Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Der Lieblingsfeind steht links – Über Theater und Polizei (12/2020)
Dass der November noch nie zu den Wonnemonaten gehörte, steht außer Frage, und dass er diesmal besonders unerbittlich zugeschlagen hat, auch. Der zweite Corona-Lockdown zwingt die Theater wieder in den Stand-by-Modus – wie all die anderen potenziell stimmungsaufhellenden Institutionen, die Menschen in ihrer Freizeit gern aufsuchen.
Moment. „Freizeit“? Denkt der gemeine Bürger da nicht eher an Spaßbäder? Wettbüros? Spielhallen? Am Ende gar an Bordelle? Welch ein Kategorienfehler, die hochkulturellen Theatertempel mit diesen Vergnügungsschuppen in einen Topf zu werfen, schimpft ein großer Teil der Kulturschaffenden: Willkommen in Runde zwei der dramatischen Systemrelevanz-Diskussion! Den Überblick behält dort am ehesten, wer es schafft, das Virus und seine Gegenspieler selbst als Theater aufzufassen – wie Dorte Lena Eilers in ihrer Kulturbetriebs- und Pandemieanalyse empfiehlt. (Wobei hier, selbstverständlich, von der episch-dialektischen Brecht-Variante die Rede ist.)
Jenen, denen dieser beobachtende Blick womöglich nicht so leicht fällt – zum Beispiel, weil Covid-19 ihnen den Intendanzstart erschwert hat wie der neuen Münchner Kammerspiele-Chefin Barbara Mundel oder der frisch angetretenen Schauspielleitung am Theater Basel – sei ersatzweise das Leitmotiv aus Bonn Parks neuem Stück „Die Räuber der Herzen“ zugerufen, das wir in diesem Heft drucken: „Alles wird gut, was soll es auch sonst werden, es ist ja alternativlos.“ Christoph Leibold und Dominique Spirgi zufolge, die bei beiden Auftakten zugegen waren, scheint sich das überaus bewährt zu haben.
Das Team Vinge / Müller hingegen hatte eigentlich ideale Ausgangsbedingungen, als es beim pandemiefesten Theaterfestival im westnorwegischen Dale ein historisches Fußballspiel wiederaufleben ließ. Und es war dann auch tatsächlich nicht das Virus, das das Künstlerduo mit einer üblen Grätsche auszukontern versuchte, sondern die Presse, berichtet Therese Bjørneboe: In einer rechtslastigen Medienkampagne wurde Vegard Vinge als „staatlich geförderter Popomaler“ attackiert. Aber weil der Fußballgott groß und manchmal sogar gerecht ist, gingen Vinge/Müller trotz dieses Fouls mit einem erhabenen 2:1 vom Platz.
Wo – professionell – Fußball gespielt wird, ist seit jeher die Polizeipräsenz hoch. Aber andere Bereiche ziehen nach. Welche prägnante Rolle die Ordnungskräfte in seinem Leben spielen, schildert unser Kolumnist Ralph Hammerthaler in seinem „Lebenslauf mit Polizei“. Auf der Bühne hat die jüngste Debatte um rechte Netzwerke und strukturellen Rassismus in den Sicherheitsorganen fast sogar ein eigenes dramatisches Genre hervorgebracht – in dem Konsens darüber herrscht, dass die Polizei eher nicht dein Freund und Helfer ist. Warum die Antipathie auf Gegenseitigkeit beruht, erklärt der Soziologe Rafael Behr in unserem Schwerpunkt über Theater und Polizei: „Der Lieblingsfeind steht immer links“, sagt er – ein tradiertes Bild, das sich mit der Studentenbewegung in den sechziger Jahren etabliert habe. Fest steht für den Polizeiforscher allerdings auch, dass Theater als Disziplin im polizeilichen Grundlagenstudium verankert werden sollte. Was er sich davon verspricht, erläutert er im Gespräch mit dem Dramatiker Kevin Rittberger und dem Aktivisten und Politiker Ferat Kocak.
Was dagegen passiert, wenn man sich aufs falsche Medium versteift und statt auf die Hochkulturbühne unablässig in die Röhre guckt, wusste schon vor über fünfzig Jahren der Dramatiker Heiner Müller. „Myer und sein Mord“ heißt ein bisher unveröffentlichtes Exposé fürs DDR-Fernsehen, das für Müller zeitweise einen „wichtigen anonymen Broterwerb“ darstellte, wie Thomas Irmer schreibt. Wir drucken es zum 25. Todestag – als Typoskript mit originalen handschriftlichen Notizen. Wer weiß, was passiert wäre, wenn der „Myer“-Text, statt in der Schublade des DDR-Fernsehens zu versauern, etwa dem genialen Jean-Luc Godard in die Hände gefallen wäre, der im Dezember seinen neunzigsten Geburtstag feiert. „Godard-Geschichte(n)“ nennt Erik Zielke seine Annäherung an die Ikone der französischen „Nouvelle Vague“, die auch Theaterregisseure maßgeblich beeinflusst hat. Im Insert gratuliert außerdem der bildende Künstler und Godard-Spezialist Mark Lammert – mit „Vier Seiten für Godard“, die er exklusiv für Theater der Zeit entworfen hat.
Einen runden Geburtstag feiert auch das Berliner Theater an der Parkaue, eine der dienstältesten Kinder- und Jugendtheaterbühnen des Landes, die sich, wie Patrick Wildermann bemerkt, durch ihre siebzig wechselvollen Jahre hindurch einen erfreulichen Innovationsgeist bewahrt hat.
Verabschieden müssen wir uns in diesem Heft von dem großen Grafiker und Bühnenbildner Volker Pfüller. Als Künstler ein „Meister grafisch-malerischer Zuspitzung“, war er „als Person von einer in sich ruhenden Zugewandtheit, die etwas Weltweises an sich hatte“, schreibt Friedrich Dieckmann in seinem Nachruf. Klingt nach einem, der sehr fehlen wird in diesen seltsamen Zeiten des rasenden Stillstands! //
Die Redaktion
















