4.9. Prosodie, Rhetorizität und Leiblichkeit. Zur gestischen Funktion des Atemduktus/der Tempovariation. Robert Gernhardt: Tierwelt – Wunderwelt
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
In Kapitel 4.5. wurden »prosodische Variationen« durchgespielt: Durch die Variierung bestimmter Sprechausdrucksmittel wie Satzmelodie, Tonhöhenakzent, Tempovariation und Artikulationsspannung entfalteten Sprichwörter ihre Ausdrucksvarianz. Die Pointe dieser Etüde bestand darin, dass – bei aufmerksamem, »leiblich-rezeptivem« Hören – im Anschluss an rein formal getroffene Gestaltungsentscheidungen fast von selber unterschiedliche situative Kontexte hervortraten. Im Spannungsfeld dieser Kontexte konkretisierten sich Körperspannung und Ansprechhaltung. Für jeden neuen Sprechakt wurden damit zugleich unterschiedliche fiktive Ansprechpartner etabliert, denen sich der Sprecher oder die Sprecherin mit entschiedenen Handlungszielen zuwandten.
Dieses Verfahren wird im Folgenden, bei Hinzuziehung der gewonnenen Einsichten zur Thema-Rhema-Struktur, auf einen literarischen Text angewandt. Dadurch wird einerseits der Interpretationsspielraum entfaltet, der sich dem Leser eines solchen Textes bei geduldiger Betrachtung erschließt. Andererseits sind solche bewusst gesetzten, formal variierenden Gestaltungsversuche ein wirksames Mittel, kurzschlüssig vollzogene, festgefahrene Textrealisationen (mit denen der Sprecher oft selber unglücklich ist, die er aber zunächst nicht mehr rückgängig machen kann) wieder aufzulösen.
Wir betrachten dazu ein Gedicht Robert Gernhardts, das dem Auswahlband Reim und Zeit & Co. entnommen wurde46:
Tierwelt – Wunderwelt
Der KRAGENBÄR in seinem Kragen
weiß nichts vom Singen und vom Sagen.
Nie traf er auch nur einen Ton.
Von Sängern dacht’ er voller Hohn,
und angesichts des Sternenlichts
da...
















