Theater der Zeit

Vorwort

von Heike Lehmke

Erschienen in: Tanz Land NRW – Positionen zeitgenössischen Tanzes in Nordrhein-Westfalen/Positions on Contemporary Dance in North Rhine-Westphalia (08/2014)

Muss ich verstehen, was ich gerade gesehen habe? Eine oft gehörte Frage, die sich Besucher nach Tanzvorstellungen zuflüstern. Will man zeitgenössischen Tanz „übersetzen“, analysieren oder einfach nur den Fragen, die sich nach einer Tanzaufführung stellen, nachgehen, wird man oft auf sich selbst zurückgeworfen. Hier ist jeder gefordert – mit einer eigenen Haltung zum Wahrgenommenen. Lassen doch zeitgenössische Choreografien heute unzählige Lesarten zu. Der Zuschauer muss Gesehenes ordnen und strukturieren, Bekanntes und Neues in Beziehung setzen, Lücken akzeptieren und sich auf ein „anderes Wissen“, das des Körpers, einlassen – und immer wird einem dabei das eigene Selbst bewusst. Lässt sich doch der Körper nicht nur als Informationsträger des erlangten Wissens, sondern auch als Medium des kulturellen Gedächtnisses verstehen, sozusagen als Speicherplatz für individuelle Körpergeschichten. Und die Stärke des Tanzes liegt auch gerade in diesem besonderen (Körper-)Wissen, das sich nicht in traditionellen Wissensbeständen wiederfindet.

Oft wird der Zuschauer zum „Kopiloten“, zum „Koautor“, der durch das „Sehen von Tanz“ die Choreografie „mitschreibt“. Assoziationsräume eröffnen sich, und die Freiheit der Interpretation, die der Tanz bietet, kann als große Faszination erlebt werden – manchmal auch als Irritation. Nicht fassbar erscheint der Tanz nur dann, wenn er der eigenen Wahrnehmung und dem Denken fremd ist und der Weg der Annäherung unklar bleibt. Wie aber erreicht man die Ebene des Verstehens? Es scheint, als könnte man etwas nicht wahrnehmen, solange man mit dem Wahrgenommenen nicht vertraut ist; dem Philosophen und Kognitionswissenschaftler Alva Noë zufolge kann man jedoch mit einer Sache nicht vertraut werden, wenn man sie nicht wahrnimmt. Zwar lässt sich dieses Paradoxon kaum lösen, doch es ist einen Versuch wert, das Unvertraute Schritt für Schritt zu reduzieren – durch den Austausch von Erfahrungen und Wissen.

Zeitgenössische Choreografen greifen jede Art von Bewegung inklusive der Nichtbewegung und der Alltagsbewegung auf, bedienen sich verschiedenster kultureller und populärer Tanzformen; nicht alle Bewegungssequenzen sind choreografiert, sie werden improvisiert oder nach einem Zufallsprinzip zusammengestellt. Oft verlassen sie den klassischen Aufführungsrahmen, finden neue Orte und ungewöhnliche Raumkonstellationen. Sieht man also eine Tanzvorstellung, ist der Zuschauer auf viele Arten gefordert und manchmal auch überfordert. So wie andere darstellende Künste auch hinterlässt die Tanzkunst kein dauerhaftes Werk, sondern vielmehr Bruchstücke in unserer Erinnerung. Will man sich also der Tanzerfahrung annähern, bleiben kaum andere Möglichkeiten, als sich mit der subjektiven Erinnerung auseinanderzusetzen, darüber zu sprechen, zu schreiben und zu dokumentieren. Und dies ist nicht immer leicht. Lassen sich Tanz und Tanzerfahrungen als sinnlich-körperliche Kunst nicht festhalten, so ist auch die Wahrnehmung von Tanz nur schwer in Worte zu fassen. Gabriele Brandstetter formulierte in ihrem Beitrag „Tanz als Wissenskultur“ für den Sammelband „Wissen in Bewegung“ (erschienen 2007 im transcript Verlag Bielefeld) treffend: „Tanz vermag in besonderer Weise jenen Moment der Bezauberung, der Begeisterung oder des Schocks, der in gewisser Weise ‚stumm‘ macht, zu evozieren; wobei eben diese Erfahrung der Sprachlosigkeit wiederum häufig das Vorurteil, hier könne es nicht um Wissen gehen, stützt. Es geht jedoch um ein anderes Wissen: sensuell, erotisch und instabil – und selbstverständlich auch kognitiv; ein Wissen, das Grenzen des Wissens und Zonen des Nicht-Wissens (auch und gerade des ‚Sich-selbst-nicht-Wissens‘) auslotet.“

Über Tanz sprechen, ihm eine weitere Ebene der Sichtbarkeit oder Lesbarkeit zu geben, ist eine Herausforderung, die wir mit dieser Publikation annehmen möchten. Sie bringt unterschiedliche Erfahrungen und Denkweisen zum Ausdruck, stellt künstlerische Positionen zur Diskussion und gibt aktuelle Informationen zum Tanzgeschehen im Tanzland Nordrhein-Westfalen, das sich seit der letzten gleichnamigen Edition von 1999 rasant entwickelt hat. Der Tanz erlebt auf allen Ebenen eine enorme Aufwertung, was sich auch im Ausbau der Förderstrukturen widerspiegelt. Die bedeutende Rolle, die der Tanz für die kulturelle Bildung spielt, die für die heutigen Herausforderungen für Tänzer konzipierten Ausbildungsmethoden, die sich verändernden Produktionsstrukturen für Künstlerinnen, Künstler und Kompanien und nicht zuletzt das große Interesse der visuellen Künste an choreografischen Praktiken machen deutlich, mit welcher Kraft der Tanz unsere Gegenwart mitgestaltet. Diese Publikation, die nur ein Schlaglicht auf das Tanzgeschehen in NRW werfen kann, macht den Reichtum, die Spannungen und Widersprüche sichtbar. Gegebenes wird hinterfragt, nicht so Bekanntes mit Neugierde verfolgt und Vergangenheit aus verschiedenen Perspektiven reflektiert.

Leser und Tanzbegeisterte laden wir ein, diese forschende Bewegung aufzunehmen, den sprachlichen Austausch zu wagen und gemeinsam neue Erfahrungen zu machen.

Die fünf Kapitel enthalten jeweils einen überblicksartigen Einstiegsbeitrag und einige ausgewählte thematische Schwerpunkte. Hier werden Choreografen und Ensembles porträtiert, Interviews geführt, Formate vorgestellt und künstlerische Praktiken veranschaulicht. Künstlerinnen und Künstler äußern sich mit persönlichen Statements zu ihren Produktionsbedingungen und geben Einblicke in ihre Projekte. Nicht alle Visionen konnten zu Wort kommen, daher stellt diese Lektüre eine ausschnitthafte Momentaufnahme des gegenwärtigen Tanzgeschehens dar, die das Interesse wecken möchte, alles Angesprochene und auch das Unausgesprochene zu entdecken.

Allen Autoren, Fotografen, Gesprächspartnern, allen Tanzakteuren sei sehr für ihre Mitarbeit gedankt. Für die engagierte Zusammenarbeit danken wir dem Verlag Theater der Zeit und allen verantwortlichen Mitarbeiterinnen sowie dem nrw landesbuero tanz für die Unterstützung.

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