Theater der Zeit

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Recherchen 177

Die Leiblichkeit der Texte

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Assoziationen: Helmut Becker

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Einleitung

Beschleunigungszwänge – Gestaltungsdruck Wie andere Berufsfelder auch wird in der Gegenwart der Beruf des Schauspielers/der Schauspielerin von den Beschleunigungszwängen der Moderne erfasst. Die Stadttheater kämpfen mit Finanzierungsproblemen und reagieren darauf mit verkleinerten Ensembles, während der Produktionsdruck sich steigert. Gerade Darsteller und Darstellerinnen im Anfängerengagement sehen sich häufig einer rigiden Leistungserwartung ausgesetzt, welche ihnen bei verkürzten Probenzeiten eine hohe Selbstständigkeit im Umgang mit Theatertexten abverlangt. In der Schauspiel- und Regieausbildung spiegelt sich diese Beschleunigungstendenz in einem gestiegenen Gestaltungsdruck der Studierenden beim Umgang mit Sprechtexten. Die Sprechausbildung an Schauspielschulen muss sich zu dieser Entwicklung verhalten. Sie wird die steigenden Anforderungen an körperliche und stimmliche Performanz berücksichtigen und Ausbildungsschwerpunkte setzen bei Leistungsstimme, Tragfähigkeit und Wirkungsbewusstsein. Damit folgt sie konsequent einer von der zeitgenössischen …

  • Danksagung

    Mein erster Dank gilt meiner Doktormutter Gabriela Paule, die aus eigener Theaterpraxis heraus den Praxisschwerpunkt dieser Arbeit verstanden, begrüßt und unterstützt hat. Ihre von Anfang an wohlwollende, mutmachende, kritische und …

1. Beschleunigung und Eigenzeit

  • 1. Beschleunigung und Eigenzeit

    Lebensbedingungen heutiger Sprechausbildung Was Sprechpädagogik an Schauspielschulen zu leisten hat, entscheidet sich, so könnte man sagen, jeden Tag vor Ort: im Unterricht, bei der Begleitung szenischer Arbeiten und von Schauspielprojekten. …

2. Körperlichkeit und Leiblichkeit – eine theoretisch-didaktische Orientierung

  • 2.2. Elemente eines Leiblichkeitskonzepts

    In zweien seiner bekanntesten Werke, dem ersten Buch seiner Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (1913) wie auch in den 1929 in Paris gehaltenen Vorträgen, die später als …

  • 2.3. Lesen: Der fiktive Verkehr mit den Gegenständen

    2.3.1. Das Stellen dummer Fragen: Didaktische Perspektiven Studierende haben, verständlicherweise, Angst davor, im Unterricht »dumme Fragen« zu stellen. Dozierende freuen sich in der Regel über jede studentische Frage, weil sie …

  • 2.4. Beziehung zum Raum I: Kinästhese und Appräsentation

    Unterrichtssituation III: Mit der Stimme die Königsloge erreichen Dritter Ausbildungsmonat für den ersten Jahrgang. Wegen der Corona-Pandemie haben die Unterrichtsstunden in den ersten beiden Monaten digital stattgefunden. Dabei fällt auf, …

  • 2.5. Beziehung zum Raum II: Die »Tiefe«

    Unterrichtssituation IV: Conrad Ferdinand Meyer: Napoleon im Kreml – Rezitation vor tausend Sitzen Ein Gutes hat der monatelange Theaterlockdown: Das Große Haus des Prinzregententheaters steht öfters als sonst für den …

  • 2.6. Eigenleibliches Spüren

    Unterrichtssituation V: Einzelstunde Sprechen, Franz Kafka: Die Abweisung Mit einer Schauspielstudentin des zweiten Jahres arbeite ich an Franz Kafkas Kurzerzählung Die Abweisung. Es handelt sich um einen Dialog, den ein …

  • 2.7. Erzählen und Beschreiben

    2.7.1. Sechste Studentenfrage: Wie kann man Beschreibungen lebendig sprechen? Unterrichtssituation VI: Tankred Dorsts Merlin: Umgang mit schwer zugänglichen Textvorlagen Im Rahmen einer szenischen Probenarbeit, noch häufiger im Verlauf eines Schauspielprojekts …

  • 2.9. Transformative Phänomenologie

    2.9.1. Rolf Elberfeld zur Koexistenz divergierender Theorieansätze Trägt die Einbeziehung neuer Sinneserfahrungen bei der Erschließung und Gestaltung literarischer Texte für sich schon Übungscharakter, so steigert sich das Übungsmoment für die …

  • 2.10. Rückblick und Ausblick

    2.10.1. Intentionaler und nicht-intentionaler Verständnishorizont: ­Didaktische Perspektiven In einem einleitenden Abschnitt dieses Kapitels (2.1.6.) wurde zwischen einem intentionalen und einem nicht intentionalen Weltzugang unterschieden, und es wurden Parallelen zum Schauspielerberuf …

3. Hören lernen. Auditive Analyse dreier Hörbücher

  • 3. Hören lernen. Auditive Analyse dreier Hörbücher

    Studierende müssen natürlich vor allem ins Theater gehen, um Hören zu lernen. Das Ohr schärft sich am überzeugenden Ausdruck bewunderter Darstellerinnen und Darsteller, denen man ihr Können abzulauschen versucht. Ebenso …

4. Sinnfassendes Lesen

  • 4.1. Äußere und innere Vorbedingungen

    Wortbedeutungen und Satzsinne Im Kapitel »Hören lernen« stand die »sprachlautliche Schicht« im Vordergrund des Interesses; im kommenden Kapitel wird – Ingardens zweiter Schicht des literarischen Kunstwerks entsprechend – der gedankliche …

  • 4.2. Satzgliederung nach Sinnschritten

    So wie in Shakespeares Balkonszene der fünfhebige Jambus sich beim Vorlesen zunächst in den Vordergrund drängte, so vermag auch in Prosatexten das Druckbild eine hörbare Autorität auszuüben, die beim Vorlesen …

  • 4.3. Satzgliederung nach Thema und Rhema

    In einer Fernsehdokumentation über den Bariton Christian Gerhaher erleben wir ihn als Gesangsdozenten an der Münchner Musikhochschule.17 Die Sopranistin Katja Stüber stellt ihm eine Zeile aus der zweiten Strophe von …

  • 4.4. Satzbetonung

    Wenn Studierende angeben sollen, was sie im Deutschunterricht über das Vorlesen von literarischen Texten gelernt haben, herrscht meistens eine gewisse Ratlosigkeit. Kaum jemand vermag ausdrücklich anzugeben, was ihm in dieser …

  • 4.5. Prosodische Variationen

    4.5.1. Hörgewohnheiten und Satzstellung Wir wollen nun ein – zugegebenermaßen etwas ungebräuchliches – Sprichwort ins Auge fassen: Es ist nicht jeder ein Schmied, der ein Schurzfell trägt. Es entstammt Heinz …

  • 4.6. Betonung in komplexen Satzgefügen

    Spätestens bei der ersten Begegnung mit einem Klassiker wird verständlich, wozu wir uns den oben skizzierten Übungen unterzogen haben. Ein Verständnis der Thema-Rhema-Struktur und ihrer Konsequenzen für die Satzintonation sind …

  • 4.7. Thema-Rhema-Gliederung und Satzbetonung

    Wenden wir uns nun einem prominenten philosophischen Text zu: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines eigenen Verstandes ohne Leitung eines …

  • 4.8. Techniken des Texterwerbs: Diktieren und Memorieren

    4.8.1. Diktieren Zu Beginn der Arbeit an einem literarischen Text sind wir, was das »Vergrößern« angeht (damit ist gemeint: ein gestisch entschiedener, raumfüllender Textvortrag), oft eher vorsichtig. Das ist verständlich. …

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5. Atemqualitäten

  • 5. Atemqualitäten

    Man könnte erwarten, dass sich an dieser Stelle, nach den vorangegangenen sprechwissenschaftlichen Überlegungen zur Texterschließung und Textgestaltung, und vor der Untersuchung einzelner literarischer Textbeispiele, ein Kapitel über Stimmtraining anschließt. Das …

  • 5.1. Atemweite

    Atemweite stellt sich bei jedem ungestörten Einatmungsvorgang ein. Je nach seelischer Gestimmheit sowie den persönlichen Atmungsgewohnheiten des Einzelnen wird sie verstärkt im Brustkorb, unter den Rippen, im unteren Rücken, in …

  • 5.2. Atemfluss

    Diese Atemqualität scheint so selbstverständlich mit dem alltäglichen Lebensvollzug verbunden zu sein, dass man fragen könnte, welche Übungsnotwendigkeiten hier vorliegen. Johann Wolfgang von Goethe hat diesem Urvorgang alles Lebendigen 1813 …

  • 5.3. Atembeweglichkeit

    Sie ist im Alltag eine der unauffälligsten Atemqualitäten. Solange wir mit der Umwelt im Einklang sind, uns in vertrauter menschlicher und räumlicher Umgebung befinden, bewegt sich der Atem unaufwendig, verbindet …

  • 5.4. Atemimpuls

    Werden bei einem Darsteller oder einer Darstellerin klare Spielimpulse vermisst, so liegt es zunächst nahe, die einem Text zugrunde liegenden Aktionsimpulse herauszuarbeiten oder, wie es häufig formuliert wird, am »Untertext« …

  • 5.5. Atemelastizität/Automatische Luftergänzung

    Eine immer wiederkehrende Situation im Ausbildungsalltag von Schauspielstudierenden: szenischer Unterricht. Die Darstellerin oder der Darsteller proben einen Monolog oder eine Szene, Schauspieldozentin und Sprechpädagoge schauen zu, bemerken, dass der (oder …

  • 5.6. Atemspannung

    Wenn Schauspielstudierende im Probenprozess auf hohem Erregungsniveau miteinander in Kontakt treten, erlebt man oft deren körperliche Verfassung am eigenen Leibe mit. Man kann dann unter Umständen an sich selber beobachten, …

  • 5.7. Atemduktus

    »Duktuswechsel«, d. h. ein Wechsel in der Atemführung, organisiert einen Text in ähnlicher Weise, wie sich in einem figürlichen Gemälde – über Vordergrund und Hintergrund – eine dritte Dimension einstellt. …

  • 5.8. Atemsäule

    Was die Atemsäule für uns bedeutet, merken wir, wenn sie uns fehlt. Wer seinen Atem und seine Stimme über längere Zeit hin durch Training entwickelt hat, bekommt ein differenziertes Empfinden …

  • 5.9. Atem und Emotion

    Der Beginn von Antonin Artauds kurzem, aber äußerst dichtem Text Eine Gefühlsathletik aus dem Aufsatzband Das Theater und sein Double weist mit der Metapher des Gefühls-Athleten auf die Möglichkeit, ja …

6. Textgestaltung und Welterschließung

  • 6. Textgestaltung und Welterschließung

    Präsenzwirkung des Textes Was eint die Texte der folgenden Unterkapitel Sinnlichkeit, Räumlichkeit, Atmosphäre, Zeitlichkeit, Selbstbeziehung? Was macht es notwendig, sie in diesem Zusammenhang und unter diesen Oberbegriffen zusammenzustellen? Die genannten …

  • 6.1. Sinnlichkeit

    Kunstobjekt und Eigenwahrnehmung Wer im zweiten Stock des großzügig angelegten K21 (Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 21. Jahrhundert) in der Düsseldorfer Innenstadt den Kunstraum der Installationskünstlerin Rosemarie Trockel betritt, stößt auf ein diagonal …

  • 6.2. Räumlichkeit

    Innere Visualisierung, räumliche Dimensionierung Was hat es mit diesem Titel auf sich? Texte, so sollte man meinen, sind doch explizit zeitliche Gebilde. Sie rufen bei intensivem Lesen vielleicht Vorstellungsbilder in …

  • 6.3. Atmosphären

    Theatersituation 1: Hinter dem Eisernen Vorhang heult der Sturm. Stefan Hunstein kämpft sich durch die Tür auf die Bretter der kargen Vorderbühne; an seinen Haaren, an Windjacke und Kniebundhose haften …

  • 6.4. Zeitlichkeit

    Der junge Mann, der in der zweiten Runde der Schauspiel-Aufnahme­prüfung gerade den »Rattengift« spielt, einen jungen Dichter mit Schreibblockade aus Christian Grabbes Scherz, Satire und tiefere Bedeutung, macht seine Sache …

  • 6.5. Selbstbeziehung

    Textvortrag: Echo des Textes oder Selbstausdruck? In dem folgenden Zitat, das in der Einleitung schon zitiert wurde, macht Hartmut Rosa die Vertrautheit mit sich selbst davon abhängig, dass der Mensch …

7. Präsenz und Repräsentation

8. Schlussbetrachtung

  • 8. Schlussbetrachtung

    Im Nachdenken darüber, welche Unterrichtssituation dem Schreibimpuls für diese Arbeit am meisten Nahrung gab, ließe sich tatsächlich ein bestimmter, wiederkehrender Moment innerhalb des Unterrichtsablaufs benennen. Er ist durch etwas gekennzeichnet, …

  • Literaturverzeichnis

    Aderhold, Egon: Das gesprochene Wort. Sprechkünstlerische Gestaltung deutschsprachiger Texte, Berlin 1995: Henschel. ders.: »Künstlerisches Sprechen = Gekünsteltes Sprechen? Ein Beitrag zum Thema ›Freisprechen‹ und ›Nachsprechen‹«, in: Horst Gundermann: Die Ausdruckswelt …

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