7.5. Vier Thesen Dieter Merschs zur Nicht-Präsenz von Sprache
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
In Opposition zu dem die gesamte Ausbildungszeit über ausgefochtenen – und in aller Regel immer wieder erfolgreich bestandenen – gemeinsamen Kampf der Studierenden, Pädagoginnen und Pädagogen um Präsenz beim Sprechen treten im theaterwissenschaftlichen Kontext vermehrt Stimmen auf, die dem Text (und damit zwangsläufig auch dem Sprechvortrag) eine eigene Präsenz absprechen. Fischer-Lichte ist nur eine Stimme, jedoch keineswegs die Urheberin dieses Präsenz-Verdiktes. Sie begründet dasselbe auch gar nicht, sondern setzt es als gegeben voraus.
Es lohnt sich daher, an einem Beispiel dieser ablehnenden Haltung auf den Grund zu gehen und einem Autor dabei zu folgen, wie er seine Ablehnung der Präsenzfähigkeit von Texten, ja von Sprache überhaupt, argumentativ begründet. Der Züricher Philosoph und Medienwissenschaftler Dieter Mersch hat in einem umfangreichen Essay zur Präsenz und Ethizität der Stimme seine Präferenz für die – von allen Bedeutungszuweisungen befreite – Stimme gegenüber der sprachlichen Ebene genau begründet.71
Seine Argumentationsstrategie ist in ihren Grundzügen aus den vorangehenden Ausführungen bereits bekannt. Die Beziehung zwischen Sprache und Stimme wird als Gegensatz zwischen (vorgegebenem) Sinn und (spontaner) Leiblichkeit etabliert. Soll die Stimme Präsenz entfalten, muss sie sich jeder Bedeutungshaftigkeit, d. h. jedes »Sagens« enthalten bzw. eine vorhandene Bedeutungshaftigkeit des Gesagten »entstellen«:
Über Stimme zu sprechen, beinhaltet [...],...
















