Editorial
Erschienen in: Theater der Zeit: Theater im Vereinigungsprozeß (11/1991)
Vorsprüche - Zusprüche - Ansprüche: Wir müssen handeln. Wir haben keine Zeit zu warten. Jedes Warten auf irgend etwas, was da kommen wird, ist zur Minute auch für die künstlerische Entwicklung in den neuen Bundesländern tödlich, weil nicht nur Planungen, sondern Haltungen aktiviert werden müssen. Wir müssen die Dinge in die Hand nehmen, wir müssen sie voranbringen. Das ist die einzige Chance - und es ist eine große! Udo Zimmermann, Intendant, Leipziger Oper
Unser Theater ist nicht mit leeren Händen in die neue gesamtdeutsche Theaterszene eingetreten. Wir brachten unsere Tradition und Leistungskraft sowie künstlerische und wirtschaftliche Konzepte mit, konnten in der Saison 1990/91 erste erfolgreiche Schritte tun. Peter Gogler, Intendant, Landestheater Dessau
Theater muß versuchen auf die Bühne zu stellen, was die Menschen heute beschäftigt und angeht, was sie bewegt und bewegen sollte. Selbstverständlich kann man nicht dauernd die Apokalypse an die Wand maIen. Man kann aber auch nicht an ihr vorübergehen. Mag diese Verkörperung sich lachend zeigen, amüsant oder grotesk, leidenschaftlich, tragisch, rätselhaft oder provokativ. Eines aber darf nie eintreten: Langeweile. Pavel Fieber, Intendant, Pfalztheater Kaiserslautern
In der Tat tut sich derzeit hierzulande viel. Und das Theater als jene Zauberstätte harter Arbeit, dessen Inselund Brennspiegelfunktion gesellschaftliche Entwicklungen jeweils besonders schnell und deutlich aufscheinen läßt, muß in dieser Zeit des stringenten Arbeitstempos und der potentiellen Aktivität gesteigert seine seismographische Bedeutung unter Beweis stellen. Peter P. Pachl, Intendant, Thüringer Landestheater Rudolstadt
Und das Theater? Darf ich dazu Bertolt Brecht zitieren: »Das Theater muß nämlich durchaus etwas Überflüssiges bleiben dürfen, was freilich bedeutet, daß man für den Überfluß ja lebt.« In diesem Sinne soll das Theater auch weiterhin etwas Notwendiges sein, um Gefühl und Phantasie anzuregen. Und letztlich geht es auf dem Theater ja immer im weitesten Sinne um die Humanitas - die Menschlichkeit. Norbert Kleine Borgmann, Intendant, Städtische Bühnen Osnabrück
Am 3. Oktober 1990 wurde mit der staatlichen Einigung die entscheidende Voraussetzung geschaffen, daß Deutschland, daß Berlin zusammenwächst. Ein Wunschtraum vieler hat sich erfüllt. Aber seine reale Konkretisierung bereitet Schwierigkeiten. Wie könnte es anders sein nach Jahrzehnten der Spaltung? Götz Friedrich, Generalintendant, Deutsche Oper Berlin
Sicherlich ist Theater ein »Extra«, etwas Besonderes. Aber, ich meine auch: etwas Notwendiges, um Gefühl und Phantasie anzuregen, um in unserer doch schwierigen Zeit eine Lebenshilfe zu sein. Schließlich ist Theater eine Sache, die von Menschen für Menschen gemacht wird, wo Themen und Probleme behandelt werden, die uns alle betreffen und bewegen. Dieter Wagner, Intendant, Theater Greifswald
Aber gleichviel, ob es sich um »Die Alkestis des Euripides« handelt oder um Mozarts »Idomeneo« - immer wird es das Ziel sein, der Furie des Verschwindens von Realität die Konkretheit einer Theateraufführung entgegenzuhalten. In einer Welt, die trotz aller Bilderflut der Darsteilbarkeit mehr und mehr zu entgleiten droht, wird das Theater wieder notwendig. Holk Freytag, Intendant, Wuppertaler Bühnen
Aber das Theater spiegelt die Welt wider, in der es spielt. Und das Wunderbare ist, daß es auch die Kraft hat zu verwandeln: Im Ende die Hoffnung auf den Anfang zu erzählen, im Tod den Willen zum Leben, im Krieg die Sehnsucht nach dem Frieden. Volker Canaris, Intendant, Düsseldorfer Schauspielhaus
Wohl aber sind - solange praktische Vorschläge zur Bewältigung der komplizierten Probleme noch nicht gefunden sind - Sensibilität und Spürsinn vor allem der Künstler gefragt. Die Chance des Theaters, modellhaft Leben und Welt »spielerisch« zu analysieren, in Frage zu stellen, zu bauen, wieder zu verwerfen und schließlich die »Lösung« als Aufgabe der Zuschauer zu überantworten - diese Chance haben wir entschlossen und mit Konsequenz als unsere Leistung zu begreifen und wahrzunehmen. Dieter Görne, Intendant, Staatsschauspiel Dresden
















