Theater der Zeit

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Essay

Schreibweisen der zeitgenössischen Zirkuskritik

Über körperliche Sprache und ein bescheidenes –Mit–

von Lukas Arndt

Assoziationen: Zirkus

Wie lässt sich über Zirkus schreiben, wie aus einem Text ein Körper machen?. Foto Filip Jacobson
Wie lässt sich über Zirkus schreiben, wie aus einem Text ein Körper machen?Foto: Filip Jacobson

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Ein Trick ist erstmal nur ein Trick. Er ist, wenngleich komplex und voraussetzungsreich in seiner Ausführung, für die Zuschauenden einfach zu rezipieren. Ein Trick oder ein Kunststück sagt: Hier passiert gerade etwas Spektakuläres. In den meisten Fällen versteht man das. Es ist aber natürlich viel zu einfach, zu behaupten, dass ein Trick nur ein Trick ist. Was also ist ein Trick? Und was (Zirkus-)Kritik?

Das Schreiben über Zirkus gehört laut Barbara Métais-Chastanier zu den Eckpfeilern „einer Legitimations- bzw. Institutionalisierungsstrategie des zeitgenössischen Zirkus, die es ihm ermöglichen, aus dem Reich der sogenannten niederen in jenes der hohen Künste – bestehend aus der heiligen Dreifaltigkeit von Theater, Tanz und Oper – aufzusteigen.“

Nicht alle Zirkusschaffenden sehen das rein positiv. Mit festen Strukturen kommen immer auch Regeln und Grenzen, die die Arbeit in der freien Szene verändern, und das zirzensische Selbstverständnis als freie Kunstform angreifen. Das Schreiben über Zirkus befindet sich daher an einem empfindlichen Punkt. Hier ist Behutsamkeit gefragt.

Obwohl der wissenschaftliche Diskurs in den letzten Jahrzehnten gewachsen ist und viele Produktionen für Konzepte und Förderanträge auf Text angewiesen sind, ist die Arbeitsweise im zeitgenössischen Zirkus eine körperliche. Es liegt somit nahe, dass auch jedes Schreiben und Denken über Zirkus vom Körper ausgehen müssen. Wie lässt sich das nun handhaben, wie aus dem Text einen Körper machen?

(Mit Fußnoten und Kopfzeilen?)

Wer darf über Zirkus schreiben?

Zur Orientierung bietet sich ein Vergleich mit der Theaterkritik an, deren Geschichte lange von einer hierarchischen Struktur zwischen intellektuellen Kritiker*innen und dem zu belehrenden Publikum geprägt war. Doch auch im Theater hat man mittlerweile erkannt, wie notwendig gleichberechtigte Kommunikation zwischen Künstler*innen, Kritiker*innen und Öffentlichkeit ist.

Für mich (Huch!) schließt sich daran die Frage an, wer über Zirkus schreiben darf. Immer wieder heißt es, Kritiker*innen müssen qualifiziert sein, vorbereitet, erfahren. Diese Forderung hat definitiv ihre Richtigkeit, stärkt jedoch das hierarchische Gebilde rund um den genialen Kritiker (ungegendert), den zu bewertenden Betrachtungsgegenstand und das erklärungsbedürftige Publikum.

Ich bin nicht erfahren und über Qualifikation lässt sich immer streiten. Vorbereitet bin ich wohl und interessiert und je weiter dieser Text voranschreitet auch immer leidenschaftlicher. Reicht das vielleicht? Interesse, Vorbereitung, Sorgfalt und eine leidenschaftliche, aber bescheidene Liebe zum Betrachtungsgegenstand? Ich würde sagen: Ja, und mache mich hier mit dieser Flapsigkeit sowie der aus heiterem Himmel gefallenen ersten Person Singular angreifbar, ansprechbar auch.

Meiner Meinung nach sollte sich die Kritik, als gleichberechtigte Komplizin des Stücks, genauso sichtbar machen und dem Risiko des Scheiterns aussetzen wie ein performender Körper das tut, wenn er die Bühne betritt. Das hat nicht nur etwas mit der eingangserwähnten Behutsamkeit zu tun, sondern es macht Sprache körperlich, real und greifbar. Damit habe ich noch nicht erklärt, was ein Trick ist, aber ich stecke mittendrin. Steigt die Spannung?

Wie können wir über Zirkus schreiben?

Versuchen wir also, wie ein Körper, beweglich zu bleiben und schauen genauer auf die Frage, welche Sprache den Körper auf der Bühne fassen kann und wie. Gefragt nach einer neuen, dem sich bewegenden Körper gerecht werdenden Sprache, weist Franz Anton Cramer darauf hin, dass es möglicherweise keiner neuen Definition von Sprache bedarf, wohl aber einer Flexibilität mit Definitionen und festen Zuschreibungen.

Meinem Verständnis nach ist das eine Einladung zum Risiko. Außerhalb von bestehenden Kategorien und Zuschreibungen zu denken, sich nicht hinter Referenzen zu verstecken, erfordert Mut. Es besteht die Gefahr, dem Gegenstand unrecht zu tun, an der Sache vorbeizuschreiben, möglicherweise unfair zu sein. Dennoch ist dieser Mut meiner Meinung nach dringend nötig, er ist Ausdruck des Respekts und der Anerkennung.

Christina Thurner erklärt dazu, dass ein Gerechtwerden ohnehin unmöglich ist: „Tanz-Bewegung lässt sich – zumindest im feuilletonistischen oder kulturwissenschaftlichen Kontext – nicht exakt einfangen in Worte.“

Für mich folgt daraus eine große Freiheit, eine Aufforderung zur Kreativität und zum Spiel. Dabei zeigt sich eine Parallelität zum zeitgenössischen Zirkus, dessen Arbeitspraxis auf Tüftler*innengeist, Experimentierfreudigkeit und ausdauernder Auseinandersetzung mit Objekten im Training beruht.

Ich denke, Zirkuskritiker*innen sollten in Zusammenarbeit mit dem Stück genauso experimentieren und Formen ausprobieren. Vielleicht schreibt das Stück streng eine Form vor, der sich das Schreiben nicht verwehren kann. Vielleicht erlaubt es große Freiheit und öffnet Räume, in denen der Text unverhofft Neues findet, von dem das Stück profitieren kann. Vielleicht passiert etwas ganz und gar Unvorhergesehenes. Hoffentlich.

Ich hab’s versucht, ich hatte Spaß

An dieser Stelle nochmal zurück zum Trick, der natürlich nicht, wie anfangs behauptet, nur ein Trick ist. Der Körper ist auch nicht nur Körper und Zirkustechnik nicht bedeutungsleer. Ganz im Gegenteil ist die oft extreme Sichtbarkeit des Körpers im Zirkus, besonders vor dem Hintergrund von Virtuosität und damit zusammenhängenden Körperbildern, besonders stark in Macht- und Bewertungsstrukturen eingebunden. Das macht Zirkustechnik gesellschaftspolitisch kontextualisierbar und Zirkuskritik zu einem wichtigen diskursiven Instrument.

Sie muss also eine herausfordernde Doppelrolle annehmen. Einerseits ist sie eine nach Sprache suchende, eigenständige kulturjournalistische und literarische Form mit gesellschaftspolitischer Verantwortung, andererseits hat sie einen Dienstleistungscharakter, arbeitet neben und mit dem zu besprechenden, zu begleitenden Stück. Sie sollte die Balance halten: Trotz aller Experimentierfreude nicht zu sehr auf sich selbst zeigen, aber auch, der Ansprechbarkeit halber, nicht zu sehr von sich weg. Obwohl dieser Text keine Kritik ist, sondern eine Suche nach der richtigen Sprache für Kritiken, habe ich mich formal um eine Auseinandersetzung mit diesen Anforderungen bemüht.

Deshalb hat dieser Text im Verlauf versucht, sich der Wirkweise einer zirkustypischen Nummerndramaturgie anzunähern, Spannung aufzubauen, indem er die Erklärung, was ein Trick ist, immer weiter aufschob (hab ich sie überhaupt geliefert?), und sich dem Risiko des Scheiterns auszusetzen.

Und deshalb erklärt der Text hier unter dem Deckmantel von Selbstreflexion und Formbewusstsein schamlos seine Mittel und zeigt dabei so deutlich auf sich selbst, wie es eine Kritik als gleichberechtigte Komplizin des Stücks nie tun sollte.

So viel zur Experimentierfreude. Ich hab’s versucht, ich hatte Spaß.

 

Quellen:

Hardt, Y., Stern, M. (Hg.): Choreographie und Institution. (2011). transcript Verlag, Bielefeld.

Huber, J., Stoellger, P., Ziemer, G., Zumsteg, S. (Hgg.). (2007). Ästhetik der Kritik- Verdeckte Ermittlung. Edition Voldemeer, Zürich.

Lievens, B., Kann, S., Ketels, Q., Focquet, V. (Hgg.). (2020). Thinking through Circus. Artpapereditions.

Stuke, F. R. (Hg.). (1997). Alles Theater? Bühne, Öffentlichkeit und die Kritik. Daedalus Verlag, Münster.

 

Dieser Text ist im Rahmen der Schreibwerkstatt „Zirkus im Gespräch“ des CircusDanceFestivals entstanden. 

 

Erschienen am 19.5.2026

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