4.8. Techniken des Texterwerbs: Diktieren und Memorieren
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
4.8.1. Diktieren
Zu Beginn der Arbeit an einem literarischen Text sind wir, was das »Vergrößern« angeht (damit ist gemeint: ein gestisch entschiedener, raumfüllender Textvortrag), oft eher vorsichtig. Das ist verständlich. Wir forschen noch nach einer Grundhaltung. Es ist noch keine Situation etabliert, auch noch kein Handlungsziel. Zudem kommt es oft vor, dass sich, besonders angesichts eines klassischen Textes, bestimmten Zeilen gegenüber sofort eine pathetische oder gefühlige Sprechversion einstellt. Um diese zu vermeiden, bleibt es dann, auch für einen zweiten, dritten, vierten Lesedurchgang, bei einem andeutenden Sprechgestus. Aber im Verlauf der Arbeit kann es einen Moment geben, wo wir – oft noch, bevor eine entschiedene Haltung zum Text gefunden wurde – durchaus schon Lust verspüren, uns als Sprechende stärker zu engagieren, probehalber einen Text zu vergrößern, ihn im Raum zu platzieren.
In diesem Fall lässt sich das Verfahren des Diktierens nutzen. Dabei wird bewusst der naheliegende Versuch unterlassen, sich vom Text in eine emotional oder atmosphärisch bestimmte Situation hineinziehen zu lassen.
Dies tatsächlich zu unternehmen: die Studierenden zum Diktieren aufzufordern, stößt keineswegs immer auf Interesse oder Verständnis. Es kann im Gegenteil große Widerstände aufrufen. Der so Vorgehende soll sich ja willentlich vom Text entfernen, einer Entfremdungsaktivität zustimmen, von der nicht sofort...
















