Theater der Zeit

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Editorial

Erschienen in: Theater der Zeit: Alles außer gewöhnlich – Die Schauspielerin Jana Schulz (03/2017)

Dienstagmorgen in Berlin, ein eisiger Wind pfeift über den Alexanderplatz. Dort haben sich schon einige Hundert Menschen versammelt, sie tragen bunte Westen, in den Händen halten sie Transparente und Schilder aus Pappe, die mit politischen Forderungen beschriftet sind. Es sind vor allem die Erzieher und Lehrer, die sich hier versammelt haben, sie befinden sich im Streik. Sie formieren sich zu Gruppen, vereinzelt stimmen sie Sprechchöre an. Der öffentliche Raum ist eine Bühne, auf der sich die verschiedensten Chöre versammeln können. So wie im Theater. Der gemeinsame Ursprung liegt in der antiken polis, der öffentlichen Versammlung, dem vorgetragenen Konflikt. Doch was ist ein Chor? Ein Häuflein Menschen, die etwas Gemeinsames tun? Beispielsweise demonstrieren? Oder singen, tanzen, sprechen, sich bewegen? Chöre sind Ausdruck überindividueller Artikulation. Sie tragen nicht nur einen Konflikt nach außen, auch im Innern agieren sie Spannungen aus. Im Chor und mit dem Chor wird das Verhältnis des Individuums zum Kollektiv verhandelt, des individuellen Bedürfnisses zum gemeinsamen Interesse. Das macht den Chor zu einem unvergänglichen Thema der Menschheitsgeschichte.

Im deutschsprachigen Theater gibt es seit Einar Schleefs Chorarbeiten – wie beispielsweise Elfriede Jelineks „Ein Sportstück“ 1998 am Wiener Burgtheater – ein neu gewonnenes Interesse an Chören. Wir haben uns in der vorliegenden Ausgabe ausführlich dem Thema des Chors im Gegenwartstheater gewidmet. Sebastian Kirsch untersucht anhand der Ursprünge des Chors in oikos, polis und kosmos dessen Aktualität. Ist Ödipus’ Irrtum auch für die Gegenwart bedeutsam? Was, wenn die Botschaft des Orakels missverstanden wurde – bis heute? Die Regisseurin Claudia Bauer, deren Inszenierung „89/90“ zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, hat mit dem Chor ein künstlerisches Mittel gefunden, mit dem sich politische Bilder auf der Bühne erzeugen lassen. Im Gespräch mit Jakob Hayner erzählt sie von „89/90“ als Requiem auf die sterbende DDR und vom Paradoxon der neuen Individualität. Thomas Irmer porträtiert die polnische Regisseurin Marta Górnicka, deren Chöre antike Bezüge mit feministischen Themen konfrontieren. Ihre Inszenierung „M(other) Courage“ am Staatstheater Braunschweig begeisterte 2015 dann auch Publikum und Kritik in Deutschland. „Der Chor als Spiegel des öffentlichen Raums ist heute ein unsicheres Terrain“, sagt der Chorleiter Bernd Freytag. Im Gespräch mit Gunnar Decker gibt Freytag Auskunft über seine Arbeit mit Schleef und Volker Lösch – und den Chor der Zukunft. Der Regisseur Ulrich Rasche lässt Chöre über Laufbänder schreiten. Seine Münchner Inszenierung von Friedrich Schillers „Die Räuber“ wurde soeben zum Berliner Theatertreffen eingeladen – am Schauspiel Frankfurt hat Björn Hayer Rasches jüngste Arbeit „Sieben gegen Theben / Antigone“ gesehen.

Die Schauspielerin Jana Schulz ist alles – außer gewöhnlich. Am Schauspielhaus Bochum überspielt sie mit Leichtigkeit die Grenzen der Geschlechter und erkundet mit ihrem differenzierten Spiel die Zwischenwelten des Seelischen – beispielsweise als Raskolnikow in Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“. Am Nationaltheater Mannheim kamen Stücke von Clemens J. Setz und Roland Schimmelpfennig zur Uraufführung. Dorte Lena Eilers hat sie sich angesehen, in beiden geht es um das Tier im Menschen. Kathrin Röggla liefert Nachrichten aus dem Infektionsgeschehen. Statt eine Konferenz zur Zukunft des Dramas zu besuchen, muss sie das Krankenbett hüten. Das Theater Altenburg- Gera kämpft für Vielfalt – und gegen Fremdenfeindlichkeit. Über die Schwierigkeiten eines engagierten Theaters in Ostthüringen berichtet Paula Perschke. Als Stückabdruck veröffentlichen wir in diesem Monat 16 internationale Kurzstücke zum Thema „Privacy“, die auf Initiative des Goethe-Institut Washington und des Dramatiker|innenfestival Graz entstanden sind. Und im Kunstinsert zeigen wir Bühnen des ungarischen Künstlers Márton Ágh, der mit seinen fotorealistischen Settings für die Arbeiten des Regisseurs Kornél Mundruczó Räume zum Spielen eröffnet.

Die Redaktion

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