8. Schlussbetrachtung
Erschienen in: Recherchen 177: Die Leiblichkeit der Texte (04/2026)
Im Nachdenken darüber, welche Unterrichtssituation dem Schreibimpuls für diese Arbeit am meisten Nahrung gab, ließe sich tatsächlich ein bestimmter, wiederkehrender Moment innerhalb des Unterrichtsablaufs benennen. Er ist durch etwas gekennzeichnet, was man »die Magie des Vorher-Nachher« nennen könnte.
Lässt man im Sprechunterricht zu Beginn einer Stunde die Studierenden einen vorbereiteten literarischen Text »unaufgewärmt« sprechen, schließt dann für ungefähr 15 Minuten einige »Aufwärmübungen« (für Atemvertiefung, Atemfluss, Atemergänzung, Stimmöffnung, plastische Artikulation etc.) an und kehrt daraufhin nochmals zum Text zurück, so ergeben sich in der Regel deutlich hörbare Unterschiede. Je öfter der beschriebene Vorher-Nachher-Vorgang in vorangegangenen Unterrichtsstunden schon durchgeführt wurde, desto deutlicher lassen sich auf der handwerklichen Ebene Verbesserungen bemerken, welche durch die gerade absolvierte Übungsphase ganz plausibel erscheinen: besserer Raumklang, erhöhte Verständlichkeit, Geläufigkeit, größere rhetorische Variabilität.
Verblüffender sind die Unterschiede auf der gestalterischen Ebene. Trägt die erste Fassung oft noch deutlichen Wiederholungscharakter, wirkt also wie die leicht distanzierte Wiederaufnahme einer in der vergangenen Stunde bereits realisierten Sprechversion, so lässt die zweite, nach dem »Aufwärmen« vorgetragene Fassung meistens aufhorchen. Die im Sprechen aufgerufene fiktive Realität des literarischen Textes ist sinnlicher erfahrbar, sie hat mehr Farbe und Kontur, wirkt in ihrer Räumlichkeit und Zeitlichkeit dimensionierter; die Sprechimpulse sind überraschender gesetzt; die Ansprechhaltung ist...
















