Vorwort
Erschienen in: Hofmann&Lindholm – Nachgestellte Szene (11/2020)
Charakteristisch für die Formensprache des Regie- und Autorenduos Hofmann&Lindholm sind ihre verborgenen Erzählweisen: Ihre nachgestellten Szenen – ob in Bühnen- oder Radiostücken, in Mehrkanal-Videoinstallationen, Experimentalfilmen oder in partizipativen und akustischen Stadtrauminterventionen – sind minutiös komponierte Partituren, die Faktisches und Fiktionales engmaschig verweben. Durch ihre sorgfältig recherchierten Texte, ihren analytisch-distanzierten Blick auf die Materialanordnung, ihre präzisen Montagetechniken und Handlungsanweisungen gelingen ihnen subtile Einschübe in tiefere Wahrnehmungsschichten, die detailscharf Verhältnismäßigkeiten zwischen Vergangenheit, Gegenwart und einer möglichen Zukunft abwägen, differenzieren und neu vermessen.
So werden etwa historische Ereignisse nicht zur dokumentarischen Beweisführung affirmativ abgebildet, sondern für den Betrachter immer als eine Konstruktion von Geschichte klar gekennzeichnet und in eine Erzählung eingebettet – jenseits der tatsächlichen Begebenheiten auch Unbeobachtetes, Verborgenes, mitunter Ungeheuerliches freisetzend. Auf diese Art wird die heimliche Anwesenheit eines doppelten Bodens aus Unsagbarem, Verdrängtem, Undenkbarem sichtbar gemacht.
Ebenso hintergründig verfahren beide in ihren sogenannten Pre-Enactments, die sie als Projektionen in die Zukunft mit imaginären Szenarien anreichern, dabei vorsorglich etwaige Gedächtnislücken scheinbar schließen; all dies geschieht jedoch ohne Gewähr oder Anspruch auf Wahrheit oder Vollständigkeit. Der für den Grimme Online Award nominierte Audio-Parcours Archiv der zukünftigen Ereignisse aus dem Jahr 2011 zum Beispiel verdeutlicht zudem ihre gegen Spektakel und Effekte resistente Arbeitsweise, stets nahe bei den Menschen, ihrer Würde und ihren komplexen Lebenswirklichkeiten.
Die zahlreichen Mitwirkenden aus einem breiten gesellschaftlichen und generationellen Spektrum (Hofmann&Lindholm nennen sie »Kompliz*innen«) stellten ihnen im Laufe von zwanzig Jahren ihre Geschichten, ihr Wissen und ihre individuellen Persönlichkeiten zur Verfügung; in den performativen Konstellationen war ihnen eine hohe Wertschätzung gewiss. Hofmann&Lindholms nachgestellte Szenen sind eben keine Re-Enactments im theaterwissenschaftlichen Sinn, die ikonografische Ereignisse wiederholen, vielmehr sind sie widerständige, subtile und künstlerisch autarke Stellungnahmen. Die Werkgenauigkeit und Faktenkenntnis sind hier die handwerkliche Basis für ihre fein austarierten Narrative von seltener gedanklicher Klarheit und Dichte. Wie forensische Architekten, die Erinnerungssplitter verifizieren und Leerstellen rekonstruieren, um neue Deutungsräume zu erschließen, so entwerfen, fiktionalisieren und archivieren Hofmann&Lindholm ihre Bildgedächtnisse und Zeitportraits: Leise, nachdenklich, unaufdringlich, poetisch, klug und intellektuell eigensinnig. – Überzeugt von ihrer hohen Qualität und ihrer Bedeutung für die deutsche und internationale Theaterszene hat die Kunststiftung NRW Hofmann&Lindholm in den vergangenen Jahren vielfach unterstützt. Als Vertreter eines postdramatischen Theaters haben sie ihre formalästhetischen Grundlagenforschungen konsequent ausdifferenziert und weiterentwickelt. Wir gratulieren Hannah Hofmann und Sven Lindholm zu ihrem 20-jährigen Jubiläum und wünschen den Leser*innen dieser Publikation eine erhellende wie anregende Lektüre.
Dr. Fritz Behrens
Präsident Kunststiftung NRW
Dr. Andrea Firmenich
Generalsekretärin Kunststiftung NRW
Christine Peters
Leitung Performing Arts Kunststiftung NRW
















