Theater der Zeit

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Momente

von Wilfried Schulz

Erschienen in: D’haus. Düsseldorfer Schauspielhaus 2016–2026 – Schauspiel – Junges Schauspiel – Stadt:Kollektiv (05/2026)

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Liebe Freundinnen
und Freunde des D’haus,

mit diesem Buch schlagen wir Ihnen einen Rückblick auf zehn Jahre Düsseldorfer Schauspielhaus vor, auf ein Ensemble, auf künstlerische Erlebnisse und Erfolge, Versuche und Perspektiven, auf einen Aufbruch in die Stadt, auf eine große kulturpolitische Reise – und auf eine Intendanz. Zwei Wege haben wir gewählt: die Dokumentation in Bildern, Daten und Namen all dessen, was da war, einerseits und das Sammeln vieler einzelner Meinungen, Impressionen und Analysen zu einem Mosaik des Gewollten und Erfahrenen andererseits. Unser Wunsch ist, dass Sie ganz individuell und eigen beim Blättern Ihre Geschichte mit dem D’haus wiederfinden, Ihre Bilder im Kopf wieder zusammensetzen, uns widersprechen, ergänzen, korrigieren, zustimmen. Es ist ein Buch von uns für Sie und für uns.

Würde ich gefragt nach meiner persönlichen Geschichte der vergangenen zehn Jahre, nach meinen Bildern, so fielen mir vor allem Momente rund um die Aufführungen, rund um das Theater ein, die auf keinem Foto dokumentiert sind – und die dennoch haften blieben. Sie stehen nicht für etwas, sie stehen für sich:

Das Bild, als sich am Ende der Inszenierung die Plane des Zelts auf der Kö hob. Und das Ensemble und die Zuschauerinnen und Zuschauer die Lichter der Stadt sahen und einen Text hörten, der vom Beginn einer Gesellschaft und von der Verantwortung für sie handelte. Wir brachen mit unseren Gedanken und Wünschen gemeinsam auf. »Gilgamesh« hieß der Text.

Der Tag einige Jahre später, als wir schon wieder zurück im Schauspielhaus waren und ich in die Kantine ging, um dem Ensemble zu erklären, dass wir gleich die Generalprobe eines Stücks spielen werden, das in den Tagen danach keine Premiere haben wird. In dem Stück hörte man das Wort »Quarantäne« von der Bühne, es kam einem fremd vor, und wir wussten nicht, dass es uns bald widerlich vertraut werden würde. Die Pandemie währte lange und stürzte uns alle und das Theater in Abgründe, und die Premiere fand nie statt. Das Stück hieß »Traumspiel«, und es war wunderschön.

Die Zeit, als »Theater der Welt« zu Gast in Düsseldorf war – ein Festival des Welttheaters und ein Geschenk an das Düsseldorfer Schauspielhaus und sein Publikum zum fünfzigjährigen Jubiläum des Hauses. Bei der Eröffnung wurde im Livestream auf der Bühne des Schauspielhauses unsere Koproduktion mit Kapstadt gezeigt. Dort spielte ein großes Ensemble eine Premiere vor leerem Zuschauerraum, und hier in Düsseldorf saßen die Menschen und schauten zu. Eine Dystopie. Beim Schlussapplaus rannten die Spielerinnen und Spieler (auf der Leinwand) davon. Uns wurde später erklärt, dass in Südafrika wegen der Pandemie eine nächtliche Ausgangssperre verhängt worden war und alle schnell nach Hause mussten, wenn sie nicht die Nacht auf einer Polizeiwache verbringen wollten. Das war Theater der Welt, das war unsere Produktion der tragischen Geschichte von »Michael K.«; war es das Ende von Theater überhaupt, war die unausgesprochene Frage aller im Saal.

Ein heiteres Bild. Das Kinder- und Familienstück gebiert Berge; Berge von kleinen Rucksäcken, die sich im marmornen Foyer bei morgendlichen Vorstellungen stapeln. Lachen, Streiten, Aufregung, helle Stimmen sind zu hören. Man geht extra den Umweg durch das Foyer zu seinem Büro und weiß wieder für einige Tage, warum man Theater macht. Die Stücke hießen »Robin Hood«, »Der Teufel mit den drei goldenen Haaren« oder »Emil«, und wir freuten uns jedes Jahr wieder auf sie und ihr ausgelassenes Publikum.

Ein Tagesbild. Die Sonne scheint, der Theaterplatz ist fertig und strahlt, sogar der Springbrunnen funktioniert. Am Sonntagnachmittag kommen Familien, Eltern mit ihren Kindern an der Hand quer über den Platz. Sie werden »Dschinns« sehen und über ihre Geschichte und Geschichten reden.

Ein Nachtbild. Man kommt spätabends vom Hauptbahnhof und geht die wenigen Meter zum Central. Die gläserne Brücke lebt, man sieht die bunten Lichter und die Tanzenden. Die Rauheit der Realität und die Sehnsucht und die Lebensfreude sind nah beieinander. Das Theater ist ein Ort, wo sie einander begegnen.

Die Vorstellung, zu der Robert Wilson anreist. Er probt vor der Aufführung noch einmal an einer Umbesetzung und beschwört immer wieder die Leichtigkeit, die es ganz am Ende der Geschichte und des Stücks braucht. Er liebt es, seine eigenen Inszenierungen zu sehen und ihnen nahe zu bleiben. Beim Schlussapplaus, dem großen Jubel am Ende auch dieser 27. Vorstellung, geht er mit auf die Bühne und verbeugt sich und greift die Hände derer, die eben gespielt haben und die nun dicht bei ihm stehen. Er weiß, dass er in wenigen Wochen tot sein wird. Wir wissen es nicht. »Moby Dick« bleibt auf dem Spielplan.

Der besondere Tag, als unsere D’haus-Eröffnungspremiere der letzten Spielzeit zuerst bei den »Salzburger Festspielen« stattfand. Die größte Spielstätte für das Schauspiel dort ist eine Halle auf der Perner-Insel weit außerhalb der Stadt. Sommerliches Wetter, ein großer Innenhof, die meisten Zuschauer sind eine Stunde vorher da. Wir stehen dort vor der Premiere mit Weißweinglas in der Hand. Spannung liegt in der Luft, Serebrennikov inszeniert Sorokins »Der Schneesturm«. Es ist keine Theaterspannung, es ist die verrückte Spannung zwischen einer Welt im Krieg und der Realität des Theaters. Viele russische Exilantinnen und Exilanten sind an diesem Abend und später in Düsseldorf bei uns. Alles, was wir tun, ist voller unabweisbarer Bedeutung.

Ein Moment nur für uns. Nach jeder Premiere versammeln sich die Schauspielerinnen und Schauspieler, das Regieteam und alle weiteren Beteiligten der Produktion auf dem Garderobengang. Es wird umarmt, gratuliert und angestoßen, und ich halte jeweils eine kleine Ansprache, voller Dank und möglichst ehrlich ein Gefühl zu der eben erlebten Arbeit ausdrückend. Das fällt mir nicht leicht. Schwitzende Menschen, skurrile Kostüme, die große Erleichterung, den Applaus des Publikums noch im Ohr, um die Krisen der Probenarbeit wissend, den Erfolg feiernd … und einen Moment über den Sinn und den Unsinn unseres Theaterlebens nachdenkend.

Theater erzählt vom Anfang und vom Ende, aber auch von einem Ende, zu dem es nie wirklich kommt, und von einem Anfang, der nie ganz vergessen sein wird. Wir haben gemeinsam zehn abenteuerliche Jahre verbracht, immer war dieses Theater under construction. Es wird so bleiben, und das ist gut so. Denn Veränderung bedeutet Hoffnung, kann ein Weg nach vorne sein.

Ich danke allen, die dabei waren, die hier mit Leidenschaft gearbeitet haben, die Kunst gemacht und möglich gemacht haben, und ich danke einem Publikum, das dieses Theater wieder mitten in die Stadt gerückt hat und es als sein Eigenes entdeckt hat. Ich danke für unsere Gemeinsamkeit.

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