Der Blick auf die »andere Seite«
Erschienen in: Die andere Seite – Tanz in der DDR von 1975 bis 1997 (04/2026)

Das deutsche Sprichwort »Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern« hat durch die rasante Entwicklung neuer und neuester Medien eine besonders tragische Steigerung erhalten: Quasi im Minutentakt veralten die Berichte der digitalen Medien. Und trotz der im Vergleich zu den Printmedien beinahe unbegrenzten Umfangsmöglichkeiten beschränken sich die digitalen Veröffentlichungen zu aktuellen Ereignissen meist auf kürzere Meldungen. Wenig später kann man diese oft schon nicht mehr nachlesen: »404 – Page Not Found«. Geschichte, in diesem Fall Kultur- und namentlich die Tanzgeschichte geht verloren, wenn man nicht gegen das langsame oder schnelle Verschwinden ihrer offensichtlich immer spärlicher werdenden Zeugnisse anarbeitet. Erst dann können die Berichte der Zeitzeugen auch später nachgelesen werden. Und – das gilt insbesondere für die Papierausgaben der Zeitungen und Zeitschriften des 20. Jahrhunderts – überraschende Informationen preisgeben: Denn, so könnte man auch sagen: »Nichts ist so neu wie die Zeitung von vorgestern«!
Institutionen wie Archive, Bibliotheken und Museen haben es übernommen, Wissen vor dem Vergessen zu bewahren und Geschichte zugänglich zu machen. Ältere Tageszeitungsbestände oder Zeitschriften werden digitalisiert und online zum Lesen bereitgestellt. Das Deutsche Tanzarchiv Köln hat aktuell begonnen, die wichtigste Fachzeitschrift ihrer Zeit, den Tanz, seit seiner ersten Ausgabe 1927 online abrufbar zu machen.1 Schon seit 1997 gibt das Tanzarchiv Tanzdokumente digital heraus, und als dritte in dieser Reihe von CD-ROM-Publikationen erschien 2006 Die Akte Wigman, die auch eine komplette Reproduktion aller Hefte der Zeitschrift Die Tanzgemeinschaft enthält.2 Auch die klassische Veröffentlichung als Buch bietet eine Chance, ansonsten nur umständlich zugängliche, einst in Zeitungen und Zeitschriften erschienene Fachbeiträge wieder nutzbar zu machen. So veröffentlichte das Tanzarchiv 2023 im Anhang seines Buches Oskar Schlemmer und der Tanz alle Aufsätze Schlemmers, die er zum Thema Bühnenkunst publiziert hatte. Und in loser Folge gibt das Tanzarchiv monographisch die »gesammelten Werke« von prominenten Tanzkritikern3 heraus. Hierbei wird für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht, dem Ideal einer jeweils kompletten Sammlung von Tanzkritiken eines Autors weitestmöglich zu entsprechen, während es sich für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anbietet, jeweils eine Auswahl zu den Kritikern zu treffen. Artur Michels Kritiken erschienen 2015 in Buchform, die Kritiken von Fritz Böhme und Fred Hildenbrandt werden aktuell zur Publikation (on demand sowie online) vorbereitet. Eine Kritiken-Auswahl von Klaus Geitel erschien 2019 in Buchform; und hier wird nun eine Kritiken-Auswahl von Dietmar Fritzsche und Volkmar Draeger in Buchform und digital neu veröffentlicht.
»Eine fundierte, in sich geschlossene Geschichte des (fast ausnahmslos: Bühnen-)Tanzes der DDR steht noch aus.« (Volkmar Draeger). Das überwiegend westliche Forschungsinteresse am Tanz in der DDR war auf die frühen Jahrzehnte und auf politische Zusammenhänge mit dem Tanz ausgerichtet – und wird es voraussichtlich noch eine gewisse Zeit lang weiterhin bleiben.
Die Forderungen in der öffentlichen Diskussion um den »Sozialistischen Realismus« im Tanz, die nicht nur auf Ballettinhalte und Tanzstile Einfluss nahmen und politische Schulungen forderten, sondern auch zu gezielten Umbesetzungen an den Theatern und Ausbildungsinstituten führten4, sind zweifellos für das Verständnis des frühen DDR-Tanzes von großer Bedeutung. Dass damals auch die Tanzgeschichtsschreibung der DDR unter gewissen politischen Vorgaben agierte, ist nicht verwunderlich.5 Bei diesem Forschungsfokus blieb der Blick auf das spätere Tanzgeschehen in der anderen Hälfte Deutschlands bisher weitgehend unberücksichtigt. In der DDR und besonders an den größeren Theatern und Opernhäusern war die Formulierung »Westwärts schweift der Blick, ostwärts streicht das Schiff«, ein Liedzitat aus Wagners »Tristan und Isolde«, zum Bonmot geworden. In der Bundesrepublik schweifte der Blick aber eher selten ostwärts auf das Tanzgeschehen der DDR. Und heute ist vom Tanz in der DDR zumindest in den alten Bundesländern vieles, sofern man es nicht selbst gesehen hat, völlig unbekannt. Erste statistische Aussagen konnte Kurt Petermann 1984 durch Auswertung der dem Leipziger Tanzarchiv von den Theatern überlassenen Programmhefte liefern (Theater der Zeit, 6/1984): »Seit Bestehen der Republik fanden an den Theatern der DDR weit über 1000 Ballett-Premieren statt«, und Komponisten der DDR haben in 35 Jahren 44 abendfüllende Ballettwerke sowie 115 Kurzballette oder Tanzszenen nach konzertanter Musik geschaffen.
Absicht dieser Edition ist deshalb ein schlaglichtartiger »Blick auf die andere Seite«, genauer gesagt auf das, was zwischen 1975 und der späten »Nachwendezeit« tanzbezüglich über ostdeutsche Bühnen ging. Dieser Zeitraum ergibt sich aus dem Wirken der beiden als Zeitzeugen herangezogenen Autoren Dietmar Fritzsche (DF; 1936–2012) und Volkmar Draeger (VD; geb. 1947), deren Archive sich im Deutschen Tanzarchiv Köln befinden. »Arrivierter Tanzredakteur bei Theater der Zeit und Mentor der eine, sein großzügig geförderter Jung-Autor der andere.« (VD). Sechsmal wurden Inszenierungen in den Rezensionen sowohl von DF wie VD aufgenommen und ermöglichen so einen direkteren Vergleich der beiden Kritiker. Nebenbei spiegelt der Band auch die Entwicklung der beiden Autoren wider: »Aus heutigem Blick und mit heutigem Kenntnisstand würde sicher manche Kritik anders ausfallen.« (VD). Ausgewählt werden musste aus mehreren tausend veröffentlichten Texten (auch Interviews) nach inhaltlichen Kriterien, was aus heutiger Sicht interessant und lebendig zu lesen sein könnte und repräsentativ für das vielseitige Bühnentanzgeschehen in der DDR erscheint. Der Band enthält durchgängig Werke, die in der DDR uraufgeführt oder aus dem Schaffen der, wie es offiziell hieß, »befreundeten sozialistischen Länder« nachinszeniert wurden. Sie alle dürften dem heutigen (bundes-)deutschen Leser kaum geläufig sein, machen aber einen wichtigen Teil des Bühnentanzes in der DDR aus.
Angestrebt wurde ein knapper, informativer, möglichst auch kurzweilig zu lesender Abriss einer Phase des DDR-Balletts in seinem Repertoire, seinen Tendenzen und Entwicklungen, seinen Leistungen und Irrwegen. Inszenierungen von Klassikern, wie sie zahlreich und eifrig in der ganzen Republik von großen bis kleinen Häusern betrieben wurden, sind hier bewusst ausgespart. Entgegen anfänglichen Planungen wurden aus Platzgründen außerdem ebenso alle rezensorischen Widerspiegelungen östlicher Gastspiele (Bolschoi, Ungarn, Polen, Tschechien etc.) und westlicher Gastspiele (Royal Ballet, Sadler’s Wells, Béjart, Graham, Lubovitch, Gades, Spoerli, Bausch, Hoffmann, Kresnik etc.) aus der Vorauswahl getilgt. Auch einmalige Gast-Inszenierungen (Conrad Drzewiecki, Pavel Šmok, Peter Breuer, Youri Vámos) an DDR-Bühnen, wie interessant sie auch gewesen sein mögen, wurden ebenfalls wieder gestrichen.
Es muss für diese Publikation auch deutlich gesagt werden: Wer wissenschaftlich mit den historischen Kritiken arbeiten will, muss anhand der Quellenangaben die Originalkritiken heranziehen. Es handelt sich hier nicht nur um eine Auswahl, sondern auch – um der Lesefreundlichkeit willen und mit der Absicht, die Vielseitigkeit trotz des beschränkten Platzes zu erhalten – um zum Teil gekürzte und gering bearbeitete Neuabdrucke. Schon die unterschiedlichen Formate der Texte legten Bearbeitungen nahe. So wurden zu detaillierte Beschreibungen von Inhalt und Choreographie auf ihre Essenz reduziert, weitschweifige Bemerkungen zu Musik, ihrer Interpretation und zur Ausstattung eliminiert, die Namen einiger dem Leser kaum bekannten Interpreten fortgelassen. Auch durch Umstellungen innerhalb der Sätze oder indem mehrere Sätze zu einem zusammengezogen wurden, konnte Platz gespart werden. Ebenso wurden Füllwörter wie »dann«, »eben«, »zwar«, »eher«, »wohl« etc. entfernt. Die Lesefreundlichkeit der Texte hat von diesen redaktionellen Eingriffen deutlich profitiert. Selbstverständlich wurden auch Druck- und/oder Tippfehler sowie falsche Schreibweisen stillschweigend korrigiert. Beibehalten wurde indes die damalige Rechtschreibung: daß, selbständig, Choreographie etc. Nur in wenigen Fällen wurde eine Standardisierung in der Schreibweise eines Namens durchgeführt, beispielsweise wenn die Autoren jeweils den Programmzetteln gefolgt waren und in der Zusammenführung der Texte jetzt immer wieder abwechselnd Strawinski oder Strawinsky zu lesen war.
Die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bedeutete zwangsläufig kein abruptes Ende der Tanzaufführungen im Gebiet der ehemaligen DDR, den neuen Bundesländern. Deshalb erschien es sinnvoll, den Berichtszeitraum der beiden Autoren noch um einige Jahre zu verlängern. Auf Vorschlag von Volkmar Draeger ist außerdem trotz des größeren zeitlichen Abstands ein Nachruf auf Eberhard Rebling (1911–2008) angefügt. Er war lange »Tanzpapst«, Ideologe und tonangebende Instanz im ostdeutschen Tanzschaffen; sein Tod markiert für Volkmar Draeger zugleich das definitive Ende des DDR-Tanzes.
Der Herausgeber dankt herzlich Gerlinde Fritzsche, Dr. Volkmar Draeger und seitens des Verlags Paul Tischler für die rechtlichen Genehmigungen. Aus dem Team des Tanzarchivs gilt der Dank für Unterstützung vor allem Miriam Mende, Dr. Martin Mertens, Markus Hoffmann und Dr. Karsten Arnold. Jessica Boglowska und Volkmar Draeger seien für umfängliche redaktionelle Mühen herzlichst bedankt. Dem Team vom Verlag gilt für die Buchrealisation ebenso herzlicher Dank wie dem Dachverband Tanz Deutschland e. V. (DTD) und seinem Geschäftsführer Michael Freundt sowie der Kurt und Gisela Peters-Stiftung für die Förderung dieser Edition.
Während Dietmar Fritzsche (DF) beinah ausschließlich in TdZ publiziert hat, stammen die Texte von Volkmar Draeger (VD) aus TdZ und UK (zwei Zeitschriften des Henschelverlags), ebenso jedoch vielfach aus Tageszeitungen.
1 https://faust.sk-kultur.de/ergebnis_start.fau?prj=tanzarchiv&token=3e5f314b2a583b533a4c76710cdc373f734ac37e3769d37a83c80465c69d30e879f3c30c5d69d3a3c20250725 (zuletzt abgerufen am 05.12.2025).
2 Heide Lazarus (Hg.): Die Akte Wigman /The Wigman File. CD-Rom in Deutsch und Englisch. Eine Dokumentation der Mary Wigman-Schule-Dresden (1920–1942) mit regionalen Archivdokumenten, Prospekten, kompletter Zeitschriftenreproduktion Die Tanzgemeinschaft (1929/30), Hörspielauszug (1932), Kontextbeiträgen in Deutsch und Englisch. Hildesheim, Zürich, New York 2006.
3 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird hier auf die gleichzeitige Verwendung genderspezifizierender Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten selbstverständlich gleichermaßen für alle Geschlechter.
4 Beispielsweise tauschte der Intendant Max Burghardt 1954 die Ballettmeisterin der Berliner Staatsoper, Daisy Spies, gegen die Genossin Lilo Gruber aus. »Sie ist eine ausgezeichnete Choreographin, aber meinen Zielen und Absichten entspricht Lilo Gruber besser.« (Vgl. Max Burghardt: Ich war nicht nur Schauspieler. Erinnerungen eines Theatermannes, Berlin und Weimar 1983, S. 343) Gruber hatte Spies in der Weltbühne vorgeworfen, der Ballettgruppe kein »gründliches Studium des Marxismus-Leninismus und der Lehren Stalins zu vermitteln« und eine »Scheu vor dem deutschen Volkstanz« zu haben. (Vgl. Zur Diskussion: Realismus im Tanz. Hrsg. von der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten, Hauptabteilung Künstlerischer Nachwuchs und Lehranstalten, Dresden o. J., S. 38) Vgl. auch Ralf Stabel: Tanz, Palucca! Die Verkörperung einer Leidenschaft, Berlin 2001, S. 167–170.
5 Beispielsweise erfand Norbert Molkenbur Dokumente für seine Oda-Schottmüller-Biographie. (Vgl. dazu Geertje Andresen: Wer war Oda Schottmüller? Zwei Versionen ihrer Biographie und deren Rezeption in der alten Bundesrepublik und in der DDR, Berlin 2012, vor allem S. 137f.) Oder Eberhard Rebling ›vereinnahmte‹ Valeska Gert als »freches Berliner Proletarierkind« für die Arbeiterklasse (ihr Vater war jedoch Inhaber einer Etagenfabrik, ihr Onkel Bankdirektor mit Villa im Tiergarten und Landgut in Oranienburg, Vorfahren Buchhändler oder Inhaber eines großen Breslauer Delikatessengeschäftes, ihre Tante Marie »mit dem Direktor der Breslauer Spritfabrik verheiratet« mit Villa, großem Park und Equipage). Rebling: Ballett gestern und heute, Berlin 1957, S. 252.


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