Theater der Zeit

Magazin

Bewegungsgebilde mit eigener Realität

Manja Chmièl – Biografie einer mutigen Unbekannten des Tanzes

von Ralf Stabel

Erschienen in: Theater der Zeit: Russische Theaterkünstler im Exil (10/2026)

Assoziationen: Tanz Buchrezensionen

Die Autorin Irene Sieben weiß, über wen und über was sie schreibt. Das macht dieses Buch aus: seine Authentizität und Anschaulichkeit. Manja Chmièl (geboren 1922 in Opava/Troppau, gestorben 2006 in Hannover) war eine ihrer Lehrerinnen im West-Berliner Wigman-Studio, mit ihr zusammen und in Chmièls Gruppen hat sie getanzt.

Im Untertitel nennt sie Chmièl „Rebellin des Neuen Tanzes“. Und das trifft es sehr wohl. Denn Manja Chmièl, die 1945 bis 1949 bei Mary Wigman in Leipzig ihre Tanzausbildung absolvierte und nach kurzen Engagements in Göttingen und bei Kurt Jooss in Essen, dann in Berlin von 1952 bis 1962 Wigmans Assistentin war, hat sich anschließend kategorisch von der expressionistischen Kunst ihrer Meisterin – tanzend, unterrichtend und schreibend – abgewandt: „Mein Tanz ist nicht ‚Ausdruckstanz‘. Ich stelle weder Gestalten dar, noch deute oder veranschauliche ich emotionale Vorgänge und stoffliche Inhalte. Meine Tänze sind in bestimmte Ordnung gebrachte Bewegungsgebilde, die ihre eigene Realität haben und dem Zuschauer als dynamisch-optisches Bild zufließen sollen.“

Sie gründet verschiedene Gruppen, tritt mit ihnen im In- und Ausland auf, wird verkannt und wird erkannt. 1962 heißt es: „Sie kennt nicht den Zarathustra-Frühsport, das falsche Pathos hinter Kunstbergen. Sie bietet zu elektronischen Klängen auf das Wesentliche zurückgeführte Aktionen, klare, schöne Bewegungsdestillate. Sie ist einfach eine Tänzerin, die erfahren hat und erfahren lässt, was Bewegung ist.“ (Raimund Le Viseur, Der Abend, 17. Februar 1962) Zusätzlich zur Weigerung, Tanz als Vehikel für irgendeine Aussage zu verwenden, ist es die elektronische Musik, an der sich viele Rezensenten stoßen. Nicht vergessen sei auch, dass der Bühnentanz der Nachkriegsjahrzehnte von einer enormen Ballett-Renaissance geprägt war. Auch gegen diese übermächtige „Märchenmaschinerie“ musste Manja Chmièl antanzen. Wie sollte ihr das als Einzelkämpferin gelingen?

Der Existenzialismus ist für sie in der Folge keine modische Kunstphase, sondern Lebenswirklichkeit. Nach einer glücklichen Zeit mit einer eigenen Ausbildungsstätte in dem Gebäude in der Fasanenstraße 23, in dem sich heute das Literaturhaus befindet, geht sie wegen fehlender Unterstützung 1971 von West-Berlin nach Hannover. Dort wird sie Laien unterrichten.

Für Manja Chmièl bildeten Tanzen und Leben immer eine Einheit. In Wigmans Studios in Leipzig und Berlin hatte sie lediglich ein Zimmerchen, in ihren eigenen Studios nur ein Eckchen zum Schlafen. Als sie sich durch eine Erbschaft eine Wohnung zulegen kann, wird diese umgehend zum Tanzstudio umfunktioniert. „Wenn man das machen kann, was man machen möchte, dann ist man ja schon reich“, sagte einst die Tanzpädagogin Gisela Peters-Rohse über den Tänzer Alexander von Swaine. In diesem Sinne war das Leben und Wirken von Manja Chmièl ein reiches: Sie hat sowohl mit ihrer künstlerischen als auch mit ihrer pädagogischen Arbeit zu ihrer Zeit an ihren Orten neue Wege geebnet und beschritten und so bei Publikum und Studierenden Bleibendes hinterlassen.

Mary Wigman pflegte zu behaupten, Tanz sei „flüchtig“. Das ist er keinesfalls! Porträts der Künstlerin und Fotos von Aufführungen und Unterrichten, ein Kinetogramm ihres Tanzes „Unter den Sternen“ (Thomas Schallmann), Erinnerungen von Zeitzeugen und ein QR-Code, der zur „Tanzstiftung Manja Chmièl“ führt, machen das Buch tatsächlich zu einer multiperspektivischen Lese-Erfahrung.

Irene Sieben: Manja Chmièl – Rebellin des Neuen Tanzes. Perspektiven auf Leben und Werk
Drachen Verlag, Klein Jasedow, 2026, 176 Seiten, € 29,80 (hier bestellen)

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