Theater der Zeit

Editorial

Editorial

von Thomas Irmer

Erschienen in: Theater der Zeit: Der Untergang des russischen Theaters (10/2022)

Assoziationen: Dossier: Russland

Das Titelbild zeigt die Flamme über dem PCK Schwedt in der brandenburgischen Uckermark, wo seit Jahrzehnten russisches Rohöl durch die „Drushba-Trasse“ ankommt und verarbeitet wird. Die sogenannte Abfackelung von Prozessgasen ist in Raffinerien ein normaler Vorgang, doch nun ist diese Flamme auch ein Symbol geworden: für die Stadt Schwedt, für die Nöte von Embargo-Politik, nicht zuletzt auch dafür, wie der russische Angriffskrieg nach Deutschland hineinwirkt, bis in die Kultur und die Theater, die schon die Heizkosten für den Winter durchrechnen und dabei das Publikumsverhalten mit steigender Sorge im Auge behalten.

Man kann es auch so sagen: In Schwedt brennt die Luft. Denn sollte die Flamme über dem PCK verlöschen, wird die Stadt veröden. Die Uckermärkischen Bühnen in ihrem 1978 im Kulturpalast-Stil errichteten Gebäude haben in den vergangenen Wochen Diskussionen zu Perspektiven von Stadt und Region veranstaltet, in einer Stimmung, die den Intendanten André Nicke sogar an den Herbst 1989 erinnerte. Man sah sich in der 33.500-Einwohner-Stadt von der Bundesregierung und dem Land Brandenburg gleichermaßen im Stich gelassen, als Wirtschaftsminister Robert Habeck und Ministerpräsident Dietmar Woidke den Ball, wie es hieß, immer wieder zum anderen schoben. Inzwischen ist der russische Anteilseigner Rosneft Deutschland unter die Aufsicht der Bundesnetzagentur gestellt worden – immerhin liefert das PCK u. a. das Kerosin für den BER-Hauptstadtflughafen sowie Heizöl und Benzin für den Großraum Berlin. Aber wie und wie viel Öl jetzt nach Schwedt kommt, ist weiter unklar. Das Theater (mit 105 Mitarbeitern nach den 1200 Beschäftigten des PCK der zweitgrößte Betrieb) war in diesem Moment tatsächlich der Ort der Einmischung und der erneut aufflammenden Transformationsdebatten im Osten Deutschlands. Wie man sieht, liegt Schwedt an der Oder, ist aber keinesfalls marginal – und sein Theater hat Haltung bewiesen, indem es zum Forum wurde.

Dass Russlands Krieg auch die eigene Kultur mit den schlimmsten Folgen verändern würde, entspricht wohl allen Erwartungen. Wie die russische Theaterkultur aber aus einer künstlerischen, auch materiell gut versorgten Blütezeit (bis zum 24. Februar des Jahres) in den Abgrund stürzt, das beschreibt und analysiert Marina Dawydowa erstmals so umfassend für TdZ. Die Chefredakteurin von Teatr, der bedeutendsten russischen Theaterzeitschrift, befindet sich gerade im Exil-Wiederaufbau, musste aus Moskau in den ersten Tagen des Krieges fliehen, nachdem Unbekannte ihr das berüchtigte „Z“ als unmissverständliche Drohung an die Wohnungstür gepinselt hatten. Der Abdruck dieses Beitrags möchte außerdem ausdrücklich verdeutlichen, dass sich TdZ mit der Situation des russischen Theaters, seiner ins Exil getriebenen Künstler und der katastrophalen kulturpolitischen Situation genauso beschäftigt wie mit der Situation des ukrainischen Theaters und seiner jede Unterstützung brauchenden Theaterkünstler. Es ist notwendig, für alle.

Und – 40 Jahre Kampnagel! Darin spiegelt sich nicht nur, wie sich Theaterkultur in Spielformen, politischer Intervention, Institutionen und Internationalität verändert hat. Nein, mit der Geschichte vom Fabrik-Underdog zum Staatstheater wurde auch ein Kapitel weithin ausstrahlender deutscher Kulturgeschichte geschrieben. Wir gratulieren. //

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