Magazin
Bauernfrühstück unspeakable
Samuel Becketts Tagebücher seiner Reise durch Nazi-Deutschland erstmals in vollständiger Ausgabe und Übersetzung
von Thomas Irmer
Erschienen in: Theater der Zeit 09/2026: Theaterbauten – Sanierung, Neubau, Interim und andere Kostenfragen (08/2026)
Assoziationen: Buchrezensionen Samuel Beckett

Ein Mann, dreißig Jahre alt, fährt allein durch Deutschland, macht fast täglich Notizen, vor allem zu den Museen, die er gezielt aufsucht, zu den Menschen, denen er begegnet, was er isst und welche Bücher er liest. Am Ende sind es sechs Hefte (notebooks), die irgendwann in Paris im Keller seiner Wohnung landen und nach seinem Tod dort gefunden werden. Ihre Bedeutung – wächst allmählich.
Jetzt ist das Erscheinen von Samuel Becketts „German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937“ etwas, das man in der literarischen Welt ein Ereignis nennt. Dennoch keine Überraschung. Die Existenz dieser Tagebücher war lange bekannt, denn James Knowlson hatte sie für seine große Biografie „Damned to Fame“ (1996) schon einsehen und daraus zitieren können, nachdem der Neffe Edward Beckett als Nachlassverwalter die Hefte aus dem Keller am Boulevard St. Jacques geborgen hatte. Später erschienen Teile der Aufzeichnungen in Büchern zu Beckett in Hamburg (Roswitha Quadflieg), Berlin (Erika Tophoven) und Bayern (Steffen Radlmaier).
Was dort zu lesen war, ließ bereits erkennen, dass Beckett nicht nur Besichtigungsnotizen niederschrieb, sondern auch ein Auge und ein Ohr für den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland hatte. Die allseits präsente Straßensammlung für die Winterhilfe, auf Notzeiten einstimmende Eintopfpropaganda und Ähnliches fielen ihm auf – drei Jahre vor dem Angriffskrieg. Das ist insofern auch bemerkenswert, da Beckett sich nicht als reisender Journalist verstand, der eine Reportage plant, sondern alles nur für sich notierte während dieser Bewegung „von etwas weg und nicht zu etwas hin“, wie der unglückliche junge Autor zu seiner vielleicht auch als Selbstprüfungsprojekt angelegten Reise von Irland nach Nazi-Deutschland notierte. Andererseits fand Becketts Unternehmung in einer Zeit unmittelbar nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin statt, als das Regime – was er selbst nicht so einordnet – bei aller Propaganda ein ziviles Gesicht wahren und dabei die auf fast allen Gebieten der Gesellschaft herrschende Diktatur ihr Wesen verbergen wollte.
Gradmesser ist für Beckett das Vorhandensein von moderner, sprich expressionistischer Kunst in Museen und Sammlungen – oder wie sie vielleicht auch hinter verschlossener Tür noch zugänglich ist. Die Suche nach ihr bildet eine Art Kompass auf der Reise. In Hamburg ergeben sich noch viele, privat vermittelte Kontakte in die Kunstwelt hinein, die Beckett den Kipppunkt zur endgültigen Ausgrenzung dieser Kunst erkennen lässt, die ein dreiviertel Jahr später mit der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ in München vollzogen wird. In Berlin, der nächsten großen Station, kann Beckett nicht mehr solche Innenansichten durch persönliche Begegnungen gewinnen. Sein Interesse gilt zunehmend historischen Sammlungen der Kunst (in Dresden neun Besuche der Gemäldegalerie) und der Ausstattung von alten Kirchen, sodass die Herausgeber Mark Nixon und Oliver Lubrich in ihrem Nachwort treffend feststellen, Beckett sei „gleichsam rückwärts durch die deutsche Kunstgeschichte gereist“.
Was diese Notebooks zu einem Sonderfall von Tagebuch macht, ist ihr Gebrauch für noch andere Zwecke als dem Festhalten von Eindrücken und dem Auflisten von Gesehenem. Beckett, der seine Kenntnis der deutschen Sprache erweitern will, notiert Wörter und Redewendungen (im vorzüglichen Apparat der Ausgabe noch einmal eigens aufgelistet), versucht einige Notizen auf Deutsch („Eintopf pfui!“) und hält – bei knapper Reisekasse – auch die Preise fest, was ebenfalls ins von ihm gesehene Alltagsbild mit eingeht. Das in Lokalen am häufigsten bestellte Essen ist Bauernfrühstück, stets bewertet auf einer Skala von hochlobend bis „unspeakable“. Die Zweisprachigkeit innerhalb des erstaunlich konsistenten Notizensounds (bis zur letzten Station München) bot natürlich eine gewisse Herausforderung für eine Edition in deutscher Übersetzung. Die Herausgeber haben dafür die großzügige Lösung gefunden, Seite für Seite das Original links neben die Übersetzung von Gaby Hartel rechts zu stellen. Für die gewiss nicht immer leicht zu entziffernde Handschrift Becketts war Mark Nixon, Leiter des Beckett-Archivs im englischen Reading, wo die Tagebücher aufbewahrt werden, der einzig richtige Mann.
Wird man fündig bei der Suche nach Spuren zum späteren Beckett? Da gibt es doch einiges neben der lange schon bekannten Anregung von Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ für das Setting von „Warten auf Godot“. Bei einem Abendessen mit viel Alkohol in Dresden bekommt der junge Dichter die Frage gestellt: „Was wollen Sie am meisten gestalten? Ich sage, Licht in der Monade.“ Eine im erst noch entstehenden Beckett-Kosmos erstaunliche Antwort. Nicht weiter bekannt ist auch, dass Beckett wiederholt den Kontakt zu Gret Palucca suchte und dafür Erkundigungen bei seinen Bekannten einholte. Sie treffen oder eine ihrer Aufführungen sehen gelingt ihm nicht. In Kirchen skizziert der oft müde, aber entschlossene Kunstbetrachter die Anordnung der Heiligenfiguren im Grundriss, was wie die Vorlagen zu einigen seiner späten Stücke aussieht – strenge Geometrie. Und dann noch der Besuch auf dem Hamburger Zentralfriedhof in Ohlsdorf, der hier in den Aufzeichnungen extra dokumentiert wird und der knapp zehn Jahre später für die Erzählung „Erste Liebe“ die szenische Verortung bildet. Knowlsons Biografie hatte den Weg gewiesen, wie autobiografisch vieles von Becketts Literatur zu verstehen sei – hier geht es weiter, zu diesem wichtigen Abschnitt der Lebens- und Schreibgeschichte Becketts.
Parallel zur ersten Gesamtveröffentlichung der Tagebücher entstand auch das vierteilige Radiostück „Samuel Beckett German Diaries“ der Übersetzerin und ausgewiesenen Beckett-Expertin Gaby Hartel. Sabin Tambrea spricht den jungen Dichter in seinen Aufzeichnungen in hellem, jugendlichem Ton, differenziert zwischen Erzählen, Beobachten und den manchmal ironischen oder sarkastischen Reflexionen, im Hintergrund die sphärische Komposition von zeitblom. Das Hörspiel-Tagebuch gibt’s ab 13.9. auf DLF Kultur – als Reise einer ganz besonderen Stimme.
„Samuel Beckett German Diaries“. Übersetzung Gaby Hartel, Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich, Suhrkamp Verlag Berlin, 1348 S., 78 Euro (Hier zu kaufen)





















