2 Konzeptionelle Aspekte der Produktion Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch in der Regie von Volker Lösch am Theater Basel
von Julia Kiesler
Erschienen in: Recherchen 149: Der performative Umgang mit dem Text – Ansätze sprechkünstlerischer Probenarbeit im zeitgenössischen Theater (09/2019)
Der zweite beobachtete Probenprozess fand vom 9. Januar bis 27. Februar 2014 im Rahmen der Inszenierung Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch in der Regie von Volker Lösch am Theater Basel statt. Im Gegensatz zum Workshop von Laurent Chétouane gibt es hier eine klar deklarierte Konzeptionsprobe, die sich am ersten Probentag zwischen 11 und 14 Uhr auf einer externen Probebühne des Theaters Basel ereignet. Im Folgenden seien zunächst einige Details dieses ersten Treffens des Regisseurs mit einem Großteil des Ensembles beschrieben.
2.1 Die Konzeptionsprobe
Es sind neben dem Regisseur Volker Lösch die fünf an der Produktion beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler (David Berger, Andrea Bettini, Claudia Jahn, Cathrin Störmer, Jan Viethen), der Dramaturg (Christoph Lepschy), die Bühnenbildnerin (Sarah Roßberg), die Kostümbildnerin (Teresa Grosser), der Regieassistent, ein Musik- und Sounddesigner, der Inspizient, die Souffleuse, verschiedene Assistenten und Assistentinnen, Hospitierende der Regie, der Dramaturgie, des Kostüm- und Bühnenbildes, sechs Schauspielstudierende der Hochschule der Künste Bern des ersten und zweiten Jahrgangs des Studienbereichs Theater sowie meine Person anwesend, insgesamt ca. 25 Personen. Ein großer Stuhlkreis ist aufgebaut, zunächst stellen sich alle kurz vor. Anschließend erläutern Volker Lösch und der Dramaturg Christoph Lepschy die Konzeption ihrer Inszenierung Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Verhältnis der Schweizerinnen und Schweizer zu den in der Schweiz lebenden Fremden, den Migrantinnen und Migranten. Es liegen für jeden der an der Inszenierung Beteiligten zwei Arbeitsexemplare zum Mitnehmen aus, die eine Textfassung von Volker Lösch und Christoph Lepschy sowie eine Materialiensammlung mit verschiedenen Artikeln zu Max Frischs Person und Werk und Artikel zum Thema „Die Biedermänner der Schweiz“ enthält. Regisseur und Dramaturg haben sich unter Mithilfe eines schweizerischen Dramaturgieassistenten, der sich als Spezialist für politische Themen der Schweiz und deren Migrationsthematik erweist, umfassend und intensiv auf den Inszenierungsprozess vorbereitet. Sie stellen das Stück von Max Frisch, das 1958 am Zürcher Schauspielhaus uraufgeführt wurde, in einen klaren politischen Kontext und lesen es als Alptraum. Auf das Stück sind sie über die Beschäftigung mit dem Thema Migration gestoßen. Zuerst stand also ein Thema für die Theaterproduktion in Basel fest, danach entschied man sich für das Stück (vgl. Kiesler, Probenprotokoll 2014-01-09, 1).
Die zentrale Frage, die bereits seit der Entstehung des Stücks um selbiges kreist und die auch vom Regieteam angesprochen wird, lautet: Wer sind die Brandstifter? Max Frisch äußert sich 1978, zwanzig Jahre nach der Uraufführung des Stücks, selbst und bezeichnet die Brandstifter als die Dämonen der Angst des Gottlieb Biedermann. „Ich meine: die beiden gehören in die Familie der Dämonen. Sie sind geboren aus Gottlieb Biedermann selbst: aus seiner Angst, die sich ergibt aus seiner Unwahrhaftigkeit.“ (Max Frisch zit. nach: Hage 2011, 86) Wie Volker Lösch auf der Konzeptionsprobe erwähnt, werden die Brandstifter in seiner Inszenierung als zwei Migranten dargestellt.
Zunächst geht der Regisseur auf die Textfassung ein, die als Textbuch vorliegt. Die Basis bildet das Stück Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch. In das Stück wurde zusätzliches Textmaterial eingebaut. Den ersten Text bildet das stark gekürzte Gedicht Die Alpen von Albrecht von Haller, das nach Löschs Aussage die Ideologie der Schweiz im Sinne der Formel „Fortschritt durch Verharren“ oder den drei großen Schweizer Themen „Natur“, „Vernunft“ und „Freiheit“ sehr gut zum Ausdruck bringt (vgl. Kiesler, Probenprotokoll 2014-01-09, 1). Volker Lösch plant, dieses Gedicht im ersten Bild der Inszenierung mit großer Stimmengewalt durch einen ca. 14- bis 16-köpfigen Chor sprechen zu lassen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen, so Lösch auf der Konzeptionsprobe, das Gedicht nur hören und sich dem Thema zunächst über den Text nähern. Darüber möchte der Regisseur ein Fantasiebild aufbauen, das manche Schweizer durch „die Fremden“ bedroht sehen und das im Folgenden der Inszenierung zum Einstürzen kommen soll.
Weiterhin zusätzliches Textmaterial soll durch einen sogenannten Chor der Inländer generiert werden. In Max Frischs Stück gibt es den „Chor der Feuerwehrmänner“, der kommentiert und belehrt. Diese Chorpassagen werden in gekürzter Form vom „Chor der Inländer“ gesprochen. Der Chor wird von den sechs Schweizer Schauspielstudierenden der Hochschule der Künste Bern gebildet und steht symbolisch für eine Gruppe von Schweizer Jungkonservativen. Die Chortexte des Stücks von Max Frisch sollen mit nationalistischen bzw. ausländerfeindlichen Kommentaren, die das Regieteam gemeinsam mit den Studierenden aus verschiedenen Quellen zusammenstellt, ergänzt werden (vgl. S. 146 ff.). Schließlich gibt es den sogenannten Chor der Migrantinnen und Migranten, der so in Frischs Stück nicht vorkommt und aus 14 Frauen und Männern aus den unterschiedlichsten Nationen besteht. Die Laien leben alle mit einem Migrationshintergrund in der Schweiz. Mit ihnen wurden bereits im Vorfeld der Probenarbeiten Interviews geführt, aus denen man wiederum neues Textmaterial für die Inszenierung gewinnt. Die Migrantinnen und Migranten wurden zu ihrer Lebenssituation in der Schweiz befragt und werden als Chor innerhalb der Inszenierung zu Wort kommen (vgl. Kiesler, Probenprotokoll 2014-01-09, 1 f.).
Es geht in dieser Konzeptionsprobe vor allem um die Einführung in das Thema „Migration“. Es werden vom Regisseur und Dramaturgen Zitate aus verschiedenen Büchern und Zeitschriften vorgelesen, Videoausschnitte werden gezeigt, Erfahrungen mit dem Thema Ausländerfeindlichkeit werden vom Regisseur berichtet. Außerdem werden die Kostüme und das Bühnenbild vorgestellt. Diesbezüglich soll es räumliche Abstraktionen geben, da das Stück keine realistische Spielweise provoziert. Die Chöre werden vom Chorleiter Bernd Freytag erarbeitet, mit dem Volker Lösch seit seiner bekannt gewordenen Orestie-Inszenierung am Staatsschauspiel Dresden im Jahr 2003 zusammenarbeitet.
2.2 Konzeptionelle Entscheidungen
Zunächst ist geplant, den „Chor der Migrantinnen und Migranten“ am Ende des Stücks innerhalb eines dreißigminütigen Blocks auftreten zu lassen, sozusagen als Gegenstimme des Geschehenen. Diese Idee wird nach drei Wochen Probenzeit auf der Probe am 28. Januar 2014 geändert. Es sei an dieser Stelle bemerkt, dass das Regieteam von Beginn an Schwierigkeiten mit der Bezeichnung dieses Chors hat, da die verschiedenen Mitglieder einen unterschiedlichen Aufenthaltsstatus haben. Einige von ihnen sind eingebürgert und besitzen den Schweizer Pass, andere leben als Migrant/-innen in der Schweiz, wiederum andere haben als Flüchtlinge eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. So gibt es immer wieder unterschiedliche Bezeichnungen von allen Beteiligten, z. B. ist die Rede vom „Chor der Ausländer“, vom „Migrantenchor“, schließlich von „Chor 1“, dessen Bezeichnung ich im Folgenden vorrangig übernehme. Im Programmheft (vgl. Theater Basel 2013/14, Programmhaft, 5) wird dieser „Chor 1“ als „Chor der Ausländer/innen, Papierlischwyzer/innen, Migranten/innen, Flüchtlinge, Einwanderer, Second@s, Nichtschweizer/innen etc.“ betitelt. Die Bezeichnung „Chor 1“ erfolgt in Gegenüberstellung zum „Chor 2“, dem „Chor der Inländer“, der von den Studierenden der Hochschule der Künste gebildet wird und dem „Chor der Feuerwehrleute“ aus Frischs Stück entspricht. Für diesen Chor wird im Folgenden ebenfalls die Bezeichnung „Chor 2“ übernommen.
Nach drei Wochen Probenzeit kommt das Regieteam zu dem Schluss, „Chor 1“ in das Stück bzw. zwischen die einzelnen bis dahin existierenden 26 Bilder der Textfassung zu integrieren. Ein Auszug aus dem Probenprotokoll vom 28. Januar 2014 beschreibt die Begründung der Entscheidung wie folgt:
Zum einen wird durch eine Gegenüberstellung der Texte der beiden gegenpoligen Chöre der Diskurs um das Thema Migration in der Schweiz verstärkt. Die Texte des „Inländerchores“ sind teilweise starke Hetzkampagnen gegen Ausländer und werden als Warnrufe an die Bürger inszeniert. Hierauf folgen dann Texte der Ausländer, die zum Teil von ihrem Anpassungsdruck berichten, wodurch man als Zuschauer den Eindruck bekommt, die „Hetzkampagnen der SVP“ (Schweizerische Volkspartei) wirken sich selbst bis in die Gedanken der Ausländer aus. Auf der anderen Seite gibt es auch klare Gegenpositionen durch den „Chor der Migranten“. Hier werden dann zwei Seiten gegenübergestellt. Zum anderen gibt es drei unterschiedliche Ebenen innerhalb der gesamten Inszenierung. Es gibt die Profis, die Schauspieler/-innen, es gibt die angehenden Profis, die Schauspielstudierenden, die ihre Chöre sehr perfektionistisch arbeiten werden und es gibt die Laien, mit eingeschränkten Deutschkenntnissen und einer geringeren chorischen Spannung. Diese Ebenen zu vermischen wäre aus Löschs Sicht für die Zuschauer sicherlich interessanter und auch unterhaltsamer als ein Chor am Ende, der nach zehn Minuten mit seiner Spannung abbaut. (Kiesler, Probenprotokoll 2014-01-28 II, 1)
Volker Lösch und Christoph Lepschy arbeiten daraufhin verstärkt an einer neuen Textfassung, die auf der Probe am 31. Januar 2014 mitsamt den integrierten Textpassagen des Chors 1 ausgegeben wird.
Zu weiteren gravierenden Entscheidungen, die Einfluss auf die gesamte Inszenierung haben, kommt es nach dem Volksentscheid in der Schweiz am 9. Februar 2014. Eine knappe Mehrheit des Schweizer Volkes stimmt an diesem Tag mit 50,3 Prozent der von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) initiierten Volksinitiative „Gegen Masseneinwanderung“ zu. Die Initiative verlangt einen Systemwechsel in der Zuwanderungspolitik. Sie will die Zuwanderung begrenzen, indem der Staat Höchstzahlen für Bewilligungen im Ausländer- und Asylbereich festlegen soll. Das Abstimmungsergebnis sorgt europaweit für heftige Debatten und wird auch innerhalb des Produktionsteams sowie darüber hinaus am Theater Basel kritisch diskutiert. Der aktuelle gesellschaftspolitische Bezug des Stücks wird mit diesem Abstimmungsergebnis in noch größerem Maß verstärkt. Volker Lösch greift es thematisch innerhalb der Inszenierung auf. Neue Texte für den Chor 2 werden vom Regisseur geschrieben, aber auch einzelne Aussagen der Teilnehmer/-innen des Chors 1 zur Abstimmung fließen als Textmaterial ein. Es gibt szenische Änderungen, die eine Verschärfung und Zuspitzung der Handlung herbeiführen, beispielsweise das symbolische Anzünden des Chors 1 am Ende des Stücks. Vom Produktionsteam wird eine Stellungnahme der Mitarbeitenden des Theaters Basel initiiert, die im Anschluss an die Premiere als deutliche Position gegen das Abstimmungsergebnis chorisch verlesen wird. Weiterhin veröffentlicht Volker Lösch einen Artikel in der Schweizerischen Tageszeitung Tages-Anzeiger vom 13. Februar 2014, in dem er sich an die 49,7 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer wendet, welche die Initiative abgelehnt haben (vgl. Lösch 2014, 9 sowie Theater Basel 2013/14, Programmheft, 18 ff.). In diesem Artikel stellt der Regisseur Fragen, warum sich keiner wehrt, warum es keine Proteste gibt, wo die Stellungnahmen der Intellektuellen und der Künstler/-innen sind. Hier wird deutlich, dass für den Regisseur die gesellschaftspolitische Relevanz von Theater stets an erster Stelle steht.
Auch die Zeichnungen der Videoprojektionen, die zwischen den einzelnen Bildern – meist in Verbindung mit Chor 2 – auf einem sogenannten Decker, also einer großen Opera-Leinwand zu sehen sind, werden nach dem Volksentscheid erweitert und zugespitzt. Zwei Beispiel-illustrationen von Giovanna Bolliger befinden sich im Anhang (vgl. Anhang 3, Abbildung 4 und 5). Im Probenprotokoll heißt es dazu:
Die Zeichnungen tragen einen stark satirischen Charakter, sollen extrem und geschmacklos sein. Volker Lösch ist sich darüber bewusst, dass diese Zeichnungen Provokationen auslösen werden, aber das sei auch das Ziel. Nicht zu provozieren, aber ins Gespräch zu kommen bzw. das Publikum zum Reden anzuregen. (Kiesler, Probenprotokoll 2014-02-14 II, 5).
Die Illustrationen konstituieren einen Gedankenraum und treiben ein gesellschaftliches Bewusstsein auf die Spitze. In ihrer Überhöhung und Satire begründet sich zugleich die Kritik daran.
2.3 Drei situative Ebenen
Die Integration des Chors 1 in den Stückablauf bringt drei situative Ebenen der Inszenierung sowie eine zusätzliche „Stück-im-Stück-Situation“ bzw. die Ebene des „dritten Stücks im Stück“ hervor. Die Fabel Biedermann und die Brandstifter wird auf Inszenierungsebene vom Chor 2 erzählt, dem sogenannten Chor der Inländer. Die Handlung des Stücks wird immer wieder durch kommentierende Einlagen des Chors 2 unterbrochen. Auf diese Weise bedient die Inszenierung Frischs Lehrstück und etabliert ein Stück im Stück.
In diesen Ablauf bricht nach dem dritten Bild der endgültigen Inszenierungsversion (vgl. Lepschy/Lösch, Textfassung 25. Februar 2014, 6) die Realität des Chors 1 ein, der im folgenden Verlauf die Handlung des Stücks ebenfalls immer wieder unterbricht. Die Einlagen beider Chöre thematisieren die Migrationsproblematik aus unterschiedlichen Perspektiven. Im Unterschied zu Chor 2 übernimmt Chor 1 dabei keine Theaterrolle, sondern präsentiert eine Stimme des Realen. Hier bricht die Realitätsebene der Theatersituation in die dramatische Wirklichkeit des Stücks ein. Die Laien sind „echt“, sie verkörpern keine Figuren, sondern vertreten eine (ihre) Stimme. Damit bekommt die Inszenierung, neben der epischen Anordnung im Sinne Brechts, eine zusätzliche performative Dimension. Max Frisch fand für sein Stück Anregungen in der Theorie bzw. im Theater von Bertolt Brecht. Auch er wollte kein Illusionstheater und wünschte sich im Sinne Brechts eine Distanz des Publikums zum Bühnengeschehen (vgl. Hage 2011, 87 f.). Laut Hage bezeichnete Max Frisch die Biedermann-Geschichte selbst einmal als Musteraufgabe für ein episches Theater (vgl. ebd. 88).
Aber zugleich hat er dem Theaterstück den Untertitel Ein Lehrstück ohne Lehre gegeben und sich damit bewusst von Brecht abgesetzt. Auch wenn Frisch viele Elemente des Verfremdungstheaters aufgreift (etwa die Ansprache an das Publikum, das Heraustreten der Figuren aus der Handlung), so ist bei ihm doch etwas ganz anderes daraus entstanden als Brecht’sche Dramatik. Frisch sucht auf dem Theater Fragen zu präzisieren, Brecht wollte bestimmte Antworten provozieren. (ebd.)
Auffällig ist, dass sich innerhalb der Inszenierung von Volker Lösch mehrere Situationen überlagern. Der Aktionsraum ist in drei Ebenen unterteilt. Die Choristinnen und Choristen des Chors 1 sitzen in der ersten Zuschauerreihe. Sprechen sie, wenden sie sich dem Publikum zu, ansonsten verfolgen sie das Stück auf der Bühne. Auf einer zweiten Ebene, die zum Zuschauerraum etwas erhöht ist und als Vorderbühne bezeichnet wird, spielen sich die Aktionen des Chors 2 ab. Die dritte Ebene ist noch einmal stark erhöht und als Guckkastenbühne konzipiert. Hier spielen sich die Szenen zwischen den Figuren Herr und Frau Biedermann, dem Dienstmädchen Anna und den beiden Brandstiftern ab. Zwischen Ebene zwei und drei kann eine große Leinwand gezogen werden, auf die verschiedene Bilder projiziert werden (vgl. Anhang 3, Abbildung 6–8).
Während die Figuren des Stücks auf der dritten Ebene innerhalb von dramatischen Situationen agieren, treten die beiden Chöre innerhalb einer aktuellen Kommunikationssituation in den direkten Kontakt mit den Zuschauerinnen und Zuschauern. Chor 2 als Erzähler und Kommentator des Stücks verbleibt dabei jedoch innerhalb der Bühnensituation und agiert als Chorfigur. Er warnt das Publikum und statuiert anhand Biedermanns Verhalten, der zwei Fremdlinge einlässt, die am Ende sein Haus anzünden, ein Exempel. Die Aussage des Chors 2 lautet: „Wenn ihr nichts dagegen unternehmt, geschieht euch das gleiche wie Herrn Biedermann.“ Damit wird auf die Argumentationsstrategie der SVP bzw. jeglicher Propaganda aufmerksam gemacht, welche die Angst des Volks durch die Macht der Bilder (Werbung, Plakate, Slogans) schürt, sodass es diese rassistische Denkweise in seine eigene übernimmt. Dem gegenüber steht die andere Seite, die Sicht der Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz leben. Die Laien des Chors 1 befinden sich zunächst im Zuschauerraum innerhalb der aktuellen Situation des Theaters und sind nicht Teil der Bühnenhandlungen. Erst in dem Moment, in dem sie die Bühne betreten, bekommen sie Symbolcharakter. Hier beginnt ihr Spiel. Die räumliche Veränderung verändert ihre Situation. Sie unterbrechen nicht mehr den Stück- bzw. Spielablauf, sondern werden ein Teil davon. Zu Beginn äußern sie sich innerhalb ihrer Texte sehr wohlwollend, zunehmend werden aber auch Probleme angesprochen. Gleichzeitig werden sie dabei mutiger. Sie erheben sich nicht mehr nur aus den Theaterstühlen in der ersten Reihe, sondern sie beginnen auf ihre Stühle zu steigen, ein Bein auf die Stuhllehne zu stellen, sich auf die Bühnenrampe zu setzen. Am Ende stehen sie sogar im Rampenlicht auf der Bühne, wo sie aus der Sicht des Chors 2 nicht hingehören. Sie nehmen sich immer mehr Raum und agieren zunehmend selbstbewusster.
So entstehen zwei gegensätzliche Perspektiven: Einerseits gibt es die Eindringlinge in den Szenen des Stücks, gegen die nichts unternommen wird und die am Ende Biedermanns Haus anzünden. Andererseits wird der fremdenfeindliche Chor, der die ganze Zeit vor dieser Situation warnt, selbst zu einem Brandstifter, weil er sich gezwungen sieht, etwas zu unternehmen. Der Dramaturg Christoph Lepschy deckt diesen Sachverhalt für die Choristinnen und Choristen beider Chöre in einem Gespräch auf der Probe am 14. Februar 2014 auf, indem er sagt:
Wenn dem Volk über eine lange Zeit propagiert wird, die „Ausländer“ seien Schuld an der Übersiedlung, was die Umwelt zerstört oder sie nehmen den Schweizern die Arbeitsplätze weg, Kriminalität geschehe immer in Verbindung mit Ausländern etc., dann führt das unter Umständen zu einem Akt der Aggression im Volk, welches nun selbst zu Brandstiftern wird. Das Stück selbst wird zur Brandstiftung. (Lepschy in: Kiesler, Probenprotokoll 2014-02-14 II, 6)
Der „Chor der Inländer“ entscheidet sich am Ende der Inszenierung, ausgelöst durch die Katastrophe im Biedermann-Stück, für die symbolische Vernichtung der Ausländerinnen und Ausländer. Diese Vernichtung ist keinesfalls als ausländerfeindliche Aussage zu werten, welche die Inszenierung treffen möchte, sondern als gesellschaftlicher Spiegel. Auf diese Weise deckt die Inszenierung die Strategie und Gefahr propagandistischer Argumentationsweisen auf bzw. thematisiert sie.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Volker Lösch und sein Team mit einem ausgearbeiteten und durchdachten Inszenierungskonzept in die Probenarbeit einsteigen. Dieses Konzept wird jedoch im Verlauf des Probenprozesses durch konzeptionelle Entscheidungen verändert, insbesondere um auf eine verschärfte gesellschaftspolitische Situation zu reagieren. Darüber hinaus führen konzeptionelle Entscheidungen zur Etablierung dreier Darstellungsebenen: einer dramatischen, einer epischen und einer performativen. Im Vordergrund der Inszenierung steht die Auseinandersetzung mit einem inhaltlichen Thema, in diesem Fall mit dem Thema „Migration“.
















