Magazin
Unorthodoxer Denker
In Gedenken an den Literatur- und Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn
von Eckart Kröplin
Erschienen in: Theater der Zeit: Safety first – Theater in Zeiten von Corona (05/2020)
Am 23. März verstarb nach kurzer Krankheit im Alter von 84 Jahren der bekannte Literatur- und Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn. Er war ein exzellenter Dramentheoretiker, der auch durch seine unkonventionelle Arbeitsweise beispielgebend wirkte. In aufwendigen Studien, unter anderem durch langwährende und dann intensiv ausgewertete Gespräche mit bedeutenden DDR-Dramatikern wie Heiner Müller und Peter Hacks, gelangen ihm bemerkenswerte Fallstudien zur avancierten Dramenszene des Landes. Sie waren, sachlich und sensibel zugleich, Spiegelbild des spannungsvollen Verhältnisses von Literatur und Theater in der DDR. Fischborns langjährige Tätigkeit als Dozent an der Leipziger Theaterhochschule „Hans Otto“, an der er auch sein Studium absolviert hatte, und später, nach der Wende und der Abwicklung dieser besonderen Lehranstalt, unter anderem an der Leipziger Universität und am Leipziger Literaturinstitut, prägte Generationen von jungen Theaterleuten und Autoren. Seine Vorlesungen erfreuten sich wegen ihrer stringenten Klarheit und unorthodoxen geistigen Beweglichkeit großer Beliebtheit, wie überhaupt er bei Kollegen und Schülern als bekennend linker Demokrat und Humanist im wahrsten Sinne des Wortes geschätzt wurde. Da ihm jegliche ideologische Eingeengtheit fremd war, musste er zu DDR-Zeiten so manche politische Reglementierung erdulden. In den letzten Jahren lebte Gottfried Fischborn in Wiesbaden. Von dort aus bot er unter anderem im Internet Online-Kurse für Szenisches Schreiben an –...