Theater der Zeit

Auftritt

Residenztheater München: Fünf Fremde im Gefühlsgewitter

„Reigen. Variationen“ von Anja Hilling, frei nach „Reigen“ von Arthur Schnitzler (UA) – Regie Ran Chai Bar-zvi, Bühne Ansgar Prüwer, Kostüme Marilena Büld, Video Pata Popov

von Sabine Leucht

Assoziationen: Theaterkritiken Bayern Dossier: Uraufführungen Ran Chai Bar-zvi Anja Hilling Residenztheater

Szene aus „Reigen. Variationen“ von Anja Hilling frei nach Arthur Schnitzler, inszeniert von Ran Chai Bar-zvi am Residenztheater München.
Szene aus „Reigen. Variationen“ von Anja Hilling frei nach Arthur Schnitzler, inszeniert von Ran Chai Bar-zvi am Residenztheater München.Foto: Sandra Then

Gelbe Handschuhe, die einen Baum umarmen! Sie haben den schwulen Poeten erregt, der sich „Graf“ nennt und gerade auf dem Weg zu einem Dichterwettbewerb ist. Dass sie zu einer Frau gehören – und dazu noch zu einer, die sich ihren Lebensunterhalt mit Putzen verdient –, dämpft die Erregung schnell. Man könnte den dünkelhaften Typen, den Florian Jahr hier spielt, sogar empört nennen. Und dass sein Herz nicht auf der Stelle schmilzt, wo doch die bezaubernde Lea Ruckpaul hinter der Handschuh-Person Maro steckt, versteht man sowieso nicht. Aber sei’s drum! Die Menschen, die sich in „Reigen. Variationen“ begegnen, haben alle ein Problem mit dem Herzen und mit körperlicher Nähe. Letzteres ist bei dem Ur-Stück anders, auf das sich das Auftragswerk des Münchner Residenztheaters bezieht. In Arthur Schnitzlers „Reigen“ fallen zehn Menschen übereinander her. Meist die Männer über die Frauen oder „süßen Mädels“, nicht immer einvernehmlich – und heteronormativ geht es dabei eh zu, schließlich ist das einstige Skandalstück rund 130 Jahre alt. Deshalb wird auch der Akt selbst ausgespart beziehungsweise durch eine Reihe von Gedankenstrichen ersetzt, vor denen viel gelobt und geschmachtet wird und nach denen sich einiges klärt. Und in der nächsten Szene wartet auf einen Part des Paares schon der nächste partner in crime.

Anja Hillings Aktualisierung behält das promiske Reigen-Prinzip bei halbiertem Personal bei. Auf die sich durch Wiederholung entwertenden Liebesschwüre kann sie verzichten. Denn um Sex geht es hier nicht. Die fünf Personen, die es in „Reigen. Variationen“ rund um eine Technoparty im Englischen Garten zueinander spült, sind sich selbst so wichtig und zugleich fremd geworden, dass sie schon Minimalberührungen zum Erschaudern bringen. In Ran Chai Bar-zvis Uraufführungsinszenierung wird selbst ein Handy, das zwecks Austauschs von Telefonnummern die Hände wechselt, zum erotischen Objekt.

Im Text sind die Orte, an denen nach und nach jede:r auf jede:n trifft, klar bezeichnet: „In den Toilettenräumen“, „bei einer Rotbuche“, „im wegen dem Wind geschlossenen Biergarten“. Weil das viel zu konkret ist für diese schemenhaften Gestalten, die eine Menge Diskursmaterial rund um Klasse, Gender und andere Identitätsmarker mit sich herumschleppen, hat Ansgar Prüwer die kleine Bühne des Marstalls mit Schichten aus transparenter Folie verhängt. Dieser Raum wirkt so aseptisch, als hätte ein sehr gründlicher Tatortreiniger just die Spuren der Verletzungen entfernt, die jede:r von ihnen in der Vergangenheit erlitten hat. Am wenigsten beschädigt wirkt die Hure Eleonore, der die junge Alexandra Juschkewitsch eine robuste Unbekümmertheit mitgibt, während Pujan Sadris „Krieger“ auch mit Sturmgewehr der kleine Franzi bleibt, dessen Frau (Nicola Kirsch als DJ Ada) schwer – und leider auch recht klischeehaft – mit der Verdrängung ihres Alters beschäftigt ist.

Alexandra Juschkewitsch, Pujan Sadri, Florian Jahr, Lea Ruckpaul und Nicola Kirsch in „Reigen. Variationen“ von Anja Hilling frei nach Arthur Schnitzler, inszeniert von Ran Chai Bar-zvi am Residenztheater München.Foto: Sandra Then
Nicola Kirsch, Pujan Sadri, Lea Ruckpaul, Alexandra Juschkewitsch und Florian Jahr in „Reigen. Variationen“ von Anja Hilling frei nach Arthur Schnitzler, inszeniert von Ran Chai Bar-zvi am Residenztheater München.Foto: Sandra Then

Die große Leistung des Teams ist, dass alle durchweg so spielen, als wäre es ihnen ein Anliegen. Selbst gestelzte Passagen, in denen die Schauspieler:innen über ihre Figuren in der dritten Person oder von etwas Fellig-Fettem sprechen, das in ihrem Hals wächst, klingen erfühlt. Noch die abgehobenste Verschmelzungspoesie wie jene von der „Solidarität der Äste / Die sich jetzt verzahnen mit deinen Armen / Als könnte nur das Wortlose diese dunkle Gestalt überreden: / Dich reinzulassen“ bekommt Bodenhaftung. Das muss man erst mal hinkriegen! Stark ist auch die Eingangsszene, in der alle mit kurzen Choreos ihre Charaktere skizzieren. Deren Typisierung wird von Marilena Bülds Kostümen noch unterstützt: mit hohen Stiefeln, artsy fartsy Textildrucken oder besagten gelben Putzhandschuhen. Sie behaupten Zugehörigkeit, die sich allerdings erst herstellt, als ein mysteriöser „Sturm“ aus den Vereinzelten eine Gruppe macht.

Hilling ersetzt Schnitzlers Gedankenstriche durch ein Amalgam aus Wetterphänomenen und gesellschaftlichem Umbruch, das Pata Popov mit Videos von allerlei menschengemachten Katastrophen bebildert. Man darf sich schon fragen, was das für eine Gegenwartsanalyse ist, die die Apokalypse mit dem reinigenden Gewitter des Geschlechtsakts gleichsetzt. Aber vielleicht ist da auch etwas dran, dass es uns erst richtig schlecht gehen muss, damit es wieder besser wird oder sich zumindest so anfühlt. Nur noch in Unterwäsche sitzen die fünf am Ende gemeinsam in einer Art Nest, das sie sich mit den im Sturm abgerissenen Vorhängen gebaut haben. Auch massivere und emotionale Barrieren sind gefallen. Ein Geldautomat funktioniert plötzlich auch freischwebend. Und endlich findet sich doch noch ein Liebespaar. Bis dahin zieht sich der nur eineinhalbstündige Abend aber ganz schön. Einen zwingenden Zugang zu Hillings verkopftem Stück hat Ran Chai Bar-zvi nicht gefunden. Er hat viel Atmosphäre gebastelt und einem als der begnadete Schauspieler:innen-Regisseur, der er ist, die Figuren und ihre Nöte nähergebracht. Aber nicht nahe genug, um ihnen wirklich zu begegnen. Schon auf dem Weg nach Hause hat man sie wieder verloren.

Erschienen am 13.10.2026

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