Theater der Zeit

Auftritt

Deutsches Schauspielhaus Hamburg: Vom Recht, zu gehen

„Die Abweichlerin“ nach dem Roman „Vilhelms Zimmer“ von Tove Ditlevsen (DEA) – Regie Karin Henkel, Bühne Barbara Ehnes, Kostüme Teresa Vergho, Video Chris Kondek

von Sabine Leucht

Assoziationen: Theaterkritiken Hamburg Karin Henkel Schauspielhaus Hamburg

Lina Beckmann und Liina Magnea in „Die Abweichlerin“ in der Regie von Karin Henkel am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Foto Lalo Jodlbauer.
Lina Beckmann und Liina Magnea in „Die Abweichlerin“ in der Regie von Karin Henkel am Deutschen Schauspielhaus HamburgFoto: Lalo Jodlbauer.

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Content Note: Der Text thematisiert Tablettenabhängigkeit und Suizid, die in der Inszenierung vorkommen

Baumwipfel in Schwarz-Weiß verjüngen sich nach oben hin und rahmen mit ihren Verzweigungen ein Loch aus Himmel. Dieses filigrane Bild überwuchert das Raum-Triptychon, das zu Beginn ganz hinten auf Barbara Ehnes’ Bühne im Deutschen Schauspielhaus Hamburg steht. Ein ganz ähnliches Bild könnte Tove Ditlevsens Romanfigur Lise Mundus gesehen haben, als sie sich mit dem Schlafsack ihres Sohnes und einem todsicheren Vorrat an Tabletten im Rude Wald auf den Rücken legte. Man sagt, erklärt Lina Beckmann später, dass sich das letzte Bild, das man vor dem Sterben sieht, für immer auf die Netzhaut brennt. Sie sagt das fast vergnügt. Denn die Frauen, die sie spielt, haben den Tod zum Freund. „Frauen“, im Plural. Denn, setzt sie nach: Lise kann durchaus mit der Autorin Tove Ditlevsen verwechselt werden.

Auch in Ditlevsens letztem Roman „Vilhelms Zimmer“, der dem Abend mit dem Titel „Die Abweichlerin“ zugrunde liegt, ist mal in der dritten Person von Lise die Rede, mal drängelt sich die Autorin nach vorn und schiebt ihre Figuren herum. Folgerichtig wirkt auch das Gros der gut zweistündigen Bühnenversion wie ein erweiterter Monolog von Lina Beckmann, die ihre Kolleg:innen an- und umzieht, lenkt und manipuliert wie Puppen. Vor allem die Tänzerin Liina Magnea, die ihr stummes, körperlich expressiveres Double gibt.

Dieses aktive Navigieren ist ein Bild für die Freiheit, die die dänische Schriftstellerin, die seit ihrem zehnten Lebensjahr unter „periodischen Psychosen“ litt, nur in der Literatur fand. Ihre multiple Abhängigkeit von der unberechenbaren Mutter, Medikamenten und Männern hat sie in ihrer „Kopenhagen-Trilogie“ genau beschrieben. In der für sie charakteristischen pointierten und poetisch überformten Sprache, der eine wie Lina Beckmann guttut. In deren Mund klingen selbst die ziseliertesten Sätze wie spontan empfunden. Die Schauspielerin des Jahres 2024 kann in einem Moment zupackend und komisch und im nächsten unheilbar zerbrochen wirken. Ihre Einfühlungs- und Verwandlungskunst kittet Karin Henkels stilistisch wie erzählerisch in immer mehr Teile zerfallende Inszenierung und erdet ihre zerrissene Protagonistin.

Als „Abweichlerin“ hat sich Ditlevsen einmal selbst bezeichnet. Die Natur, der Alltag, die Schubladen der Kunstproduktion: Das alles war nichts für sie. Dabei hätte sie als Arbeiterkind nur zu gerne ins Normenkorsett einer gutbürgerlichen Gesellschaft gepasst, die in dem 1975 erschienenen, autofiktionalen Buch merklich von gestern ist. Dass eine Frau Dichterin werden kann, war in ihr ebenso wenig vorgesehen wie ein Leben ohne Mann. Um den, Vilhelm, mit dessen realem Vorbild Ditlevsen eine hochtoxische vierte Ehe geführt hat, dreht sich im Roman alles. Gut, dass Henkel und ihre Dramaturgin Sybille Meier diesen Trinker, Demütiger und Lammkeulen-an-die-Wand-Werfer nicht nur aus dem Titel des Abends entfernt haben. Auch viel Text, der auf ihn Bezug nimmt, wurde gestrichen, dafür Biografisches von Ditlevsen ergänzt. Und auch das Typenarsenal auf der Bühne spart Vilhelm aus. Linn Reusse spielt seine neue Freundin Mille mit einer geradezu niederschmetternden Verbindlichkeit, Daniel Hoevels gibt dem pubertären Sohn des Paares etwas von einer Comicfigur und Matti Krause karikiert sowohl Lises Haushälterin wie die gruselige Nachbarin.

Und Teresa Verghos Kostüme helfen mit Hosenträgern, Schulterpolstern, giftgelben Overalls und wie Kopfverbände wirkenden Masken mit. Alles, was nicht Beckmann spielt, rangiert hier irgendwo zwischen Figur und phantastischer Ausgeburt der Autorinnenphantasie. „Ich bin alle zugleich und alle sind ich“, sagt sie einmal. Beckmann spricht zuweilen die Texte der Anderen stumm mit oder springt selbst in die ein oder andere Nebenrolle. Es ist die große Leistung des Abends, dass er auf diese Weise Ungereimtheiten der literarischen Vorlage auflöst, ohne alles auserklären zu müssen. Zum Beispiel das Rätsel um Lises neuen Hausfreund Kurt. Ein seltsam passives Mensch-Möbel, das vor allem die Leerstelle zu füllen hat, die durch Vilhelms Abwesenheit in dessen Zimmer entstanden ist. Mirco Kreibich spielt das Faktotum mit hyperbeweglichen Gummibeinen, gelber Stirnbehaarung und einer grundsätzlichen Deplatziertheit. Wie einen Klappstuhl, den man nur hervorholt, wenn Gäste kommen, zieht ihn Beckmann aus einer Klappe in der Bühnenwand – „Komm, hopp!“ – und packt ihn am Ende wieder weg. Ein paar dieser Klappen sind in die Seiten des grellgelben übertiefen Bühnenportals eingelassen, neben großen Tonbändern, die auf Knopfdruck unter anderem dokumentarisches Material abspielen. Dahinter öffnet und schließt sich das Raum-Triptychon, in dem die Figuren zuweilen wie im Setzkasten ausgestellt werden, fährt vor und zurück und wird von Chris Kondeks Videos geflutet. Kinderzeichnungen, Höhlenmalerei, realistische Naturbilder oder ein schlagendes Herz sorgen für gespenstische Stimmung und Comic Relief für einen extrem harten Stoff. Denn die Frau, die ihr literarisches Alter Ego schon mal in den Tod vorausgeschickt hat, möchte wirklich sterben und tritt selbstbewusst für diese letzte Freiheit ein. „Man verliert das Recht zu sterben nicht, nur weil man Mutter ist“ heißt es einmal. Ein letztes Lächeln für den minderjährigen Sohn und ab in den Wald. Das nicht als verantwortungslos zu verurteilen, fällt gar nicht so leicht.

Auch wenn der spielstarke Abend nur etwa bis zur Hälfte so dicht und mitreißend ist wie ein guter Krimi, berührt er existenziell und bringt die Zuschauer:innen mit ihren eigenen Vorurteilen und Rollenbildern in Kontakt. Damit ist „Die Abweichlerin“ eine der besten Inszenierungen von Karin Henkel seit langem. Auch dank Lina Beckmann, die am Ende sehr vital „Ich bin so müde“ sagt und sich wieder den Schlafsack von Lise Mundus’ Sohn schnappt. Nur ein Jahr nach Erscheinen von „Vilhelms Zimmer“ gelang auch Tove Ditlevsen der Selbstmord. Es hat sie viele Versuche gekostet.

Erschienen am 18.3.2025

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