Was die antiken Tragödien auch für unsere Gegenwart so faszinierend macht, ist der Einblick in den inneren Zerfall von Gesellschaften. Nehmen wir zum Beispiel „Die Bakchen“ von Euripides. Der tragische Untergang des Herrschers von Theben weckt unser Interesse. Pentheus ist im Grunde ein recht aufgeklärter Herrscher, weder abergläubisch noch tyrannisch. Und doch führt sein Verhalten zu einer fatalen Konsequenz, nämlich dass Teile der Bevölkerung sich außerhalb der schützenden wie einschränkenden Mauern der Stadt begeben und es letztlich zu einem Aufstand gegen die Polis kommt – mit hässlichem, weil tödlichem Ausgang. Dass die Ankunft des Dionysos einen derartigen irrationalen Aufruhr hat auslösen können, bleibt Pentheus unverständlich, bis er zuletzt selbst dem Reiz erliegt. Dass die Zivilisation auf Entsagung gebaut ist, lässt den Stachel des Triebverzichts zurück, der sich dann irrational Bahn bricht.
Wir sehen hier, was Sigmund Freud – der hellsichtige Beobachter der Psychodynamiken moderner Vergesellschaftung – das „Unbehagen in der Kultur“ nannte, wobei er mit Kultur die Zivilisation meint. Freud bemerkt in seiner Schrift „Die Zukunft einer Illusion“, dass ein „dauerndes Maß von Unzufriedenheit“ innerhalb der Kultur zu „gefährlichen Auflehnungen“ führen mag. Freud nahm an, dass das aus der Entsagung hervorgehende Unbehagen nicht nur einen allgemeinen Charakter hat, sondern sich...