Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Subversive Affirmation – Performances von Julian Hetzel (01/2020)
Verlag der Autoren. Ende der neunziger Jahre. Vor Lektorin Marion Victor liegt ein Manuskript, das die spätere Geschäftsführerin vor eine Herausforderung stellt. Er könne sich noch gut daran erinnern, berichtet der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, wie Marion Victor am Telefon zu ihm gesagt habe: Das sei ja alles wirklich sehr interessant, aber sie sei nicht sicher, ob sie es verantworten könne, im Verlag der Autoren ein Buch zu machen, das die Rolle des Autors so offenkundig geringschätze. Sie konnte! Zum Glück. Denn Hans-Thies Lehmanns vor genau zwanzig Jahren erschienene Studie „Postdramatisches Theater“ habe vielen den Hals gerettet, wie René Pollesch auf der Jubiläumsveranstaltung in der Akademie der Künste Berlin (AdK) Ende November 2019 erklärte. Zuvor galt nur schwerlich als Theater, was so manch ein Theaterneudenker auf der Bühne mit Licht, Körper, Sprache, Medien, Zeit und Raum veranstaltete. Lehmanns Standardwerk gab diesen Spielarten des Theatralischen eine theoretische Legitimation.
Seit Erscheinen des „Postdramatischen Theaters“ ebbten die Diskussionen freilich nicht ab. Was ist Performance? Was klassisches Schauspiel? Die Wellen schlugen hoch. Auch jetzt gelte es, schreibt Jakob Hayner in seinem Einleitungstext zu unserem Schwerpunkt zum „Postdramatischen Theater“, diesen Gegenstand nicht ab-, sondern gerade wieder aufzuschließen. Das Symposium an der AdK erweiterte den Diskurs, wie Martin Müller berichtet, um internationale Positionen. Weniger glücklich zeigte sich Tom Mustroph angesichts der neuesten Produktion von She She Pop: Deren Jubiläumsinszenierung „Kanon“ hätte eine Forensik der Performance-Geschichte sein können, geriet aber eher zum missglückten Theatersport. Hans-Thies Lehmann wiederum redete mit seinem Postskriptum zu Moral, Politik und Theater, das wir hier abdrucken und das in Auszügen auch in der AdK verlesen wurde, allen ins Gewissen. Das „linke“ Denken, schreibt er, erlebe gegenwärtig einen Moment der Ohnmacht. „Ohnmächtig steht da, hilflos, wer die politische Form unserer Vergesellschaftung nicht als der Weisheit letzten Schluss annehmen will, welche die Menschen zwingt, sich systematisch zu den anderen als Konkurrent zu verhalten, nicht als Helfer.“ Dass in der Kunst, wie jetzt am Beispiel Peter Handkes zu sehen, die fehlende Moral durch einen verbissen Moralismus wieder wettgemacht werden solle, sei ein Irrweg.
Die Arbeiten von Julian Hetzel sind momentan die radikalsten Kunstereignisse, die diesen Irrweg gerade nicht beschreiten. Im Gegenteil. Seine Performances und Installationen, die auch mit den Mitteln der bildenden Kunst experimentieren, blicken bewusst in die moralischen Abgründe – nicht nur unserer Gesellschaft, sondern auch des Kunstbetriebs. „Während die Vereindeutigung der Welt heute rapide voranschreitet und Ambivalenzen in einem Entweder-oder erstickt, sind Julian Hetzels politisch nicht korrekte Performances als Aufforderung zum Selbstdenken jedenfalls mehr als zu begrüßen“, schreibt Anja Nioduschewski in ihrem Porträt. Wir stellen Hetzels Arbeiten in unserem Künstlerinsert vor.
Eine der spannendsten Künstlerinnen einer ganz anderen Form von Theater ist derzeit die polnische Regisseurin Marta Górnicka, die Renate Klett porträtiert. In ihren hochenergetischen Chören bindet sie Menschen unterschiedlichster Herkünfte zusammen, in „Hymne an die Liebe“ sogar Vertreter vom politisch linken und rechten Spektrum. Echte Trainingscamps für das Aushalten von Ambivalenzen also.
Wütende Chöre formieren sich seit November 2019 auch in Belgien und Ungarn. In beiden Ländern drohen die rechtsnationalen Regierungen den freischaffenden Künstlerinnen und Künstlern die Förderung zu streichen. Ein Angriff auf die Kultur, der ideologisch grundiert ist. Charlotte De Somviele und Kristof van Baarle berichten aus Flandern, Anja Nioduschewski schildert die Lage in Ungarn.
Mit der Rolle des Autors beschäftigen sich in dieser Ausgabe unsere Kolumnistin Kathrin Röggla und der Regisseur und Autor Alexander Eisenach. Während Röggla Überlegungen anstellt, was die Dramatik tun könne, um sich gegen ihr Verschwinden zu wehren, denkt Eisenach über die Krise des Autors nach, die mit der Krise der Wahrheit und also der Krise der gültigen Narrative einhergeht. Jakob Hayner hat mit ihm über sein neuestes Stück „Stunde der Hochstapler“, das wir hier veröffentlichen, gesprochen.
Neben dem Neustart am Theater Neubrandenburg und Neustrelitz, über den Gunnar Decker berichtet, haben wir auch aus unserem Haus Neuigkeiten zu vermelden. Mit der Januarausgabe ist Dorte Lena Eilers neue Chefredakteurin von Theater der Zeit. Harald Müller bleibt der Zeitschrift als Herausgeber verbunden. Wir freuen uns auf eine neue gemeinsame Zukunft und wünschen allen Leserinnen und Lesern einen guten Start ins neue Jahr. //
Die Redaktion
















