Zur Funktion des propriozeptiven Sinns
Heinrich von Kleist, Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten mit Sonagrammen – Teil b
von Helmut Becker
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)

Anders als bei den ersten drei Varianten weichen die Erscheinungsbilder des dritten und des vierten Diagramms schon auf den ersten Blick deutlich voneinander ab. Im dritten Diagramm (das auf dem zweiten Blatt als linkes Diagramm wieder auftaucht) überwiegt eine »Kompaktheit«, im vierten Diagramm eine ausgeprägte »Durchfurchtheit«; vertikale und horizontale Lücken durchziehen das Klang-Bild. Das bedeutet: ganze Frequenzbereiche des Gesamtspektrums sind klanglich nicht repräsentiert! Die rechts nur angedeuteten Frequenzbänder verbleiben (trotz stimmlicher Anstrengung!) mit einer punktuellen Ausnahme im energetisch schwachen Grünbereich und gehen damit nicht über den Bereich von 35 Hz hinaus.
Das linke Bild imponiert, wie erwähnt, durch ein rot gefärbtes, energiereiches (40–45 dB) und tieffrequentes vertikales Grundton-Frequenzband (170 Hz). Dieses wird flankiert von einem weiteren hochenergetischen Frequenzband (1. Formant) in mittlerer Lage (350 Hz). Im Moment des Stimmeinsatzes wird das Stimmspektrum (horizontal ablesbar), wie schon erwähnt, weit ausgreifend angesprochen, nämlich im Bereich von 120 bis 3960 Hz.
Diese wideness, mit energetischer Betonung auf dem unteren und mittleren Bereich des Stimmspektrums, ist akustisch erfahrbar als reiches und gewichtiges Timbre. Es reduziert sich in der rechten, stimmlich angestrengten Variante auf ein Teil-Spektrum zwischen150 und 1660 Hz. Erkennbar ist lediglich ein schwach angedeuteter, deutlich höher liegender 1. Formant bei 420 Hz. Ein zweiter ist nicht erkennbar. Die blauen Farbwerte ab 1660 Hz sind zwar starkfarbig, repräsentieren aber den allerschwächsten Dezibel-Bereich bis 15 Hz. Dem entspricht die hörbare stimmliche Enge.
Ein ganzkörperlicher Gestus, wie in den vorangehenden Ausführungen skizziert, muss vor oder während des Sprechvorgangs nicht immer praktisch realisiert werden. Es ist jedoch hilfreich, ihn während der Übungsphase real durchzuführen, um sich mit den entsprechenden muskulären Abläufen vertraut zu machen. Bei hinreichender Kenntnis des Ablaufs muss am Ende lediglich, wie von Eugenio Barba anschaulich beschrieben, die muskuläre Initiative in Gang gesetzt werden.
Geübte Sprecherinnen und Sprecher sind dann in der Lage, in der Vorbereitung des Sprechakts die reale Geste, wie bei Barba skizziert, auf deren inneren Bewegungsansatz zu reduzieren, mit den gleichen Auswirkungen auf die Atemmuskulatur.
Interessant bleibt, dass der Klangeindruck der Hörbeispiele des »Umfassens« und des über den Atem vorbereiteten »Anhebens« sich praktisch nicht unterschieden. Hierfür ist vielleicht verantwortlich, dass beim imaginären Vollzug des Umfassens unbewusst ein schwerer Felsblock mitgedacht wurde. So kam bereits beim Umgang mit dem Volumen des imaginären Objekts der »Kraftsinn« (als eine Ausprägung des propriozeptiven Sinnes) und damit eine entsprechende muskuläre Aktivität ins Spiel, wurde das Anheben schon beim Umfassen ansatzweise mitvollzogen.
Eine Differenzierung zwischen Umfassen und Anheben könnte darin gesehen werden, dass das Umfassen eines großen Gegenstands eher durch die zeitliche Dehnung der Äußerung realisiert wird (ähnlich wie im »Sich-Hineinstellen« in der zweiten Version), die tiefere Lage von Grundton und anschließenden Frequenzbändern (mit den entsprechenden Konsequenzen für die dunklere Klangfarbe) dagegen eher auf die körperliche Anstrengung verweist.
Unter Zuhilfenahme einer dem Vorstellungsobjekt angemessenen körperlichen Expansion und die damit einhergehende Erweiterung der Körperinnenräume, vor allem des Vokaltrakts, und über die Aktivierung des propriozeptiven Sinnes kann es also gelingen (wenn auch in der vorliegenden Versuchsanordnung noch nicht in klar differenzierter Weise), Umfang bzw. Gewicht eines ausgedehnten schweren Objektes ansatzweise stimmlich erfahrbar zu machen. Im Diagramm bildete sich die muskuläre Aktivität des Hebens/Umfassens ab in der tieferliegenden Position der Frequenzbänder sowie der messbaren zeitlichen Ausdehnung der untersuchten Silbe. Wurde der Vorgang des Anhebens allerdings, wie in der vierten Variante, nicht über die Atmung und eine entsprechende Erhöhung der körperlichen Bereitschaftsspannung vorbereitet, war lediglich eine deutliche körperliche Anstrengung hörbar (und im Diagramm als deutliche eingeschränkte Kontinuität/Ausdehnung des Klangspektrums sichtbar), was von sich aus wenig über das Objekt aussagt, an dem sich die körperliche Aktivität erprobte [...].





















