Produktionszusammenschlüssen sind jedoch schwer zu erfassen, sodass es nur wenig repräsentatives Datenmaterial gibt. Der Fonds Darstellende Künste hat mit dem Report Darstellende Künste – Wirtschaftliche, soziale und arbeitsrechtliche Lage der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland (2010) ein zentrales Kompendium über die wirtschaftliche, soziale und arbeitsrechtliche Lage der Theaterakteur*innen herausgebracht, das den Finger in die Wunde der prekären Arbeitsverhältnisse in der deutschen Theaterlandschaft legt. Der Systemcheck des Bundesverbands Freie Darstellende Künste schließt hier seit 2021 mit Fokus auf die Freie Theaterlandschaft und ihrer sozialen Absicherung an. Dies sind nur zwei Beispiele für empirische Erhebungen, die wesentlich dazu beitragen, die Interessen von Künstler*innen vor der Politik zu vertreten.
Einen dezidierten Blick auf das Theater für junges Publikum vermisst man darin jedoch und so ist die 2017 von der ASSITEJ herausgegebene Studie Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland die erste Erhebung, die die Struktur und Arbeitsweisen dieser Theater untersucht. Der Fokus liegt dabei auf den grundsätzlichen Fragen: Wer, wo und wie ist das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland? Dabei wurden öffentlich geförderte wie Freie Theater betrachtet und der Umriss eines heterogenen Arbeitsfeldes gezeichnet.
Im Fokus: Freies Kinder- und Jugendtheater. Studien zur Situation 2017–2022 ist nun ein weiterer Schritt hin zu einer vertieften Betrachtung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Freien Kinder- und Jugendtheater. Der vorliegende Sammelband gibt erstmals Einblick in die Betriebsstruktur vieler Theater und beleuchtet ein empfindliches System aus Theatern mit eigener Spielstätte, Tourneetheatern und Einzelunternehmer*innen, das wesentlich zur kulturellen Grundversorgung von Kindern und Jugendlichen, besonders in ländlichen Räumen, beiträgt. Die Studien in diesem Band sind erste Bausteine, um die Forschungslücke, die in diesem Bereich besteht, zu schließen, und geben an vielen Stellen Anlass für weiterführende und vor allem kontinuierliche Forschungen.
Die hier veröffentlichten Studien betrachten Indizien, die Aufschluss über die Situation der Freien Kinder- und Jugendtheater vor und während der COVID-19-Pandemie geben, und zeigen grundsätzliche Tendenzen der Produktionsbedingungen in diesen Theatern. Damit soll dieser Sammelband ein Beitrag für ein verbessertes Verständnis der sozioökonomischen Realität dieser Theater sein und kulturpolitische Akteur*innen damit in ihrem Engagement für die Anliegen der Freien Kinder- und Jugendtheater durch empirische Forschungsergebnisse unterstützen. Jedoch können aufgrund der Einschränkungen in den Datensätzen die Ergebnisse nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden, sondern müssen unter Berücksichtigung des Forschungsdesigns betrachtet werden.
Auch wenn sich die vorliegenden Studien mit dem Freien Kinder- und Jugendtheater in Deutschland befassen, so sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen für alle Theater, die für ein junges Publikum produzieren, relevant. Denn, und das wird in den nachfolgenden Studien deutlich, öffentlich subventionierte und Freie Kinder- und Jugendtheater müssen zusammen und nicht gegeneinander gedacht werden, wenn es um den Erhalt und den Ausbau der kulturellen Versorgung von Kindern und Jugendlichen geht. Herausforderungen wie Budgetknappheit, Aufgabenverdichtung, Zunahme administrativer und bürokratischer Arbeiten, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, faire Bezahlung und soziale Absicherung sind Probleme, mit denen nicht nur Akteur*innen des Freien Kinder- und Jugendtheaters umzugehen haben. Vielmehr betreffen sie die Darstellenden Künste im Gesamten, unabhängig davon, ob in Freier oder öffentlicher Trägerschaft. Damit sind die vorliegenden Erkenntnisse zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Freien Kinder- und Jugendtheater auch für die Theaterlandschaft im Gesamten relevant. Auch wenn Kinder- und Jugendtheater programmatische wie strukturelle Besonderheiten im Vergleich zu Theatern für ein allgemeines Publikum aufweisen, sind die zu erarbeitenden Lösungen für die aktuellen Probleme produktions-, betriebs- und branchenübergreifend zu denken. Studien und Analysen helfen damit der gesamten Theaterlandschaft, da sie strukturelle Probleme, Leerstellen und mögliche Lösungen aufdecken.
Wie angemerkt, sind diese Studien jedoch erst der Anfang und so werfen sie an vielen Stellen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Nicht nur deswegen werden die umfangreichen, anonymisierten Datengrundlagen der Studie Quantitative Erhebung zur wirtschaftlichen Lage der Freien Kinder- und Jugendtheater in Deutschland zwischen 2017 und 2021 zur Verfügung gestellt, um weitere Forschungsarbeiten zu unterstützen. Umfassendere Tabellen sind im Anhang bzw. online unter dem Link im Anhang nachzulesen, während kompaktere Übersichten im Fließtext abgebildet sind.
Basis der beiden nachfolgenden Studien sind die Daten der antragstellenden und geförderten Theater im Programm NEUSTART KULTUR – Junges Publikum der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, das von Mai 2021 bis Juni 2024 von der ASSITEJ e.V. verantwortet wurde. Das Programm förderte insgesamt 260 Kinder- und Jugendtheater in Freier Trägerschaft und umfasste ein Budget von 23 Mio. Euro. Es war die erste Förderung auf Bundesebene, die sich ausschließlich an die Freien Darstellenden Künste für junges Publikum richtete. Mit der Förderung wurden die Freien Kinder- und Jugendtheater bei der Bewältigung der Folgen der COVID-19-Pandemie unterstützt und so eine Weiterentwicklung der Künste ermöglicht. NEUSTART KULTUR – Junges Publikum förderte in drei Modulen:1
. Modul A umfasste den Erhalt des Spielbetriebs für Theater mit eigener Spielstätte
. Modul B förderte Gastspiele beispielsweise von mobilen Theatern
. In Modul C wurden Projekte zur Publikumsgewinnung und -entwicklung gefördert.
Zur Abgrenzung, welche Theater für eine Förderung im Programm NEUSTART KULTUR – Junges Publikum antragsberechtigt sind, wurden von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der ASSITEJ e.V. die folgenden Kriterien entwickelt. Nach diesen waren jene Theater antragsberechtigt, die:
. in Freier Trägerschaft und nicht überwiegend öffentlich finanziert sind, oder wenn überwiegend öffentlich finanziert, die Zuwendungen nicht ausreichen, um die regelmäßigen Personalkosten einschließlich der Honorarkosten für Gäste und Theaterpädagogik zu finanzieren. In diesen Fällen darf die Gesamtheit öffentlicher Förderung aber 70 Prozent des Gesamtetats nicht übersteigen.2
. ihren Sitz in Deutschland haben.
. professionell und kontinuierlich Produktionen für junges Publikum produzieren, zeigen und niedrigschwellig zugänglich machen.
. als juristische Personen oder Personengesellschaften organisiert sind (natürliche Personen im Sinne von Einzelunternehmer*innen mit eigenem Spielbetrieb waren ebenfalls antragsberechtigt).
. eine ordnungsgemäße Geschäftsführung gewährleisten und in der Lage sind, die Verwendung der Fördermittel bestimmungsgemäß nachzuweisen.
. ein klares Profil im Kinder- und Jugendtheater plausibel nachweisen können.
Theater, die sich bis zum Zeitpunkt der Antragstellung in einem Insolvenzverfahren befanden, konnten keinen Antrag stellen.
Diese Definition liegt folglich auch den nachfolgenden Studien sowie den darin evaluierten Daten zugrunde und schränkt das zu untersuchende Feld entsprechend ein. Für weitere Forschungen wäre diese Definition zu überprüfen, da sie nicht an theaterwissenschaftlichen Parametern ausgerichtet ist, sondern der pragmatischen Prüflogik einer Förderung folgt. Weiterhin muss als Einschränkung beachtet werden, dass nur jene Theater in die Auswertung aufgenommen wurden, die bei NEUSTART KULTUR – Junges Publikum einen Antrag gestellt haben. Diese Einschränkungen wurden von den Autor*innen und Herausgebenden dieses Sammelbandes für die Auswertung der Daten berücksichtigt. Trotz dieser notwendigen Relativierung geben die Studien einen substanziellen Einblick in die Arbeitsrealität von Freien Kinder- und Jugendtheatern, ihren Herausforderungen sowie Potenzialen.
Konzipiert wurde der Sammelband von Valerie Eichmann, Geza Georg Adasz und Stefanie Fischer unter Mitwirkung eines Fachbeirats, der auch die Entstehung der beiden Studien begleitete. Der Fachbeirat bestand aus:
Skadi Konietzka, Leiterin des Theaters am Campus, Dozentin für Theaterpraxis/Theatervermittlung an der Hochschule Merseburg, Jurorin Modul C von NEUSTART KULTUR – Junges Publikum
Mirrianne Mahn (bis Juli 2022) und Gabriela Mayungu (ab September 2022), Referentinnen für Diversitätsentwicklung im Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland
Helge-Björn Meyer, Dramaturg und Geschäftsführer des Bundesverbands Freie Darstellende Künste für die Bereiche Politik und Gremien
Dr. Thomas Renz, Kulturwissenschaftler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturelle Teilhabeforschung in der Stiftung für Kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung, Autor der ASSITEJ-Studie Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland – Erkenntnisse und Herausforderungen (2017)
Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Ehrenpräsident der ASSITEJ International, Vorsitzender des Fonds Darstellende Künste e.V., Gründer des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland.
Dr. Aron Weigl, Geschäftsführer von EDUCULT mit dem Schwerpunkt auf Kulturpolitik und Kulturelle Bildung, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Internationalen Konferenz für Kulturpolitikforschung (iccpr).
Die erste der beiden Studien in diesem Sammelband nähert sich mit einer quantitativen Methodik der ökonomischen Situation der Freien Darstellenden Künste für junges Publikum in den Jahren 2017–2022. Die Autor*innen Geza Georg Adazs, Valerie Eichmann und Stefanie Fischer beschreiben darin die strukturellen Charakteristika dieser Theater unter Berücksichtigung unterschiedlicher Faktoren wie beispielsweise der geografischen Verortung des Spielbetriebs, der Einnahmen- und Ausgabensituation, der Betriebsform sowie ihrer ästhetischen Selbstverortung.
Die zweite Studie wurde von Dr. Ulrike Kaden, Sabine Wellmer und Marco Puxi vom Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG) im Auftrag der ASSITEJ e.V. angefertigt. Sie bietet als leitfadengestützte Interviewbefragung einen qualitativen Forschungsansatz, der sich ebenfalls mit der sozioökonomischen Situation der Akteur*innen in den Freien Darstellenden Künsten befasst und diese durch Themenfelder wie Kooperationen, Diversität und die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben mit subjektiven Erfahrungen der Befragten erweitert.
Die Studien können sowohl singulär wie auch als sich gegenseitig ergänzende Arbeiten gelesen werden. Die Ergebnisse beider Studien wurden in einer weiterführenden Diskussion in der Schwerpunktausgabe des Fachmagazins ixypsilonzett unter dem Titel Wie macht Ihr das?! im Oktober 2023 veröffentlicht.
Da sich die vorliegende Publikation explizit mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Produktion von Kunst beschäftigt, möchten wir an dieser Stelle betonen, dass die besondere Position von Kunst als meritorisches Gut in keinster Weise geschwächt wird, wenn der Fokus der Analyse der befragten Theater auf sozioökonomischen Gesichtspunkten liegt. Meritorische Güter wie Bildung, öffentlicher Nahverkehr und Kunst bieten einen Mehrwert sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft, weshalb sie vom Staat gefördert und geschützt werden. Indem Kunst und Kultur zur Reflexion anregen, zum Perspektivwechsel einladen oder identitätsstiftend wirken können, sind sie wichtig für die Identifikation mit der Gesellschaft. Dadurch tragen sie auch zu einer Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens und individuellen Daseins bei, was sie zum geschützten gesellschaftlichen Gut macht, das entsprechend durch öffentliche Gelder gefördert wird. Die Darstellenden Künste für junges Publikum richten sich in diesem Sinne speziell an Kinder und Jugendliche, um ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen. Eine Aufgabe, die breiten gesellschaftlichen Zuspruch findet. So sehen beispielsweise 89 Prozent der Bevölkerung die Aufgabe der Stadt- und Staatstheater darin, ein Programm für Kinder- und Jugendliche anzubieten.3 Freie Theater unterstützen diesen gesellschaftlichen Willen und fungieren als wichtiger Pfeiler für die kulturelle Grundversorgung in der Fläche neben den staatlich geförderten Theatern. Betriebswirtschaftliche Rentabilitätsansprüche können und sollten daher an die Freien Kinder- und Jugendtheater ebenso wenig angelegt werden, wie an öffentlich subventionierte Theater.
Dennoch ist es wichtig, die Struktur und den produktionsbezogenen Status Quo in den Freien Darstellenden Künsten empirisch zu erfassen, um eine möglichst transparente Grundlage für kulturpolitische Entscheidungen zu schaffen. Bis auf wenige allgemeine Zahlen, wie sie beispielsweise das Statistische Bundesamt im Spartenbericht Darstellende Kunst zusammenträgt, bleiben aber die Kennzahlen zu Aufführungen, Personalkosten, Einnahmen und Ausgaben der Freien Theater überwiegend ein privatrechtliches Geheimnis. Daraus folgt, dass sich die Kulturpolitik in einem Dilemma wiederfindet: Obwohl die Arbeit der Freien Theater wichtiger Bestandteil der kulturellen Infrastruktur ist, gibt es keine konsistente, vergleichbare quantitative Erhebung zum Betrieb aller Freien Theater in Deutschland, wie es beispielsweise die Theaterstatistik des Deutschen Bühnenvereins ist. Für Freie Theater, ihre Künstler*innen und ihre Vertreter*innen ist es folglich schwerer, im Gespräch mit potenziellen Förderern ihre Bedarfe fundiert darzulegen, sodass die Entwicklung passgenauer Förderprogramme gut gelingt.
Wir möchten mit dieser Publikation und der ihr zugrunde liegenden empirischen Untersuchung zur kulturellen Daseinsvorsorge junger Menschen und einer Verbesserung der Produktionsbedingungen in den Freien Darstellenden Künsten für Kinder- und Jugendliche beitragen, indem wir mit den nachfolgenden Studien Vertreter*innen aus Politik und Verwaltung fundierte Argumente für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Freien Darstellenden Künste für junges Publikum in Deutschland vorstellen.
Adasz, Eichmann, Fischer, Frankfurt am Main, Februar 2024
1 Siehe ASSITEJ e.V.: Fördergrundsätze NEUSTART KULTUR – Junges Publikum, letzter Zugriff am 19. Februar 2024, https://www.jungespublikum.de/wp-content/uploads/2022/10/Foerdergrundsaetze_ASSITEJ_nl_2022_10_13-1.pdf und Anhang 1.
2 Die maximale Höhe der regelmäßigen öffentlichen Förderung lag im Programm NEUSTART KULTUR – Junges Publikum damit höher als in anderen Programmteilen von NEUSTART KULTUR. Diese Sonderregelung ist auf die deutlich niedrigeren Eintrittspreise im Kinder- und Jugendtheater zurückzuführen.
3 Birgit Mandel: Theater in der Legitimitätskrise? Interesse, Nutzung und Einstellungen zu den staatlich geförderten Theatern in Deutschland – eine repräsentative Bevölkerungsbefragung, Hildesheim, Universitätsverlag Hildesheim, https://doi.org/10.18442/077, 2020, S. 28.


















